[The Story Behind] Eine Katze unter Hunden

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Oliver & Co.

Eine Katze unter Hunden

Im Jahr 1988 erschien mit Oliver & Co(mpany) der 27. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney auf der großen Kinoleinwand. Ursprünglich sollte dieser Film ein neues Abenteuer für Bernhard und Bianca sein, bei der Pennys Leben weiter erzählt werden würde. Jedoch entwickelte sich die Geschichte nicht wie gewollt, und so schufen die Disneykünstler schließlich Oliver & Co, eine lose Adaption Oliver Twists von Charles Dickens.

Oliver & Co. ©Disney

Die Geschichte wurde nicht nur von London im 19. Jahrhundert ins New York der 80er verfrachtet, sondern wurde außerdem ins Tierreich übertragen. Der kleine Oliver ist ein herrenloses Kätzchen, das sich auf den überfüllten Straßen New Yorks zurecht finden muss. Dabei begegnet er Dodger, dem Chef einer Hundebande. Nachdem Oliver von Dodger hereingelegt wurde, folgt er ihm zu dessen Versteck, und findet sich plötzlich inmitten einer durchweg durchgeknallt-sympathischen Diebesbande wieder. Deren menschlicher Anführer ist Fagin, ein Obdachloser mit einem gewaltigen Berg Schulden bei niemand geringerem als Sikes, dem Obermafiaboss New Yorks. Um Fagin vor dem Schlimmsten zu bewahren, helfen seine Hunde ihm dabei, das Geld für Sikes aufzutreiben, indem sie mehr oder minder wertlosen Plunder auf den Straßen zusammenräubern.

Wenn du Kumpels hast, hast du alles, was du brauchst.

(Oliver & Co.)

Bei ihrer ersten gemeinsamen Diebestour mit Katze läuft allerdings einiges schief und Oliver findet sich plötzlich in Jennys Armen wieder. Jenny – die wirklich verblüffende Ähnlichkeiten mit Waisenkind Penny aus Bernhard und Bianca hat, und das nicht nur dem Namen nach – lebt mit ihrem Butler und ihrer hochnäsigen Pudeldame Georgette in einem großen Haus und wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Eltern.

Im weiteren Verlauf wird sich das Drama um Fagin und Sikes noch erweitern, von Entführung über eine rasante Verfolgungsjagd durch die U-Bahn-Schächte New Yorks bis hin zum glücklichen Finale, bei dem die Diebesbande gemeinsam mit Oliver und seinem neuen Frauchen Jenny an einem großen Geburtstagstisch sitzen. Ein ganz wunderbarer Film, der mir auch gerade wegen des schmissigen Soundtracks immer wieder gut gefällt!

Ich meine, wen hält es bei so vielen positiven Vibes noch auf den Stühlen? Ich wünschte, Charles Dickens hätte eine kleine Prise dieser positiven Lebensweise in seinem Buch unterbringen können, dann wäre die Lektüre nicht gar so niederdrückend gewesen.

Oliver Twist

Schubladendenken und Brutalitäten

1838 erschien erstmals die gesamte Geschichte um den Waisenknaben Oliver Twist von Charles Dickens. Dieses Buch zeigt vor allem die sozialen Missstände der damaligen Zeit auf, ist durchsetzt mit massiver Gewalt und Brutalität innerhalb der Bevölkerung und zeichnet ein doch sehr erschreckendes Klassenbild. Auffällig hierbei ist, dass auch ein Charles Dickens nicht gefeit davor ist, die Klassen der Menschen in stereotypische Kategorien einzuordnen. Beinahe ausnahmslos sind die Bürger der unteren Schicht verroht, diebisch veranlagt und negativ in ihrer Charakterfärbung. Dagegen glänzt die Oberschicht durch Charakterstärke, guten Willen und schützende Hände. Nur Oliver, der Waisenknabe und somit zu den Ärmsten der Armen gehörend, scheint nicht in dieses Bild zu passen. Doch auch hier wird sich mit Aufdeckung seiner Herkunft zeigen, dass dies kein Fehler im dickenschen Weltbild darstellt.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist anfc3bchrung_unten1.jpg.

Es war eine kalte, finstere Nacht. Die Sterne schienen den Augen des Knaben weiter von der Erde entfernt, als er sie je zuvor gesehen hatte; kein Lüftchen wehte, und die von den Bäumen auf den Boden geworfenen düsteren Schatten erinnerten in ihrer Reglosigkeit an Grab und Tod.

(Oliver Twist | S.77)

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Olivers Mutter stirbt bei seiner Geburt im Kindbett und der kleine Junge kommt daraufhin in ein Armenhaus. Hier herrschen widrige Bedingungen, die Kinder bekommen nur geringe Nahrung zur Verfügung gestellt, werden körperlich gezüchtigt und möglichst gewinnbringend an den Nächsten gebracht, der ihre Arbeitskraft am besten auszunutzen weiß. So kommt es, dass unser Knabe zunächst bei einem Leichenbestatter landet. Auch hier wird er als niederster Diener behandelt, schläft unter einem Tisch und fängt sich für kleinste Vergehen eine Tracht Prügel nach der nächsten ein. Nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung flieht er schließlich. Oliver lernt auf seinem Weg nach London Jack Dawkins kennen, besser bekannt als Beutelschneider – oder eben Dodger. Dieser gehört einer Diebesbande an, denen der Jude Fagin vorsteht. Anders als die sympathische Hundebande nebst rührseligem Anführer bei Disney, ist dieser Zusammenschluss alles andere als freundlich oder gar sympathisch. Gerade Fagin, der immer wieder betont als Jude bezeichnet und somit antisemitisch als besonders negativ behaftet wird, ist ein Ausbund an Schmierigkeit und ein wahrer Unsympath. Er sieht in Oliver zunächst nur einen weiteren Helfer bei seinen Diebestouren und hofft darauf, ihn so bald wie möglich selbst zum Verbrecher machen zu können. Doch Olivers reine kindliche Seele sträubt sich mit aller Macht dagegen.

Finstere Machenschaften

Tatsächlich widerfährt Oliver im Laufe der Handlung immer wieder im steten Wechsel Gutes und Schlechtes. Mal wird er von Mr Brownlow aufgenommen und gepflegt, dann wird er von der Diebesbande zurückentführt und zu einem weiteren versuchten Verbrechen angestiftet. Hier zeigt sich auch, dass Fagin und Sikes, der bei Disney den Mafiaboss mimt, eigentlich auch nur ein kleiner Spießgeselle mit Hang zur Brutalität ist. Fagin und er hecken gemeinsame Pläne aus, die sich zunächst nur auf Einbrüche beziehen, später dann aber bei dem großen Geheimnis um Olivers Herkunft landen werden.

Denn, man mag es bereits geahnt haben, Oliver gehört mit seiner Freundlichkeit und seiner guten Seele nicht zum gemeinen Volk, sondern ist das Kind einer unglücklichen Liebe zweier Menschen aus der Oberschicht. Nun taucht auch noch sein Halbbruder Monks auf, der den unwissenden Oliver aus dem Weg räumen möchte, um sich und sein Erbe vor einem für ihn ungünstigen Testament zu schützen.

Aus arm mach reich

Disney verzichtet bewusst auf die Hintergrundgeschichte Olivers. Der kleine Kater hockt zu Beginn des Films in einem Pappkarton auf der Straße, und bleibt schlussendlich allein zurück. Da dieser Handlungszweig in weiten Teilen des Buches sowieso eher als Nebenstrang behandelt wird, ist es gar nicht schlimm, diesen nun völlig gestrichen zu wissen. Vielmehr löst Disney damit das Klassendenken auf, dessen sich Charles Dickens hier bemächtigt hatte. Indem Disney die Charaktere der Hundebande als durchgeknallt, aber sympathisch darstellt und mit Fagin und dessen geldlichen Problemen auch noch Empathie für das Tun der Vierbeiner weckt, kommen ganz andere Gefühle an die Oberfläche.

Da Dickens‘ Oliver eher in seinem Leben hin und hergeschoben wird, und meist vom Regen in die Traufe kommt, greift er selbst nur wenig aktiv ein. Vielmehr wendet sich sein Schicksalsblatt am Ende ziemlich märchenhaft. Durch das beherzte Eingreifen von Mr Brownlow wird Monks am Ende überführt, Sikes gejagt und stranguliert und Fagin gefangengenommen. Und Oliver, ja, der wird am Ende zwar nicht reich, da sein Halbbruder bereits das meiste Erbe verprasst hat, aber er findet in Mr Brownlow einen gutmütigen Ziehvater.

Und wo sind nun die Gemeinsamkeiten?

Wer genau aufpasst, der findet trotz aller Veränderungen doch einige Gemeinsamkeiten zwischen Oliver Twist und Oliver & Co. Die Gaunerbande bringt mit Dodger alias dem Beutelschneider natürlich den tollkühnen Anführer hervor, und beide Olivers werden bei ihrem ersten Diebesgang von ihm an der Nase herumgeführt. Rita ist die einzige Dame der Bande im Film und verkörpert zumindest bis zu einem gewissen Maß Nancy, die Prostituierte, die im Buch mit Sikes zusammenlebt, von ihm misshandelt wird und ihn doch vor dem Gesetz schützen möchte. Rita ist im Film diejenige, die sich gegen eine Rettung Olivers aus Jennys Haus ausspricht, während Nancy im Buch als einziger Charakter eine nennenswerte Entwicklung durchmacht. Sie bricht mit ihrer Bande und verrät diese, um Oliver vor deren finsteren Absichten zu retten. Außerdem fällt auf, dass einer der beiden Dobermänner Sikes‘ im Film Rita immer wieder einseitige Avancen macht, die auf Nancys … nun ja … Metier … Rückschlüsse zulassen könnten.

Natürlich ist die kleine Jenny das Pendant zu Mr Brownlow. Sie nimmt den kleinen Kater ohne Fragen auf und setzt alle Hebel in Kraft, um ihn vor den Gaunern zu retten, ebenso wie Mr Brownlow, dank dessen intensiver Recherchen schlussendlich alles aufgedeckt wurde. Und in der eifer- und rachsüchtigen Pudeldame Georgette meine ich Monks wiedererkannt zu haben, den Halbbruder, der nicht zulassen will, dass der kleine Oliver sich in seinem Leben breit macht und seinen Teil vom Zuckerkuchen abbekommt.

Tatsächlich hat mir das Buch weitaus weniger gefallen, als ich ursprünglich gehofft hatte. Dank unfassbar vieler, salbungsvoll verschwurbelter Dialoge passiert im Buch an sich gar nicht so viel. Die Überschriften der einzelnen Kapitel fassen im Grunde bereits zusammen, was man in seitenlangen Dialogen möglicherweise erfahren könnte, wenn man denn dem Hin und Her von desaströsen Gedankengängen folgen möchte. Trotzdem freue ich mich, dass ich im Rahmen der [Story Behind] wieder einmal einen Klassiker gelesen habe, zu dem mich mein Griff ins Regal vorher noch nicht führte.


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds
Alice im Wunderland: Ab durch den Kaninchenbau
Der Glöckner von Notre Dames: Der Narrenpapst
Die Hexe und der Zauberer: Das Schwert im Stein

4 Comments on “[The Story Behind] Eine Katze unter Hunden

  1. Das Buch kenne ich, aber der Film ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Muss ich dann wohl mal nachholen.
    Ich finde aber auch, dass das Buch sich zieht. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann begonnen habe, Absätze zu überspringen.

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe manche der seitenlangen Dialoge (und aus viel mehr besteht dieses Buch ja kaum …) auch mit der Zeit überflogen und nur nach relevanten Stellen abgescannt, genug ist eben manchmal einfach genug. D:

      Den Film kann ich dir nur ans Herz legen, er ist ein wenig anders als die meisten anderen Disneygeschichten, aber mit seinem 80er Jahre Flair durchaus sehr unterhaltsam!

      Gefällt 1 Person

  2. Den Film habe ich glaub ich noch nicht gesehen. Aber da ich ein Dickens Fan bin, enthalte ich mich einfach mal hier meiner Meinung, denn natürlich kann ich dir bei deiner Kritik nicht ganz zustimmen. obwohl du natürlich recht hast mit den Längen im Buch. 😉
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    • Huhu Diana!
      Ich hatte auch gedacht, ich könnte ein Dickens-Fan werden, die Weihanchtsgeschichte liebe ich schließlich sehr. Aber irgendwie, … Nee, so ganz war das nicht meins. Aber den Film lege ich dir ans Herz, der ist wirklich schön, wenn auch anders als viele andere Disneyfilme.

      Na, das nächste Buch liegt schon bereit und beinhaltet zwei detektivische Mäuse. =)

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

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