Liebste Bücherwürmer!
Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.
Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.
Alice im Wunderland
Kurios und kuriöser!
1951 erschien mit Alice im Wunderland der 13. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney. Nach vielen Jahren der Planung, des Hin und Her zwischen Realfilm, Mischfilm und reinem Zeichentrickfilm fanden die Kreativköpfe des Studios endlich einen Weg, um die ungestümen Vorstellungen Lewis Carrolls auf die große Leinwand zu bringen. Damals ein kommerzieller Misserfolg, hat aber genau dieser Film meine ungebrochene Liebe zu Disney geweckt und erfreut auch heute noch immer und immer wieder mein Herz.

Walt Disney ist mit der Geschichte rund um Alice und ihr Wunderland schon sehr früh verknüpft. Bereits 1923 brachte er mit den Alice Comedies eine bis 1929 andauernde Reihe an Kurzfilmen heraus, bei der eine reale kleine Alice das cartoonistische Wunderland betritt und dort zahlreiche Abenteuer in über 50 Folgen erlebt. Doch der Wunsch, sich mehr an das Original zu halten und einen Langspielfilm aus dem Stoff zu machen, blieb erhalten.
Aber erst 1951 sollte sich der langgehegte Traum endlich erfüllen. Alice im Wunderland, eine Mischung aus den beiden Büchern Alice’s Adventures in Wonderland und Through the Looking Glass, erweckt die kuriosen Gestalten, mit denen dieses Fantasieland bevölkert ist, zum Leben. Anfangs wollten sich die beteiligten Künstler nah an den original Zeichnungen John Tenniels halten, fanden dann jedoch mit der Künstlerin Mary Blair zu jenem Design, welches noch heute jedes Kind kennt.

Oh seht, oh seht! Ich komme viel zu spät!
Grüß Gott, bis bald, auf Wiedersehn, muss gehn, muss gehn, muss gehn!
(Das weiße Kaninchen | Alice im Wunderland)

Alice ist der Geschichtsstunde im Freien überdrüssig. Sie erklärt ihrer Katze Dinah, dass es ein Wunderland in ihrer Fantasie gäbe, bei dem nichts so ist, wie es sein sollte. Plötzlich findet sie sich jedoch in genau diesem Wunderland wieder, und läuft einem weißen Kaninchen hinterher, das eine Uhr bei sich trägt und immerzu ruft: „Ich komm zu spät!“ Alice fällt einen Kaninchenbau hinab und lernt dabei die Freuden und Schrecken dieser andersartigen Welt kennen. Der Film ist sehr episodenhaft aufgebaut, was bei Kritikern nicht immer den gewünschten Anklang fand. So wechseln die bunten Szenen – ganz wie im Original – beständig, während sich Alice immer weiter verirrt. Sie lernt den Hutmacher und den Märzhasen bei ihrer immerwährenden Teeparty kennen, schnabuliert sich in luftige Höhen und erschreckt eine Vogelmutter, und begegnet einer meiner Lieblingsfiguren: Der Grinsekatze. Die jedoch in der deutschen Übersetzung als Tigerkatze betitelt wird und somit irgendwie ihren ursprünglichen Sinn verliert.
Der Film gleicht einem Rausch, dem man erliegen könnte, wenn man nicht mehr alle seine Sinne beisammen hat. Hier wird deutlich, dass die Grinsekatze recht hat, wenn sie sagt, dass hier alle verrückt sind. Der Hutmacher, der Märzhase, sie selbst – und auch Alice. So ist es auch gar nicht so sehr verwunderlich, dass der Film vermehrt Beliebtheit in Drogenkreisen fand. Man nutzte den Film, um den eigenen Drogentripp zu vergrößern, sich an den bunten Farben und den abstrusen Geschichten zu erheitern und so sein eigenes Gefühl noch zu verstärken. Auch schon dem Autor selbst wurde der Missbrauch einiger Drogen unterstellt, um sich all diese Fantasterien ausdenken zu können.
Da der Film beide Bücher der Alice-Reihe vereint, gibt es natürlich einige Unterschiede zu finden. Aber welche?
Eine folgenschwere Bootsfahrt

Am 4. Juli 1862 macht sich eine fünfköpfige Gruppe auf eine lange Bootstour. Robinson Duckworth, Charles Lutwidge Dodgson, sowie die drei jungen Schwestern Edith, Lorina und Alice Liddell. Der Tag ist heiß, die Gedanken müßig, da will die zehnjährige Alice eine Geschichte hören. Das ist nichts neues für den Mathematikprofessor Dodgson, der nur darauf gewartet zu haben scheint. Er erzählt den drei Kindern von einem Abenteuer in einem Zauberland, einem Land, in dem unmögliches möglich scheint, in dem es Grinsekatzen und Märzhasen gibt, und noch allerlei anderes mehr. Auch das ist nichts neues, doch dann bittet ihn Alice, diese Geschichte niederzuschreiben.

Der Hutmacher sah den Märzhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt war, Arm in Arm mit der Haselmaus.
„Das war am vierzehnten März, glaube ich“, sagte er.
„Am fünfzehnten“, sagte der Märzhase.
„Am sechzehnten“, fügte die Haselmaus hinzu.
„Nehmt das zu Protokoll“, sagte der König zu den Geschworenen, und die Geschworenen schrieben die drei Daten eifrig auf ihre Tafeln, addierten sie dann und rechneten sie in Schillinge und Pfennige um.
(Alice im Wunderland | Lewis Carroll)

Zwei Jahre später, am Weihnachtsabend 1865, bekommt sie die handgeschriebene Version ihrer Abenteuer im Wunderland geschenkt, noch ein Jahr später geht es in Druck. Dass Alice im Wunderland solch ein Welterfolg werden würde, das hätte zu diesem Zeitpunkt wohl niemand geahnt.

Dass das Buch unter dem Pseudonym Lewis Carroll herausgegeben wurde, ist seinem damaligen Verleger anzulasten. Ihm gefiel der Name Charles Lutwidge Dodgson nicht, also wählte dieser eine Wortspielerei daraus. Aus Charles Lutwidge Dodgson wurde die lateinische Variante Carolus Ludovicus und schließlich die wieder anglizierte Version dessen, nämlich Carroll Lewis. Schon hier findet man die stete Faszination mit logischen Spielereien, die sich in seinen Werken fortsetzen wird.

Das große Wunder der Sprache
Auch heute noch ist der Zauber ungebrochen, den Jung und Alt zwischen den Buchdeckeln dieser immer wieder neu aufgelegten Geschichte finden können. Während die jüngere Generation sich auf die ulkigsten Gestalten einlassen kann, mit Alice mitfiebert und schließlich der erbarmungslosen Herzkönigin gegenüber steht, so machen sich die älteren auf, um die verschlüsselten Logiken des Buches zu enträtseln. Denn Rätsel sind viele versteckt, logische Nonsensrätsel und ganz besonders jene, die unsere eigene Sprache betreffen.

„Bitte, schau mal die Straße hinunter und sag mir, ob du einen von ihnen siehst.“
„Ich sehe niemand auf der Straße“, eklärte Alice.
„Wenn ich nur auch solche Augen hätte!“, bemerkte der König betrübt. „Niemand sehen zu können, und noch dazu auf diese Entfernung! In diesem Licht kann ich mal gerade so wirkliche Leute erkennen!“
(Alice im Wunderland | Lewis Carroll)

Denn häufig wird Alice in diesem Wunderland widersprochen, sie wird korrigiert und an der Nase herumgeführt, weil sie sich vermeintlich ungeschickt ausgedrückt hat. Auf genau diese ausgeklügelten Wortwitze hat Disney bei seiner Filmversion beinahe gänzlich verzichtet. Umso schöner ist es also, wenn man sich erlesen kann, wie Alice immer wieder über Doppeldeutigkeiten stolpert oder von den Figuren selbst hingewiesen wird. Auch andere Änderungen fallen auf zwischen Buch und Film. Natürlich ist es logisch, dass man im Disneystudio beide Bände ein wenig gerafft und die vielleicht spannendsten Episoden herausgepickt hat. Doch wusstet ihr, dass Disneys Herzkönigin eine Mischung aus eben dieser und der Roten Königin des zweiten Bandes ist?
wechselhaftes Wunderland

Die Rote Königin ist eine der Schachfiguren, mit denen Alice im Spiegelland zu tun hat. Dort muss sie nämlich ein weltübergreifendes Schachspiel hinter sich bringen, um am Ende der Illusion zu entkommen. Die Rote Königin (was heute der Farbe Schwarz entspricht) ist diejenige, die behauptet Alle Wege sind meine Wege! und die auch darauf pocht, dass Alice nicht immer so an ihren Fingern herumknibbeln sollte, während sie spricht. Doch ist es die Herzkönigin, die all ihren Untertanen am liebsten den Kopf abschlagen würde, ganz egal, welches Verbrechen sie sich zuschulden kommen ließen.
Außerdem begegnet Alice im Spiegelland auch dem etwas hochmütigen Ei auf der Mauer, Humpty Dumpty. Dieses Ei, das nicht herunterfallen sollte von seinem schmalen Sitz, trägt einen Gürtel um den Bauch. Ein Un-Geburtstagsgeschenk. Ja, nicht Märzhase und Hutmacher führen diesen Brauch ein, sondern Humpty Dumpty. Er ist es, der Alice erklärt, dass es doch viel praktischer ist, wenn man an 364 Tagen im Jahr Un-Geburtstag feiern kann, anstatt nur einmal im Jahr den richtigen.
Die Schlüsselszene der Gerichtsverhandlung, bei der Alice im Disneyfilm beschuldigt wird, die Herzkönigin umgeworfen und so den lachenden Blicken ihres Volkes ausgesetzt zu haben, ist ebenfalls anders im Original. Denn eigentlich findet diese nur statt, weil jemand die Törtchen der Königin gegessen hat. Hand hoch, wer sich jetzt an den 2010 erschienenen Realfilm von Tim Burton erinnert, der genau diese Szene beinhaltete? So schließt sich der Kreis wieder, und alle kuriosen Geschichten nehmen Anfang und Ende im Wunderland.
Ideenreichtum für Jung und Alt
Das Buch, nein, die beiden Bücher, bieten viele Episoden, die bisher noch nicht verfilmt wurden. Zum Beispiel lernt Alice die Herzogin mit ihrem Schweinchen kennen, oder den edlen Ritter, der immer wieder von seinem Pferde fiel. Es gibt auch noch den Kampf des Einhorns mit dem Löwen um die Krone des weißen Königs, und allerlei mehr, so dass es schwer wäre, all das in einem einigen Film gerecht unterzubringen. Dem Vorwurf, Disneys Zeichentrick von 1951 wäre zu episodenhaft, ohne roten Faden und ohne Herz, kann ich nur widersprechen. Natürlich lebt Alice nicht davon, dass man weint und leidet, man ist vielmehr erfüllt mit der Pracht und der überbordenden Fantasie des Autors, der Künstler, der Musiker. Für eine gute Stunde ist man gefangen in einem Land, welches man nur als kurios und kuriöser bezeichnen kann.
Wer jedoch die wirkliche Alice war, davon erzähle ich euch dann am Ende der Woche.

Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.
Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds

![[The Story Behind] Ab durch den Kaninchenbau](https://buchperlenblog.com/wp-content/uploads/2019/03/the_story_behind.jpg?w=1000)





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