Liebste Bücherwürmer!
Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.
Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.
Pocahontas
Zwei Welten, die aufeinander prallen
Pocahontas ist der 33. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney. 1995 tauchte die wunderschöne Indianerprinzessin auf der großen Kinoleinwand auf und in unsere Herzen ein. Pocahontas ist der bis heute einzige Disneyfilm, der sich mit einer real existierenden Persönlichkeit beschäftigte.

Es ist wohl eine der größten und dramatischsten Liebesgeschichten, die Disney jemals auf die Leinwand gezaubert hat. Eine junge Indianerin der neuen Welt, ein Abenteurer und Entdecker aus England, kulturelle Missverständnisse, Kriegsabsichten und dazwischen die ganz große Liebe.
Denke ich an Pocahontas, denke ich an sie als Symbol der Vereinigung zweier Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich denke daran, wie die Liebe alle Grenzen sprengen kann, alle Hindernisse überwindet und sogar Kriege beenden kann, wenn wir nur auf die Stimme unseres Herzens hören.
Eine gemeinsame Sprache
Denn als John Smith mit einem Schiff der Virginia Company in der neuen Welt landet, hält er sich den Eingeborenen gegenüber für überlegen. Die englische Art des Hausbaus und der Wirtschaft, das ist es, was sie den Leuten hier beibringen können. Was sie dafür haben wollen? Gold, maßenhaft Gold, das die Spanier weiter südlich wohl auch schon fanden. Ihr mitgereister Govenor Ratcliffe befiehlt seinen Männern, jeden Indianer zu erschießen, den sie sehen. Die Absicht ist klar, Freundschaft mit den Eingeborenen steht nicht auf dem Plan. Doch als John Smith der schönen Indianerprinzessin begegnet, verbinden sich die Herzen der beiden, und sie sprechen eine gemeinsame Sprache, die sich auch auf ihre jeweiligen Völker übertragen soll.
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Dass Pocahontas am Ende des ersten Teils schweren Herzens vom verwundeten Smith Abschied nehmen muss, zerreißt mir immer wieder selbst das Herz und es leidet mit ihnen mit. Ohne Frage ist dies einer der emotionalsten Filme ohne richtiges Happy End, die ich kenne.
Und nun stellt euch einmal vor, ihr schaut euch diesen Film an, seid aufgeladen mit Emotionen und Liebe und der Gewissheit, dass wir Menschen alle Grenzen überwinden können. Fühlt ihr es? Ja? Dann ziehe ich jetzt den Vorhang auf für die niederschmetternde Realität.
Völlig verdrehte Wirklichkeit

Das etwas unscheinbar anmutende Buch „The True Story Of Pocahontas“ von Dr. Linwood – Little Bear – Custalow fand ich mehr oder weniger zufällig. Zu viele Bücher wollten bereits die ganze wirklich wahre Geschichte der Indianerprinzessin erzählen, und die ein oder andere Romanfassung habe ich auch schon gelesen. Auch wenn manche Fakten anders dargestellt wurden, so sind sich doch alle Bücher relativ einig über die Beziehung, die Pocahontas mit John Smith und ihrem späteren Ehemann John Rolfe führte. Doch die Wahrheit ist bar jeglicher Romantik. Diese Wahrheit wurde mündlich von den Mitgliedern des Indianervolkes der Powhatan weitergegeben, von Generation zu Generation. 400 Jahre wurde sie vor den Augen der Welt verborgen, um möglichen Vergeltungsschlägen vorzubeugen, denn sie zeigt eine skrupellose Welt. Dr. Linwood hat sie im Jahr 2007 zusammen mit Angela L. Daniel endlich zu Papier gebracht.
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The story of Pocahontas is first and foremost a great love story.
That love that was the movie force within Pocahontas’s life was the spiritual bond and filial affection between Pocahontas and her father, Chief Powhatan Wahunsenaca, and the love they had for the Powhatan people.
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Aalglatte Lügen
Um alles rund um Pocahontas zu verstehen, muss man tief eintauchen in die Welt des 17. Jahrhunderts. Als 1607 ein Schiff an der Küste des Reiches der Powhatan landet, ist Matoaka erst zehn Jahre alt. Sie ist das Lieblingskind des Häuptlings Wahunsenaca, ein Kind entstanden aus Liebe, anstatt aus politischen Verbindungen. Matoaka bedeutet in der Sprache des Stammes „Blume zwischen zwei Flüssen“, und symbolisiert die Herkunft des Mädchens. Ihre Mutter hieß Pocahontas, die Lachende und Fröhliche, und diesen Namen nahm Matoaka an, nachdem sie in ihrem Volk als erwachsen galt. Sie war also erst zehn Jahre alt, als der siebenundzwanzigjährige Captain John Smith mit seiner Crew an Land ging, um Gold und andere Schätze zu bergen. Zuerst waren die Ureinwohner ängstlich den Fremden gegenüber. Smith kam mit vorgehaltener Waffe in die Dörfer, verlangte Vorräte und warf ihnen hinterher einige Glasperlen vor die Füße, um zu bezeugen, dass er Handel mit ihnen getrieben hatte. John Smith wurde beim Jagen gefangen genommen und schließlich vor Wahunsenaca gebracht. Dieser fragte ihn, was sie zu ihnen führte. Smith, ein aalglatter Lügner, behauptete, er und seine Leute wären vor den Spaniern geflohen, die bereits viel Leid über die Stämme des indigenen Volkes gebracht hatten. Im Geiste vereint, sah Wahunsenaca in John Smith die Chance, sich gegen die Spanier zu schützen. Er bot ihm an, als Häuptling der Engländer im Reich der Powhatan aufgenommen zu werden. Ein viertägiges Ritual sollte ihn in den Kreis der hohen Häupter aufnehmen.
Später schrieb John Smith in seinen Memoiren dazu, dass die junge Pocahontas sich in ihn verliebt und ihn vor einem geplanten Attentat während des Rituals gewarnt hätte. Tatsächlich aber traf er auf Widerstand in den eigenen Reihen, denn seine eigenen Männern misstrauten dem Captain, nachdem er einige Zeit bei den Ureinwohnern lebte.
Auch später sollte sich Pocahontas laut Smith über die Anweisungen ihres Vaters hinweggesetzt haben. Um den Engländern helfend unter die Arme zu greifen, sollte sie ihrem Volk Anweisungen erteilt haben, ihnen Essensvorräte zu bringen, als diese den ersten Winter in Virginia nicht zu überleben drohten.
Custalow beschreibt sehr ausführlich, warum es sich hierbei nur um eine Verdrehung der Tatsachen handeln kann. Denn Pocahontas, als Tochter des Stammes und als Lieblingskind des Häuptlings, stand unter ständiger Beobachtung. Niemals hätte sie sich heimlich wegschleichen, hätte nie ihre Stimme über die ihres Vaters erheben können. Sie durfte die Menschen ihres Volkes begleiten, als sie Fort Jamestown besuchten, sie wurde als Symbol des Friedens mitgenommen. Aber sie war John Smith nicht einmal so nah gekommen, dass man sich eine Verliebtheit der jungen Frau auch nur einbilden konnte.
Verschleppung und Zwänge
Nachdem Pocahontas mit zwölf Jahren dann ins Erwachsenenalter eintrat, heiratete sie den Krieger Kocoum, zog zu seinem Stamm und gebar ihm einen Sohn. Doch das Glück sollte nicht lange währen, denn die Engländer hatten Pocahontas als Symbolfigur bereits auserkoren und ihren Stellenwert früh erkannt. Während die englischen Siedler sich das Land der Powhatan unter den Nagel rissen, die Dörfer plünderten, Frauen und Kinder vergewaltigten und versklavten, schmiedeten sie einen Plan, um die Ureinwohner von Vergeltungsschlägen abzuhalten. Im Jahr 1613 wurde Pocahontas von Männern des Captain Samuel Argall gefangen genommen. Kocoum wurde in seiner Hütte überrascht und getötet, auch ihren Sohn sollte sie nie wieder sehen. Über ein Jahr würde die Gefangenschaft der mittlerweile fünfzehn- bis sechsehnjährigen jungen Frau in ihrer Heimat dauern. In dieser Zeit, in der ihrem Vater die Hände gebunden waren, wurde sie vergewaltigt, zum Christentum zwangskonvertiert, gebar einen weiteren Sohn und heiratete schließlich 1614 den Tabakanpflanzer John Rolfe, dessen Frau die Überfahrt nach Amerika nicht überlebte.
Mord und Vertuschung
Zusammen mit diesem überquerte sie gezwungenermaßen den großen Ozean, um der Königsfamilie in England vorgestellt zu werden, der lebende Beweis für das florierende Zusammenleben in der neuen Welt. Hier traf sie nun nach vielen Jahren erneut auf Captain John Smith, der mittlerweile in Ungnade gefallen zu sein schien. Sie erkannte endlich den Verrat, den er an ihrer Familie und ihrem Volk verübt hatte, in dem er ihnen falsche Absichten vorspielte, als sie ihn ursprünglich gefangen nahmen. Nichts romantisches lässt sich finden in der Art wie John Smith sich ihrem Volk gegenüber verhielt, wie er die Dörfer auf eigene Faust plünderte und dazu beitrug, dass das indigene Volk systematisch vernichtet wurde.
Als Pocahontas nach drei Jahren in England endlich zurück in die Heimat kehren sollte, wollte sie ihre Erkenntnisse ihrem Volk mitteilen. Doch dazu sollte es niemals kommen. Denn nach der ersten gemeinsam mit ihrem Mann und dem Captain des Schiffes eingenommenen Mahlzeit, klagte Pocahontas ihrer Schwester, die sie auf dieser Reise begleiten durfte, über plötzliche Magenschmerzen. Sie übergab sich, spuckte Blut und noch bevor Hilfe eintraf, war sie bereits tot. Nur ein Jahr später, 1618 starb ihr Vater, Häuptling Wahunsenaca, an dem Wissen, seine Tochter in den Händen ihrer Mörder gelassen zu haben, ohne je Vergeltung zu üben.
Erst 1622 stellten sich die Krieger der Powhatan den englischen Siedlern und töteten ein Drittel von ihnen an einem einzigen Tag. Dies nahmen die Engländer zum Vorwand, um noch härter gegen die Urbevölkerung des Landes vorzugehen, ungeachtet der Tatsache, dass sie selbst seit fünfzehn Jahren unter den indigenen Stämmen plünderten und töteten.
Gegen das Vergessen
Manche Einzelheiten kann man in Geschichtsbüchern nachlesen, aber andere Details blieben lange vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen. Pocahontas‘ Schwester und deren Mann, die beide während ihrer Gefangenschaft an ihrer Seite standen, um die in Depressionen gefangene Prinzessin zu stützen, brachten die gesamte Wahrheit zurück zu ihrem Volk. Seitdem wird sie von den quiakros, den Priestern des Stammes, weitererzählt. Und so ist sie endlich ans Licht gelangt.
So schrecklich die ganze Wahrheit auch ist, ich bin doch trotzdem froh, dass sich Disney der jungen Prinzessin angenommen hat. Wer von uns könnte heute mit dem Namen Pocahontas etwas anfangen, würden wir nicht das Farbenspiel des Windes in den Ohren haben, würden wir nicht die herzzerreißende Liebe zwischen zwei Welten kennen. Auch wenn es diese Liebe nie gab und Pocahontas in vielerlei Hinsicht missbraucht und geschändet wurde, so trägt Disneys Film doch dazu bei, ihren Namen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.
Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!

![[The Story Behind] Vom Farbenspiel des Winds](https://buchperlenblog.com/wp-content/uploads/2019/03/the_story_behind.jpg?w=1000)





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