[The Story Behind] Bibbidi-bobbidi-boo!

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Cinderella

Der gläserne Schuh

Im Jahr 1950 veröffentlichte das Disney Studio seinen 12. abendfüllenden Zeichentrickfilm, und kehrte mit der Adaption von Cinderella zurück zu seinen märchenhaften Anfängen. Das Studio steckte seit Bambi von 1942 in einer finanziellen Krise, acht lange Jahre hielt man sich mit kleineren Filmen gerade so über Wasser. Nachdem Filme wie Pinocchio oder Fantasia eher Verluste eingefahren hatten, entschied man sich, ähnliche Wege wie bei Schneewittchen zu gehen. Ein junges Mädchen, das man auf seiner Reise durch die Ungerechtigkeit der Welt verfolgen konnte, dem man sein Herz schenken und alles Glück der Welt wünschen wollte, musste her. Wer eignet sich da besser als Cinderella, das Mädchen, das bei seiner bösen Stiefmutter nebst zwei unfassbar garstigen Stiefschwestern aufwachsen musste?

Cinderella ©Disney
Zwei Geschichten in einer

Tagaus, tagein schufftet Cinderella wie eine Dienstmagd im eigenen Zuhause. Ihre einzigen Freunde sind ein paar Mäuse, die in den Wänden des alten Hauses wohnen. Tatsächlich baut Disney mit diesen Mäusen eine Parallelstory auf, die den Ernst der Geschichte auffängt und immer wieder für urkomische Momente sorgt. Während Cinderella ihrer Stieffamilie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, so plagen sich die Mäuse mit dem bösartigen Kater Luzifer herum.

Auch Wunder brauchen ein bisschen Zeit.

(Cinderella | Disney)

Wie es in Märchen nunmal so üblich ist, soll der junge Prinz des Landes sich endlich vermählen, und zu diesem Anlass gibt der König einen rauschenden Ball. Jedes Mädchen im heiratsfähigen Alter soll erscheinen. Auch Cinderella möchte gern zum Ball, doch selbst nachdem sie die ausladenden Arbeiten des Tages verrichtet und sogar ein Ballkleid von den Mäusen bekommen hat, schlägt die Ungerechtigkeit in ihrem Zuhause erbarmungslos zu. Mit zerrissenem Kleid sitzt sie weinend im Garten, als ihre gute Fee erscheint. Und mit Bibbidi-bobbidi-boo geht es ab in der Kürbiskutsche ins hell erleuchtete Schloss. Doch Mitternacht ist der Zauber vorbei, Cinderella muss aus den Armen des Prinzen fliehen und verliert dabei einen ihrer winzigen gläsernen Schuhe. Zum Glück!, denn ohne diesen hätte sie den Prinzen am Ende doch nicht heiraten können.

Ich möchte behaupten, so wie Disney die Geschichte von Cinderella erzählt, so haben wir sie alle noch im Kopf, nicht wahr? Doch es gibt sie natürlich auch hier, die feinen Unterschiede zu einem der bekanntesten und weitverbreitetsten Märchen aller Zeiten. Aber woher stammt Cinderella denn nun ursprünglich? War sie das deutsche Aschenputtel? Oder doch die französische Cendrillon?

Cendrillon vs. Aschenputtel

Das wahre Märchen

Den Ursprung des Märchens rund um Aschenputtel, Cinderella, Cendrillon oder wie auch immer man sie nennen möchte, den kennt fast keiner mehr. Die Geschichte wurde in vielen Ländern über viele Jahrhunderte hinweg erzählt, doch sie unterscheiden sich immer um einige Details.

Die deutsche Maid
des 19. Jahrhunderts

Nehmen wir uns einmal unsere deutsche Variante nach den Brüdern Grimm zu Rate. Nach dem Tode der Mutter heiratet der Vater, und mit seiner neuen Frau ziehen auch zwei Stiefschwestern ins Haus. Dass der Vater sein eigenes Kind von nun an in der Asche neben dem Herd schlafen lässt, ist an sich schon ein Unding. Überhaupt scheint der Mann nur noch recht wenig im Haus zu sagen zu haben. Eines Tages reitet er in die nächste Stadt und fragt seine Kinder, was er ihnen mitbringen solle. Während die beiden Stiefschwestern nach Schmuck und schönen Kleidern krähen, wünscht sich sein eigenes Kind einen Reisigzweig. Diesen bekommt es auch, und steckt ihn sogleich auf das Grab der Mutter. Aus dem Zweiglein wird ein schöner Baum, und ein Vogel erklärt dem Kind, dass es den Baum nur kräftig schütteln solle, wenn es einen Wunsch hätte.

Der Tag naht, da der König ein Fest gibt, das drei Tage andauern soll. Doch natürlich soll Aschenputtel nicht zum Schlosse gehen und bekommt von ihrer Stiefmutter eine hinterlistige Aufgabe gestellt: Sie soll Linsen aus der Asche lesen, und wenn sie das schafft, dann darf sie mit. Täubchen helfen dem Kind dabei und dank Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen ist die Arbeit schnell getan. Doch ach!, sie darf natürlich trotzdem nicht mit zum Schloss. Da läuft Aschenputtel zum Grab ihrer Mutter und schüttelt an dem Bäumchen, bis ein goldenes Kleid herabfällt. Mit diesem herausgeputzt, läuft sie zum Schloss des Königs und heimst dort die neidischsten Blicke aller ein. Auch der Prinz ist ganz angetan von unserem Aschenputtel, und als es nach Hause eilen will, folgt er ihr. Aschenputtel verschwindet im Taubenschlag, den der Vater später kurzerhand abschlagen wird. Am nächsten Tag geschieht dasselbe wieder, und wieder entwischt Aschenputtel unserem etwas naiven Prinzen. Dieses Mal jedoch dank eines großen Obstbaumes. Am dritten Tag jedoch lässt der Königssohn die Treppe des Schlosses mit Pech bestreichen, auf dass einer der Schuhe Aschenputtels dran kleben bleibt. Mit diesem geht es nun auf die Suche nach dem schönen Mädchen.

Und hier wird es bei Grimms Märchen ein wenig garstig. Denn auch die Stiefschwestern probieren das – in diesem Fall goldene – Schühchen an, doch keine will hineinpassen. Da gibt die Mutter der Einen den guten Rat, sich die Ferse abzuhacken, und der Anderen, die Zehen zu frisieren. Doch die Täubchen haben’s gesehen und Ruckediguck, Blut ist im Schuck!, fliegt der ganze Schwindel auf. Schlussendlich darf auch Aschenputtel den Schuh anprobieren und den Prinzen heiraten.

Wie man sieht, gibt es hier zur Disneyvariante wenig Bezüge, weder gibt es eine gute Fee, noch eine Kürbiskutsche, Mäuschen oder Kater, und andersherum herrscht gähnende Leere im Taubenschlag. Wie aber ist es denn im französischen Märchen gewesen?

Im Schlosse fragte man die Türsteher, ob sie nicht eine wunderschöne Prinzessin hätten hinausgehen sehen. Sie antworteten, dass sie nichts gesehen hätten als ein schlecht gekleidetes Mädchen, das eher einer Bäuerin als einer Prinzessin ähnlich gewesen.

(Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre | Charles Perrault)

Das französische Vorbild
des 17. Jahrhunderts

Charles Perrault veröffentlichte 1697 seine Märchensammlung, die unter anderem Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre beinhaltete. Seine Märchenvariante basiert auf dem bereits 1674 vom italienischen Schriftsteller Giovanni Battista Basile niedergeschriebenen Stoff. Hier haben wir ebenfalls den erneut verheirateten Vater, der nun unter dem Pantoffel der neuen Frau steht. Auch hier muss Cendrillon die Pflichten einer Magd erfüllen, und als der Prinz zum ebenfalls dreitägigen Ball ruft, geht auch sie nicht hin. Interessanterweise wird Cendrillon etwas weniger getrietzt als ihre deutsche und amerikanische Namensverwandte, und schlägt den Ballbesuch – von sich aus – aus.

Doch als ihre Familie davongefahren ist, da hält auch dieses Mädchen dem Schmerz nicht mehr stand, und weint bittere Tränen, bevor ihre gute Fee (da haben wir sie also!) erscheint. Nun wird der Zauberstab geschwungen und aus dem Kürbis wird die Kutsche, aus den Mäuschen die Pferde, aus der Ratte (tja nun …) natürlich der Kutscher und aus drei Eidechsen bekommt Cendrillon auch noch Bedienstete an die Seite gestellt. Nun aber husch husch zum Ball! Auch hier geht am ersten Abend alles gut, der Prinz tanzt nur mit Aschenpu … pardon, natürlich Cendrillon, und sie flieht rechtzeitig vor Mitternacht aus dem Schlosse. Doch bereits am zweiten Abend verliert sie ihren – hier nun wieder gläsernen – Schuh, und alsbald beginnt die sogenannte Pantoffelprobe im ganzen Königreich. Im französischen Märchen endet die Geschichte nicht nur mit der Heirat der beiden Liebenden, sondern auch mit der etwas seltsamen und vor allem sehr überschwänglichen Zusammenführung der sonst so garstigen zwei Schwestern mit ihrem nunmehr königlichen Stiefschwesterlein.

Man kann nun also abschließend sagen, dass, egal in welchem Lande man sich dieses Märchen auch erzählt, der Grundton immer derselbe ist. Nur die Ausführung findet einige Variationen, seien es nun Mäuschen oder Täubchen, die dem armen Mädchen zum Sieg über die Niedertracht helfen. Übrigens gibt es viele Menschen, die sagen, dass auch Walt Disney in sich ein Aschenputtel sah. Aus dem Staub der harten Kindheit hervorgekrochen, hat er sein Leben in ein gelebtes Märchen verwandelt. Und unsere Leben ein Stück weit ebenfalls. Mit ein wenig…

Bibbidi bobbidi boo!


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds
Alice im Wunderland: Ab durch den Kaninchenbau
Der Glöckner von Notre Dames: Der Narrenpapst
Die Hexe und der Zauberer: Das Schwert im Stein
Oliver und Co: Eine Katze unter Hunden
Basil, der große Mäusedetektiv: Von Mäusen und Detektiven
Pinocchio: Ein echter Junge?
Die Schöne und das Biest: Der äußere Schein trügt

18 Comments on “[The Story Behind] Bibbidi-bobbidi-boo!

  1. Hallo meine Liebe,

    mal wieder ein ganz toller Beitrag! Dank dir habe ich jetzt einen fetten Ohrwurm und das große Bedürfnis den Film zu gucken 😅

    Die deutsche Märchenversion kannte ich bereits. Da hat sich Walt Disney ja an einer Mischung aus beiden Versionen bedient und ich muss sagen, seien gefällt mir am besten (auch wenn sie durchaus kitschig ist).

    Herzliche Grüße
    Bella

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Liebes 💕
      Na aber gern geschehen 😄 ich summe das Lied neuerdings auch viel vor mich hin, ich weiss gar nicht wie das kam 😄

      Schön fand ich auch, dass er bei der Schuhprobe bei den Schwestern die deutschen Fersen und Zehen als Gag mit eingebunden hat =)

      Alles Liebe!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Gabriela!
    Wieder ein toller Beitrag. 🙂
    Hier kannte ich schon die Grimm’sche Variante. Aber sehr interessant ist das es dazu auch noch eine ältere Version gibt. Das wusste ich nicht. Da scheint Disney ja gut recherchiert zu haben. 😀
    Aber in meiner Kassettenversion sagen die Tauben: Ruckigigu, Blut ist im Schuh! Eine kleine Variation, der Variation. 😉
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    • Hallöchen Diana ♥
      Danke dir 🙂 Und wenn man drüber nachdenkt, dass vor der französischen eine italienische Version existierte.. Huuuui 😀
      Ich verstehe tatsächlich auch nicht, warum die Tauben unbedingt Ruckediguck sagen müssen und nicht Ruckeduguh – würde sich doch viel sinnvoller reimen am Ende 😀

      Alles Liebe!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  3. Ahoi liebe Gabriela,

    nachdem ich diesen lustigen Titel in meiner Sidebar entdeckt hatte, musste ich vorbeischneien – bibbidi-bobbido-boo hätte ich nicht mit Aschenputtel/Cinderella verbunden bekommen; ich habe aber auch den Film nicht geguckt. Dafür sind mir beide Versionen geläufig; wenngleich ich nicht alle Details richtig zuordnen hätte können. Ich liebe diese Kategorie hier wirklich; immer wieder spannend, ein wenig mehr zu den Ursprungsmärchen zu erfahren 🙂

    Liebe Grüße
    Ronja von oceanloveR

    Gefällt 1 Person

    • Huhu Ronja! 🙂
      Skandalös! Ich hoffe doch, dass du ab nun aber immer an Cinderella und ihre gute Fee denkst, wenn jemand Bibbidi-Bobbidi-Boo zu dir sagt 😀
      Ich danke dir für diese lieben Worte ♥ Auch wenn sie Ende des Jahres dann ein Ende findet, freue ich mich doch auch jeden Monat auf neue Disneygeschichten zum Entdecken =)

      Alles Liebe!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

    • Da bin ich dann leider „schon“ durch, ja – nach immerhin 31 Disney-Beiträgen. 32, wenn ich ein bisschen „schummle“ 😀
      Vllt führe ich das Ganze dann aber mit anderen Buch-Film-Vergleichen fort, mal sehen =)

      Gefällt 1 Person

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