[The Story Behind] R-E-T-T-U-N-G

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Bernhard und Bianca

Der Gefangenen-Hilfsverein

1977 kam mit Bernhard und Bianca der 23. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney auf die große Kinoleinwand. Die beiden Mäuse, die dem Waisenkind Penny in den Teufelssümpfen zu Hilfe eilen, sind wohl den meisten, ob Groß oder Klein, ein Begriff.

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Bernhard & Bianca ©Disney

Penny, das niedliche Waisenkind mit den blonden Zöpfen und den großen Kulleraugen, hat wohl schon so manches Herz berührt. Sie wartet darauf, von einer liebenden Familie adoptiert zu werden, doch stattdessen gerät sie in die Fänge der scheusslichen Madame Medusa und ihrem halbwegs vertrottelten Hilfskumpan Mr. Snoops. In den Teufelssümpfen soll das kleine Mädchen in einer alten Höhle den größten Diamanten der Welt finden und bergen. Ihr gelingt es, eine Flaschenpost über das Meer zu schicken und somit die Hilfsvereinigung aka Mäusepolizei auf den Plan zu rufen.

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Sei tapfer mein Kind, es gibt Menschen, die lieb zu dir sind.
Lass die Tränchen und glaube an mich, jemand wartet auf dich.

(Bernhard und Bianca)

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Die schöne Miss Bianca sowie ihr auserkorener Helfer Bernhard eilen zu ihrer Rettung. Doch das Ganze ist nicht gerade ungefährlich, denn Madame Medusas „Kuschelbabys“ sind nichts weiter als ausgewachsene Alligatoren. Nur mit List und Tücke kann es den dreien gelingen, aus diesen finsteren Machenschaften wieder heil herauszukommen.

Aber, Moment. Wie war das denn im Original?

Miss Bianca und ihre Freunde

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1959 veröffentliche Margery Sharp unter dem Titel Rescuer (dt. Bianca und ihre Freunde) den ersten von insgesamt 8 Bänden über Miss Bianca, die dem Gefangenen-Hilfsverein beitritt, um – der Name sagt es schon – Gefangenen beizustehen, zu helfen und eventuell auch, um sie zu befreien.

Interessant ist, dass sich alle Quellen einig sind, dass sich der Film Bernhard und Bianca vor allem und generell auf Band 1 der Serie bezieht. Natürlich, hier lernen sich Bianca und Bernhard kennen, der im Übrigen kein Hausmeister ist, sondern in der Speisekammer arbeitet. Aber ansonsten könnte man wohl auch inhaltlich alle anderen Bände mit dem Film vergleichen, denn diese haben ebenso viel bzw. wenig miteinander gemein.

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Lieber Junge, weine nicht,
deine Bianca schnell vergiss.
Nur der höhere Ruf der Pflicht
sie von deiner Seite riss.

(Bianca und ihre Freunde | S. 42)

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Nehmen wir uns erst einmal Penny vor, das goldige Kind, dass auf seine Rettung wartet. Seht ihr sie? Prima. Als erstes machen wir aus ihr einen ihn. Wir geben ihm noch ein paar Jahre oben drauf, sagen wir, na, mindestens zehn. Wir haben nun also einen jungen Mann, der von Beruf Märchendichter ist und ursprünglich aus Norwegen stammt. Außerdem wird er nicht von Kriminellen für den ultimativen Diamantraub benutzt, sondern sitzt in einem Hochsicherheitstrakt fest, der die Schwarze Burg genannt wird. Und weil Märchendichter immer so freundlich über Mäuse reden, will ihm unser Hilfsverein also helfen. Das Problem ist nur, keine der hier anwesenden Mäuse kann norwegisch, um mit dem Dichter kommunizieren zu können.

Also wird Bernhard losgeschickt, um die schöne Miss Bianca dazu zu überreden, bei ihrer bevorstehenden Reise nach Norwegen – selbstverständlich im Diplomatenkoffer des Vaters ihres Besitzers – die mutigste Maus in Norwegen zu finden und in die Versammlungshalle der Mäuse zu schicken. Nach ein bisschen Zieren und Überlegen willigt Miss Bianca nun also ein und die Reise geht los. Mit Nils, einem seetüchtigen Mäuserich kehrt sie schließlich auf Umwegen zurück und nimmt nun selbst, an der Seite Bernhards und Nils‘ an der ganzen Expedition teil. Dabei fällt schnell vor allem eines auf: Es vergeht unglaublich viel Zeit. Wochen-, ja sogar monatelang passiert nichts, als dass die Mäuse sich in der Schwarzen Burg einquartieren, sich ein wenig umschauen und dem Kater Mameluk aus dem Weg gehen. Natürlich kommt die Gefahr später noch zum Zuge, doch alles in allem ist es doch ein recht seichtes Abenteuer, das die drei Freunde hier bestreiten.

Verborgene Details

Nun könnte man losschimpfen und fragen, wieso denn nun der Film überhaupt auf dem Buch basiert, wenn es doch eine völlig andere, eigenständige Geschichte darstellt. Möglicherweise wollte Disney einfach ein weiteres großes Abenteuer der beiden Mäuse veröffentlichen (denn Nils wurde ja kurzerhand gestrichen, wer braucht schon norwegisch sprechende Mäuse…). Tatsächlich kann man aber doch den ein oder anderen Hinweis entdecken, wenn man das Buch kennt. Die Flaschenpost, die Penny am Anfang des Films ins Wasser wirft, wird im Buch von Miss Bianca geschrieben. Sie hofft so, dem Jungen, den sie verlassen hat, um auf die große Reise zu gehen, einen Hinweis auf ihren Verbleib zu schicken, sollte ihr etwas geschehen. Das Ganze passiert in Form eines Gedichtes, welches ich euch als Zitat herausgesucht habe. Auch klettern die Mäuse des Films allesamt aus den Reisekoffern der Menschen, was natürlich an die bequeme Art zu reisen bei Miss Bianca erinnert. Diese darf – hochoffiziell – immer im Diplomatenkoffer die Welt entdecken. Auch das Bild der mutigen Maus und Gründer des Vereins findet man sowohl im Buch wie auch im Film. Beide beziehen sich auf die Heldentat der Maus, die dem Löwen einen Dorn aus der Pfote zog. So findet man zumindest verborgen hier und da eine kleine Hommage an die Ursprungsgeschichte. Natürlich wäre es interessant zu wissen, wie denn die Geschichten rund um Miss Bianca weitergehen, denn am Ende des ersten Bandes trennen sich Bernhard und sie schweren Herzens wieder voneinander.

schnörkel


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten

 

2 Comments on “[The Story Behind] R-E-T-T-U-N-G

  1. Wie immer sehr interessant. Ich habe mir über diese Vorlage nie Gedanken gemacht. Weißt du zufällig, ob der zweite Teil (in Australien) auch irgendwo auf den Büchern basiert oder haben sie da die Vorlage ganz verlassen?
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

    • Dankeschön! 🙂
      Tatsächlich bin ich mir da nicht sicher, aber so wenig wie Buch und Teil 1 eigentlich miteinander zutun haben, hat da wohl noch weniger eines der weiteren Bücher Pate gestanden.

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

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