[The Story Behind] Im wilden Sherwood Forest

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Robin Hood

Nimm von den Reichen und gib es den Armen

1973 erschien Robin Hood als 21. abendfüllender Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney auf der Kinoleinwand. Oo-da-lally, was für ein großartiges Abenteuer! Der Film nimmt sich den legendären Stoff rund um den grüngewandteten Helden aus England vor und kreiert doch eine völlig eigenständige Geschichte.

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Robin Hood ©Disney

Robin Hood, ein Geächteter und zugleich Helfer der Armen, lebt zusammen mit seinem besten Freund Little John im Sherwood Forest. Sie haben nicht nur reichlich Spaß an diesem Vagabundenleben, nein, sie helfen auch noch den Bedürftigen ihres Landes. Denn solange König Richard auf einem Kreuzzug weilt, regiert sein Bruder Prinz John mit eiserner Hand England. Robin Hood erleichert immer wieder die Reichen, um den Armen einen Teil ihrer schweren Last abzunehmen. Denn Prinz John stürzt das Land in hohe Steuern und nicht wenige können diese nicht länger bezahlen.

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In jeder Stadt, geht es auf und ab.
Und das Volk ist trotzdem noch froh,
doch nicht in Nottingham.

(Robin Hood)

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Außerdem darf die schöne Maid Marian natürlich nicht fehlen, die Jugendliebe Robins und künftige Braut. Denn ein bisschen Liebe schadet bekanntlich nie! Doch wie war das eigentlich im Original?

Waldverbunden

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Die Geschichten um Robin Hood sind ebenso legendär wie zahlreich. Sie existieren in vielen Formen, weitererzählt und aufgeschrieben. In meinem heimischen Regal findet sich die Version, die von Rosemary Sutcliff 1983 veröffentlicht wurde.

Wir lernen Robert von Locksley kennen, einen jungen Mann, der, beschwingt durch einen Besuch bei seiner Herzensdame Marian, auf dem Heimweg ist. Zwei Wochen war er fort, doch in Locksley stellt er mit Schrecken fest, dass man ihn in seiner Abwesenheit verleumdet und entmündigt hat. Seine Gefolgsleute wurden gefoltert, er selbst wird gesucht. So bleibt ihm nichts weiter übrig, als seine Flucht zu planen. Die weiteren Episoden – und so kann man wohl getrost die Kapitel des Buches bezeichnen – beschäftigen sich hauptsächlich damit, wie Robin von Barnesdale, vormals Locksley, zu seinem immer größeren Gefolge kommt. Denn er stellt die Menschen des Landes auf die Probe, prüft ihre Fähigkeiten in kleinen Spielen und gewinnt schnell Freunde für sich. Auch zeigt sich schon früh sein ausgesprochener Gerechtigkeitssinn, und er hilft den Verlorenen, wo er nur kann. Sein erklärtes Feindbild ist im Übrigen nicht direkt die Krone, sondern vielmehr die habgierige Kirchlichkeit. Äbte und Mönche, die sich im Namen Gottes bereichern, werden ganz besonders häufig von ihm und seinen Leuten um ihr Gold gebracht.

Als die schöne Marian einen äußerst groben Mann heiraten soll, flüchtet sie kurzerhand selbst in den Greenwood. Dort wird sie bereitwillig von Robin Hood auf- und zur Frau genommen, denn nichts hat er sich zeit seines Lebens sehnlicher gewünscht. Doch durch diese Heirat wird er ebenfalls einen Feind gewinnen, den er sein Leben lang nicht wieder verliert. Während im Disneyfilm die bezaubernde Maid Marian eine Verwandte des Königshauses ist, so ist sie doch eigentlich nur eine einfache Landadelige gewesen.

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Robin war zwar ein Mann von hohem Wuchs, aber sein Kopf reichte nur bis an die Schulter dieses jungen Riesen; er musste den Kopf zurücklegen, um zu ihm aufzusehen – und das ärgerte ihn noch mehr.
„Hast du denn gar kein Benehmen, Kerl?“, fragte er hochmütig. „Hast du nicht gesehen, dass ich die Brücke schon betreten hatte, ehe du deine riesigen Füße darauf setzest?“

(Robin Hood | S. 27)

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Es ist wirklich schön zu sehen, wie sich Disney der vielen Legenden rund um den Helden des Waldes angenommen hat und aus ihnen etwas eigenes spann. Denn viele Anspielungen kann man erkennen, wenn man genauer hinsieht. So parodiert zum Beispiel eine Anfangsszene Disneys das Kennenlernen von Little John und Robin. Denn ihr erster freundschaftlicher Kampf findet auf einem schmalen Steg über einen reißenden Bach statt. Beide kämpfen erbittert darum, ja nicht hineinzufallen, wobei jedoch Robin schließlich den Kürzeren zieht und aufgrund Little Johns enormer Kraft einstecken muss. In der Disneyvariante bieten sich beide den Weg gegenseitig an und landen schlussendlich doch zusammen im Wasser.

Legendärer Stoff

Die unübertroffene Freundschaft der beiden zueinander und zu Bruder Tuck ist ebenfalls ein großer Bestandteil beider Varianten. Natürlich besteht die Bande Robins den Legenden nach aus weitaus mehr Geächteten als sie uns Disney in seinen rund 80 Minuten zeigen kann, doch die Grundzüge werden auch im Film mehr als deutlich. Während Disney sich jedoch auf die Geschehnisse rund um Prinz Johns unrechtmäßiger Zeit auf dem Throne widmet, folgt die Geschichte Rosemary Sutcliffs eher einem breitgefächerten Kampf für die Armen und Unterdrückten. So erlebt man auch, wie Robin und seine Gefolgsleute vom zurückgekehrten König Richard begnadigt werden, wie sie dennoch den Weg zurück in den Wald finden und wie Robin schließlich doch sein Leben aushauchen muss. Wer also nicht genug von dem Helden aus dem Wald bekommen kann, für den lohnt sich auf jeden Fall ein tieferer Blick hinein in die Welt Robin Hoods.

schnörkel


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?

101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet

Dumbo – Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!

Bambi – Von Reh zu Hirsch

Aladdin – Der ungeschliffene Diamant

Arielle – Unter dem Meer

 

 

9 Comments on “[The Story Behind] Im wilden Sherwood Forest

  1. Tolle Story Behind! Robin Hood ist eine meiner Lieblingslegenden und ich hatte in meiner Jugend ein tolles Buch im Regal stehen, wo man ein Auge hinter vielen grünen Blättern sieht… Leider keine Ahnung mehr, von wem das war 😊

    Liebe Grüße,
    Nico

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    • Huhu Nico!
      Das klingt ja auch schön, dieses Cover. Schade, dass viele der Bücher, die man früher besessen hat, mittlerweile weg sind, oder? Also ich trauere durchaus dem ein oder anderen hinterher… 😀

      Liebe Grüße!
      Gabriela

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  2. Liebste Gabriela,

    ganz herzlichen Dank für diese, mal wieder herrliche, The Story Behind Ausgabe! Du hast mir tatsächlich Lust gemacht mich nun selbst in den Wald zu wagen um auch mal von Robin und seinem Gefolgte zu lesen 🙂

    Also ist Dank dir mal wieder ein weiteres Buch auf der Wunschliste gelandet!

    Herzliche Grüße
    Bella

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  3. Liebe Gabriele,
    wieder so ein toller Beitrag! Du recherchierst da so viel immer – beeindruckend!
    Robin Hood liebe ich sehr – genau der richtige Mann für diese Welt 🙂

    Liebe Grüße Anett.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anett!
      Nur für euch ♥ Obwohl ich auch immer wieder total geflasht bin, was sich so alles herausfinden lässt über die literarischen Vorlagen!

      Ich finde auch, es sollte mehr Robin Hoods geben auf dieser Welt!

      Liebste Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

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