[The Story Behind] Das Schwert im Stein

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Die Hexe und der Zauberer

Vom Waisenkind zum König Englands

Die Hexe und der Zauberer bzw. Merlin und Mim bzw. The Sword in the Stone (was wohl der zutreffendste aller drei Titel ist) erschien 1963 als der 18. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney. Es ist der letzte Film, der noch zu Walt Disneys Lebzeiten veröffentlicht wurde, hinterließ allerdings bei Kritikern und Publikum weitestgehend nicht den gewünschten Eindruck.

Die Hexe und der Zauberer ©Disney

Die Geschichte beginnt damit, dass der König von England ohne Erben verstarb. Ganz England trauerte, doch noch beängstigender war die Frage des Nachfolgers. Da erschien ein Schwert in einem Stein, auf dessen Griff mit goldenen Lettern stand, dass derjenige, der in der Lage ist, dieses Schwert herauszuziehen, der rechtmäßige König Britanniens sein sollte. Doch niemandem gelang es, und so verkam England zu einem Ort der Furcht.

Nun dürfen wir einen kurzen Blick auf den Zauberer Merlin werfen, der bereits auf die Ankunft von Arthur, der allerdings Flo genannt wird, wartet. Flo ist ein etwa zwölfjähriger Knabe, der mit Kay, dem rüpelhaften Sohn seines Ziehvaters Sir Ector, unterwegs ist. Ein Pfeil verirrt sich in den Wald, in dem Merlin mit seinem Kauz Archimedes lebt, und Flo macht sich wagemutig daran, diesen zurückzuholen.

Nachdem Merlin und Flo nun aufeinander treffen, beschließt der Zauberer den Jungen unter seine Fittiche zu nehmen und ihn zu etwas besserem zu erziehen, als es seine Aussichten als künftiger Schildknappe versprechen. Diese Ausbildung besteht im Wesentlichen darin, dass er den Jungen in verschiedene Tiere verwandelt und ihm so etwas über die Welt beibringt.

„Die Liebe ist eine gewaltige Macht.“
„Größer als die Schwerkraft?“
„Oh ja … auf ihre Art. Ich möchte sagen, sie ist die größte Macht auf Erden.“

(Die Hexe und der Zauberer)

Schließlich findet ein großes Turnier statt, dessen Sieger die Krone Englands auf dem Haupt tragen soll. Kay, mittlerweile zum Ritter geschlagen, nimmt übellaunig Flo als Knappen mit. Doch Flo vergisst Kays Schwert in der Herberge und sieht sich in der misslichen Lage, ein anderes zu besorgen. Da entdeckt er das legendäre Schwert im Stein und nichtsahnend zieht er es heraus. Lang lebe König Arthur!

So oder so ähnlich geschieht es auch in der Romanvorlage von T.H. White. Aber was ist eigentlich mit Madam Mim, der Hexe, die den deutschen Titel des Filmes so sehr beeinflusste?

Der König auf Camelot

oder: Wie ich lernte, dass Humor in Büchern
einfach nicht mein Fall ist
Legendärer Stoff

Die Artus-Saga (auch: Arthur) existiert bereits seit dem 9. Jahrhundert im Gedächtnis der Menschheit. Ob ein realer König als Ausgangsperson gelebt hat oder nicht, darüber scheiden sich noch bis heute die wissenschaftlichen Geister. Was aber vielschichtig vorhanden ist, ist wohl der Stoff, aus dem dieser Mythos gewoben ist. Viele Legenden ranken sich um diesen König und seine Ritter der Tafelrunde, die Suche nach dem Heiligen Gral und ja, dem Schwert im Stein, mit dem alles seinen Anfang fand.

T.H. White schrieb 1958 die vierteilige Reihe rund um den König auf Camelot. Der erste Band – Das Schwert im Stein – lieferte schließlich die Vorlage für den im englischen gleichnamigen Disneyfilm. Und in weiten Teilen hielt sich der Film sehr an die Vorlage. Nur beginnt das Buch nicht mit dem Tod des Königs, sondern widmet sich vorrangig der Jugend von Kay und Wart. Jawohl, hier fiel bei mir dann auch endlich nach 20 Jahren der Groschen, denn aus Art wurde Wart – die Warze –, weshalb der arme Kerl in der deutschen Übersetzung nicht nur Flo, sondern FloH gerufen wurde. Grundgütiger.

Kommunistische Ameisen,
schwäbelnde Igel

Unter ähnlichen Umständen trifft der Junge auf den Zauberer Merlin, der entgegen der Zeit lebt. Das bedeutet, er kann nicht in der Zeit hin und herspringen, sondern weiß einfach, was passieren wird, weil er es schon erlebt hat. So kennt er den Verlauf von Arthurs Leben bereits genau und weiß, wo er bei ihm ansetzen muss. Auch hier verwandelt er ihn in allerlei Getier, unter anderem einen Fisch, einen Vogel, eine kommunistische Ameise oder einen griesgrämigen Dachs. Auch als Stein scheint Art ein Abenteuer erlebt zu haben, auch wenn das Buch darauf nicht näher einging. Auf einem seiner Abenteuer mit Kay, mit dem ihn zumindest in Kindertagen eine gewisse Freundschaft verband, trifft er sogar auf Robin Hood und Little John. Ingesamt war mir die Ausbildung Merlins im Buch jedoch eindeutig zu schwammig. Zwar füllen viele Seiten die Erlebnisse Arts, doch was Merlin genau damit bezweckte, bleibt bis zuletzt eher ungewiss. Im Film unterhalten sich Lehrer und Lehrling zumindest über die gefundenen Erkenntnisse, wie etwa dass Gerissenheit über körperlicher Stärke stünde, oder dass die Liebe die größte Kraft auf Erden sei.

Sir Pellinore, der im Film als rosagewandeter Überbringer großer Neuigkeiten fungiert, hat ebenfalls seltsame Auftritte. Eigentlich ein König, hat er sein Leben der Jagd nach dem sogenannten Aventiurentier gewidmet, einem Fabelwesen, das auch mitunter ihn jagt. Auch verhält er sich häufig albern, hat Probleme mit seinem Visier, fällt vom Pferd und erinnert unweigerlich an den Ritter aus Alice im Wunderland, der nicht in der Lage war, sich mehr als ein paar Schritte auf seinem Pferd zu halten.

Schließlich und schlussendlich stirbt auch hier der König von England ohne Erben. War die Geschichte bis dahin schon reichlich albern beschrieben, so verliert auch der Dialog darüber alles an der weitreichenden Tragik des Geschehens.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist anfc3bchrung_unten1.jpg.

„Wollt ihr etwa behaupten“, erkundigte sich Sir Grummore entrüstet, „dass es gar keinen König von Gramarye gibt?“
„Nicht die Spur“, rief König Pellinore und kam sich ungeheuer wichtig vor. „Und’s hat nicht wenig Zeichen und Wunder gegeben.“
„Das ist ein Skandal, finde ich“, sagte Sir Grummore. „Gott weiß, wohin unser geliebtes Vaterland steuert. Bei all den Gammlern und Kommunisten und dem Pack.“
„Was für Zeichen und Wunder?“, fragte Sir Ector.
„Na ja, da ist so was wie ein Schwert im Stein erschienen, was, in irgendeiner Kirche oder so. Nicht in der Kirche, versteht mich recht, und nicht im Stein, aber so was ähnliches, was, könnt man sagen.“
„Ich weiß nicht wohin die Kirche steuert“, sagte Sir Grummore.
„Es ist in einem Amboss“, erklärte der König.
„Wer? Was? Die Kirche?“
„Nein, das Schwert.“
„Aber ich hab gedacht, Ihr sagt, das Schwert sei im Stein?“
„Nein“, sagte König Pellinore. „Der Stein ist draußen vor der Kirche.“

(Der König auf Camelot | S. 234)

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist anfc3bchrung_oben1.jpg.

Sei’s drum, ein Turnier soll es richten, ein König muss gefunden werden. Auch hier vermisst Sir Kay sein Schwert kurz vor dem Turnier und Wart muss diesen Umstand in Ordnung bringen. Er findet unwissentlich das Schwert im Stein, und versucht es herauszuziehen. Doch es gelingt ihm erst, als ihm sämtliche tierische Begleiter seiner Lehrzeit erscheinen und ihm gut zu reden. Da waren die Lektionen Merlins wohl doch zu etwas nütze!

Und was ist nun mit Madam Mim? Der bösen Hexe, mit der sich Merlin im Disneyfilm ein zauberisches Duell liefert? Diese gab es zumindest im Originalmanuskript des Buches, wurde jedoch aus der späteren Finalfassung wieder herausgestrichen. Schade eigentlich, denn sie bildet den unvermeitlichen Gegenpol zur weißen Magie Merlins, und indem sie wissentlich Arthur töten will, agiert sie noch einmal anders als die Feinde, die er im Tierreich kennengelernt hat. Ein Glück also, dass Disney der mächtigen und manischen Madam Mim wieder den gebührenden Platz eingeräumt hat – der ohne fehlendes Böse auch eindeutig viel zu leer gewesen wäre.

Alte Legende mit humoristischen Einlagen

Insgesamt bin ich bei dieser Gegenüberstellung von Vorlage und Film doch wieder deutlich auf Seiten Disneys. Der Film zeigt viel an Humor und kleinen Anspielungen auf die Zeitreisen Merlins, ohne jedoch solch übertrieben alberne Dialoge zu führen, wie sie in Whites Buch vorkommen. Diese wiederrum machen den Stoff vermutlich auch für Kinder angenehm, und so ist wieder für alle Seiten gesorgt. In diesem Sinne…

Higitus figitus migitus mum – Prestidigitonium!


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds
Alice im Wunderland: Ab durch den Kaninchenbau
Der Glöckner von Notre Dames: Der Narrenpapst

8 Comments on “[The Story Behind] Das Schwert im Stein

  1. Ich liebe den Film. Keine Ahnung wie oft ich ihn gesehen habe. Die Vorlage hatte ich mal gefunden, aber nie zuende gelesen. Ist lange her, vielleicht hat es mich schlichtweg nicht gefesselt, weil ich den Film mitsynchronisieren könnte. 😅

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Gabriela,

    erst einmal vielen Dank für deinen Buchtipp mit den Hintergrundinfos zur Artus-Legende =) Das von dir oben beschriebene Buch von T. H. White scheint auch nicht die tolle Dramatisierung zu sein, die ich mir von der Artus-Sage wünsche und die ja auch z.B. „Cursed“ überhaupt nicht erreicht hat. Wer weiß, vielleicht wird irgendwann ein Buch veröffentlicht, das der Geschichte gerecht wird…

    Vielen Dank wie immer für den tollen „The Story Behind“ Beitrag! Ich hatte schon vergessen, dass es davon eine Disney-Verfilmung gegeben hatte.

    Liebe Grüße,
    Nico

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Nico!
      Na aber sehr gerne doch, Schätze muss man teilen! Es gibt sicher auch schon Romane, die sich ernsthafter der Legende annähern, die gilt es nur noch zu finden.

      Dankeschön! Und genau das spiegelt wieder, was ich selbst empfinde: Die Hexe und der Zauberer ist irgendwie bei vielen untergegangen. Umso besser also, dass ich dir die Geschichte zurück in Erinnerung bringen konnte 🙂

      Alles Liebe!
      Gabriela

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  3. Hallo Gabriela!
    Hier muss ich leider passen, ich kenne den Film gar nicht. Ich weiß nicht warum ich den noch nicht gesehen habe, aber vielleicht hole ich das mal nach deinem Beitrag nach. 🙂
    Ich mag ja gerne Sagen und Legenden und ihre Interpretationen und Adaptionen und auch die Artus-Sage hat natürlich ihren Reiz. Ich habe dazu mal eine vierbändige Reihe gelesen von Stephen Lawhaed. Wobei der erste Band um Merlins Vater geht und der zweite um Merlin selber und erst in Band 3 und 4 taucht Artus auf. Leider gibt es die Bücher nur noch gebraucht zu kaufen. Aber mir hat die Reihe sehr gut gefallen. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    • Huhu Diana!
      Oh weh, da pass aber auf, dass dich die mächtige und manische Madam Mim nicht auf der Stelle verhext 😄 der Film ist wirklich witzig, hol das am besten nach =)

      Die Reihe such ich mir auch gern mal raus, ich seh schon, du füllst meine Liste beträchtlich 😄

      Ganz liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  4. Pingback: [The Story Behind] Eine Katze unter Hunden – Buchperlenblog

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