[The Story Behind] Der weiße Affe

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Tarzan

Ein Leben im Dschungel

Tarzan ist der 37. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Disneystudio und kam 1999 auf die große Kinoleinwand. Eine Geschichte über wildes Leben, über Familiensinn und über zwei Welten, die aufeinanderprallen.

Tarzan ©Disney

Eine junge Familie rettet sich aus einem brennenden Schiff und setzt über auf eine scheinbar unbewohnte Insel, irgendwo vor Afrika. Doch das vermeintliche Glück der Rettung hält nicht lange an, denn wilde Tiere streifen durch das dichte Grün. Ein weiterer Blick zeigt uns eine Gruppe von Gorillas mit Nachwuchs. Auch dieser Nachwuchs lebt in ständiger Bedrohung durch die Großkatzen des Dschungels. Es kommt, wie es kommen muss, sowohl das Gorillajunge sowie auch die Menschenfamilie verlieren ihr Leben an den Leoparden. Alle, bis auf den kleinen Jungen. Kala, eine der Gorillas hört sein Wehklagen, und, noch immer in Trauer um ihr eigenes Kind, nimmt sich kurzerhand des kleinen Menschleins an.

Ist das Wasser auch wirklich keimfrei? Es kommt mir ziemlich suspekt vor!

(Tarzan | Disney)

Tarzan, wie er von nun an genannt wird, versucht alles, um sich an seine neue Familie anzupassen, doch kann er lange Zeit nicht recht mit den flinken, starken Affen mithalten. Doch es gelingt ihm schließlich bei einer Mutprobe, die Gunst der jungen Affen zu erwirken – wenn auch nicht die des Silberrückens Kerchak.

Viele Jahre später gelangen der Forscher Archimedes Porter, seine Tochter Jane, sowie der Großwildjäger Clayton auf Tarzans Insel. Während von Jane und dem Professor keine Gefahr auszugehen scheint, ist es Clayton, der einem perfiden Plan nachgeht. Tarzans Faszination, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihm gleicht, lässt ihn schnell seine Furcht vergessen. Er freundet sich mit Jane und ihrem Vater an, und zeigt ihnen schlussendlich das Versteck der Gorillas.

Ein gefundenes Fressen für Clayton, der diese mayestätischen Tiere eingepfercht nach London bringen will. Ein spannender Kampf Mann gegen Mann gegen Tier entsteht, an dessen Ende sich Jane und ihr Vater dafür entscheiden, in der Wildnis bei den Affen zu bleiben. Doch wie war das eigentlich im Original? Ich verrat es euch: Ganz anders.

Tarzan bei den Affen

Verdrehte Wirklichkeiten

1914 veröffentlichte Edgar Rice Burroughs seinen Dschungelroman Tarzan bei den Affen. Diesem Auftakt sollten noch 23 weitere Teile folgen. Mir persönlich hat der erste Teil allerdings vollkommen ausgereicht, gab es doch so einige Punkte, mit denen ich nicht wirklich einverstanden bin.

Wilde Bestien

War es bei Disney ein brennendes Schiff, das die Familie in den grünen Dschungel brachte, so wurden sie im Original Opfer einer Meuterei. John Clayton, der Lord von Greystoke, und seine schwangere Frau werden an der Küste Afrikas ausgesetzt und richten sich häuslich ein. Große Menschenaffen (die im Verlauf des Buches weder als Gorillas, noch als Schimpansen oder sonstige bekannte Arten deklariert werden) durchstreifen das Gebiet der Familie und greifen immer wieder an. Einmal ist der Kampf so eng, dass Claytons Frau darüber den Verstand verliert und die letzten Monate ihres Lebens nicht mehr weiß, dass sie nicht im heimischen England sind. Doch damit nicht genug, Kerchak, der Silberrücken und Anführer einer Horde von Affen, kommt nicht zur Ruhe, bis der fremde Eindringling endlich zur Strecke gebracht ist.

Kerchak, der im Disneyfilm zwar ebenfalls für den Schutz seiner Gruppe steht, aber generell sanft und gutmütig wirkt, hat bei Burroughs ziemlich rabiate Züge. Im Verlauf des Buches wird er immer wieder herumwüten, die anderen Affen vertreiben, ja, sie teilweise zu Dutzenden töten, wenn er einmal in Rage ist. Generell ist Burroughs Bild der Tiere kein besonders positives. Sie alle haben hässliche Visagen, böse Augen und gemeine, bestienartige Züge an sich. Nur Tarzan, das erhabene Menschlein tut sich als wahrer Strahlemann und gottgleiches Wesen hervor.

Sie hielt die winzige Gestalt des kleinen Lord Greystoke fest an die Brust gepresst. Seine zierlichen Hände hatten das lange, schwarze Haar gepackt, mit dem jener Teil ihres Körpers bedeckt war. Sie hatte das eine Kind von ihrem Rücken in einen grauenvollen Tod stürzen sehen und wollte das Risiko nicht eingehen, dass diesem Gleiches widerfuhr.

(S.52 | Tarzan)

Gottgleicher Mensch

Doch zunächst einmal ist er nur ein kleines Bündel, dessen sich Kala annimmt, die Frau von Tublak, deren Sohn nicht wie bei Disney den Tod durch den Leoparden fand, sondern durch eine von Kerchaks wüsten Attacken. Apropos Leopard. Die streifen zwar auch in Burroughs Dschungel umher, doch das Hauptaugenmerk liegt hier auf Sabor, der Löwin. Oh ja. Ich kann euch nicht sagen, wie froh ich war, dass Sabor die Rolle der Leopardin bei Disney zugesprochen wurde – ein weitaus passenderer Pelz für das Dschungelszenario. Sabor ist es jedoch sowohl im Film als auch im Buch, der Tarzan sich stellen muss, um den Respekt der Affen zu gewinnen. Eingeschränkt in seiner physischen Kraft verwendet er eine scharfe Klinge, die er im Buch im Haus seines Vaters fand. In diesem Haus verbringt er seit Kindertagen viele einsame Stunden, auf der Suche nach seiner Identität. Denn dass er anders ist als die anderen seiner Gruppe, das hat er schnell bemerkt. Tatsächlich scheint er auch anders als alle anderen Menschen zu sein, denn obwohl er noch nie ein menschliches Wort vernommen hat und sich die Affen in einer sehr unterentwickelten Sprache unterhalten, kann unser schlauer Affenmensch sich selbst das Lesen und Schreiben beibringen. Denn die Bilderbücher, die seine Eltern auf ihrer Schifffahrt mitbrachten, die befinden sich noch immer in der elterlichen Hütte. Und langes Starren auf die kleinen käferartigen Buchstaben in den Fibeln bewirkt schlussendlich das Verständnis des großen Ganzen.

Nein. Ich habe dazu einmal herumgefragt, ob ein Mensch, der noch keinem anderen Menschen begegnet ist, sich selbst das adäquate Lesen und Schreiben beibringen kann. Kann er nicht. Er kann womöglich Substantive zuordnen, wenn er ein Bilderbuch zur Verfügung hat und dort abgebildete Dinge wie Menschen oder Tiere wiedererkennt. Er kann auch die Buchstabenfolge lernen wiederzugeben auf Papier. Aber er wird keine vollständigen Sätze bilden können. Außer Tarzan, der kann.

Während Tarzan langsam älter wird, finden wir uns plötzlich mit einem Kannibalenstamm im Dschungel konfrontiert. Disney ließ diesen Handlungsstrang völlig weg – und ich muss sagen, ich bin da nicht besonders böse drum. Tarzan treibt allerhand Schabernack mit den Ureinwohnern, stiehlt ihnen vergiftete Pfeile, knüpft sie auf und zieht sich ihre Kleidung über. Warum? Er hat erkannt, dass er über den Affen steht, die ihn großgezogen haben. Er sucht etwas, um sich von ihnen abzusetzen. Die Ureinwohner wiederrum haben einige Scherereien mit weißen Soldaten, die in einem anderen Teil des Dschungels Quartier bezogen haben. Und dann treten auch endlich Jane Porter und ihr Vater auf. Ach ja. Und ein weiterer Clayton.

Eine Familie?

Wer gut aufgepasst hat, dem wird aufgefallen sein, dass sowohl der Vater Tarzans John Clayton hieß, als auch der Jäger im Disneyfilm. Und wenn man sich die beiden ausgeprägten Kinnpartien von Clayton und Tarzan einmal genauer betrachtet, so erkennt man, dass Disney hier einen Hinweis auf Claytons eigentliche Familienabstammung einstreut. Denn – Trrrrommelwirbel! – Clayton ist eigentlich Tarzans Cousin. So. Und hat im Buch eine gänzlich andere Rolle als im Film. Denn Burroughs sah in Clayton nicht den barbarischen Großwildjäger, sondern einen etwas verweichlichten, englischen Lord, dessen Onkel auf hoher See verschollen war, und dem nun dessen Ländereien und Titel der Familie von Greystoke zustanden. Und der bereits ein Auge auf Jane Porter geworfen hat, und sie auf ihn.

Es war ein außerordentlich schönes Gesicht von vollendeter Männlichkeit, die nicht entstellt war durch Ausschweifung oder brutale oder degenerierende Leidenschaften. Denn obwohl Tarzan von den Affen Menschen und Tiere getötet hatte, hatte er dies getan, wie der Jäger tötet, leidenschaftslos, von wenigen, sehr seltenen Fällen abgesehen, wo er aus Hass getötet hatte – aber auch hier wieder nicht aus lange aufgestautem, böswilligen Hass, der dem Betreffenden hässliche Linien ins Gesicht kerbt.

(S. 235 | Tarzan)

Als nun aber Jane von Terkoz‘, einem Affenmännchen und ständiger Widersacher Tarzans, im Dschungel verschleppt wird (wir erkennen Terkoz im Disneyfilm übrigens unter dem Namen Terkina – Terk – als Tarzans beste Freundin kaum wieder), und Tarzan sie wie aus den Armen King Kongs retten muss, ja, da fliegt die Liebe ungezügelt durch den Dschungel. Wer kann es Jane auch verübeln, wird Tarzans anmutige Gestalt doch immer wieder gottgleich beschrieben; man möchte beinahe die Augen vom Papier abwenden, so geblendet fühlt man sich von Tarzans schimmerndem Wesen. Doch all die wilde

Liebe nützt den beiden nichts, denn eine Verkettung von Zufällen und wilden Schießereien führen dazu, dass Jane sich bereits wieder auf dem Rückweg nach London befindet, während sich Tarzan um einen französischen Soldaten kümmert.

Dieser nun, d’Arnot sein Name, wird Tarzan innerhalb von nur zwei Tagen beibringen, sich auf französisch zu verständigen. Kommen wir noch einmal kurz auf mein Umfrage von vorhin zu sprechen: Es ist eigentlich unmöglich, sich allein und selbstständig das Lesen und Schreiben beizubringen. Und es ist erwiesenermaßen ab einem gewissen Alter ebenfalls schwierig, wenn nicht gar aussichtslos, einem Menschen das Sprechen beizubringen. Aber Wunderkind Tarzan lernt die französische Sprache binnen zwei Tagen. Er kann nun also auf englisch Lesen und Schreiben und auf französisch sprechen. Kein Wunder also, dass Burroughs ihn selbst so glorifizierte.

Frisch geschniegelt und aufpoliert, nimmt Tarzan nun auf einem Schiff Quartier, um zu seiner Herzensdame nach England zu schippern. Doch dort angekommen, sieht er sich einer Jane gegenüber, die zwar den wilden Waldgott liebte, sich in der Behaglichkeit Londons aber durchaus eher im Stande sieht, den anderen Clayton zu erhören. Dass dessen Reichtümer und Titel eigentlich Tarzan gehören, das weiß zwar Tarzan, doch er kommt zu dem Schluss, dass er Jane, die zwar beteuert ihn zu lieben, nicht zurück in den Dschungel nehmen kann. Ein ganz schönes Kuddelmuddel.

Verbesserte Ansichten

Bricht man nun Buch und Film auf ihre wesentlichen Merkmale herunter, hat man zum einen Burroughs äußerst brutale Tierwelt, der der gottgleiche Held Tarzan gegenübersteht. Er ist den Tieren nicht nur körperlich sondern auch geistig völlig überlegen, und handelt im Großen und Ganzen allein. Es ergibt sich keine wirklich familiäre Beziehung zu den Affen, die ihn großgezogen haben, weder zu Kala noch zu anderen. Bei Disney steht die Verbundenheit der Gruppe an erster Stelle. Die Gorillas bilden eine große Gemeinschaft, sie sind herzlich untereinander, beschützen sich und stehen füreinander ein. Außerdem findet Tarzan nicht nur in Terkina eine Freundin, sondern auch in Tantor, dem Elefanten. Auch im Buch hegt Tarzan eine Freundschaft zu Tantor, doch ist dieser bereits erwachsen und wie diese Freundschaft entstand, wird kurz abgehandelt und wenig beleuchtet. Disney erfindet eine Episode rund um die entstandene Freundschaft, indem sie diese mit der Aufgabe verknüpft, Respekt vor den gleichaltrigen Affen zu erringen.

Für sich gesehen hat Burroughs Roman durchaus Potenzial, doch die immer wieder hervorgehobene Glorie Tarzans machen es schwer, dem Buch nicht mit zu viel Augenrollen zu begegnen. Auch ist die Darstellung der wilden Bestien im besten Sinne unterirdisch zu nennen und ich bin froh, dass sich die Sicht der Menschen dahingehend zum Besseren gewandt hat.


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds
Alice im Wunderland: Ab durch den Kaninchenbau
Der Glöckner von Notre Dames: Der Narrenpapst
Die Hexe und der Zauberer: Das Schwert im Stein
Oliver und Co: Eine Katze unter Hunden
Basil, der große Mäusedetektiv: Von Mäusen und Detektiven
Pinocchio: Ein echter Junge?
Die Schöne und das Biest: Der äußere Schein trügt
Aschenputtel: Bibbidi-Bobbidi-Boo!
Hercules: From Zero to Hero
Küss den Frosch: Von Sumpfprinzen und falschen Prinzessinnen
Der Schatzplanet: Piraten traut man besser nicht

7 Comments on “[The Story Behind] Der weiße Affe

  1. Ich glaube ich schaue mir lieber nochmal den Disney Film an nach deinem Beitrag. 😀
    Er war sehr interessant und informativ, aber das Buch reizt mich jetzt nicht.
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

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