[The Story Behind] Völlig unverfroren adaptiert

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Die Eiskönigin

Aus Böse mach Gut

Passend zur kalten Winterzeit bleiben wir vorerst in der verfilmten Märchenabteilung Disneys. Die Eiskönigin – Völlig unverfroren – ist der 53. abendfüllende Film aus den Disney Studios und erschien 2013 erstmals auf der großen Kinoleinwand. Was niemand damals ahnte: Die Eiskönigin wurde zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten. Ich persönlich kann diesen noch immer anhaltenden (und durch Erscheinen des zweiten Teiles erneut angestachelten) Hype nicht völlig verstehen, es gäbe weitaus schönere Filme aus dem Hause Disney, die deutlich mehr Liebe erfahren sollten. Aber egal, ich möchte nicht über Elsa und Anna richten, schließlich mag ich den Film ja selbst ganz gern.

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Die Eiskönigin ©Disney

Wobei wir direkt bei den beiden Hauptcharakteren wären: Die Schwestern Elsa und Anna. Elsa wächst mit magischen Kräften auf, sie kann Schnee und Eis scheinbar aus der Luft kristallisieren. Viele Jahre haben die beiden Prinzessinnen Spaß an dieser Magie, doch als Elsa Anna eines Nachts beinahe tötet, wird ihre Magie verbannt und verborgen. Erst zur Krönung Elsas kommt wieder ans Licht, was sich all die Jahre hinter geschlossenen Türen und auch vor Anna selbst versteckte. Elsa flieht vor den Menschen, die sie eigentlich schützen sollte in ein Reich aus Eis.

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Manche Menschen sind es wert, dass man für sie schmilzt.

(Olaf | Die Eiskönigin)

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Natürlich passiert noch unglaublich viel mehr, bevor Anna und Elsa am Ende wieder vereint sein dürfen. Wir lernen den unfassbar liebenswerten Schneemann Olaf kennen, Christoph und sein Rentier Sven, und einen perfiden jungen Prinzen, der so gar nicht in  das Märchenklischee passt, aber im Mittelpunkt stehen wirklich die beiden Schwestern. Und genau hier liegt der Schnittpunkt zum sehr lose adaptierten Original der Schneekönigin von Hans Christian Andersen.
Oder nicht?

Von Eis und Schnee und Herzenskälte

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Unzählige Verfilmungen des Kunstmärchens über die eiskalte Herrscherin sind mir im Kopf hängen geblieben, aber das Original zu lesen, ist doch noch einmal etwas völlig anderes. Die Geschichte beginnt mit einem Blick auf den Teufel höchstpersönlich. Dieser hat einen Spiegel geschaffen, der all das Gute und Schöne der Welt verdreht zeigt, die Schattenseiten herauskehrt und nichts liebenswertes mehr zurücklässt. Dieser Spiegel zerbricht nun in tausende winziger Splitter und verteilt sich über der Erde. Nun lernen wir Gerda und Kai kennen, zwei Kinder, die mitnichten Bruder und Schwester sind, wie ich all die Jahre dachte. Nein, vielmehr sind sie freundschaftlich einander zugetan und wohnen eng zusammen in den obersten Geschossen zweier Nachbarshäuser.

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Ein paar Schneeflocken fielen draußen, und eine derselben, die allergrößte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens hängen. Die Schneeflocke wuchs und wuchs, bis sie sich zuletzt in eine vollständige Frau verwandelte, in den feinsten weißen Flor gehüllt, der wie von Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war schön und fein, aber von Eis, doch war sie lebendig. Die Augen funkelten wie zwei helle Sterne, aber unstet rollten sie umher ohne Ruh und Rast.

(Die Schneekönigin | Hans Christian Andersen)

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Kai bekommt einen Splitter des Spiegels ins Auge und ins Herz, wo er zu einem festen Eisklumpen gefriert. Auch Anna aus Disneys Eiskönigin bekommt zwei Mal die Magie ihrer Schwester zu spüren, einmal als Kind am Kopf, und als junge Frau ins Herz. Doch während Elsa ihre Schwester von sich weist, um ihr nicht noch mehr zu schaden, holt sich die Schneekönigin von Andersen kurzerhand den armen Jungen. Tatsächlich ist mir ihre Intention dabei nicht ganz klar, denn sie will im Grunde nichts von ihm und lässt ihn allein in ihrem Schloss aus Eis. Für Gerda beginnt nun eine ähnlich lange Reise zum Schloss der Schneekönigin, wie für Anna zu ihrer Schwester. Auch Gerda erhält Hilfe von  verschiedenen Personen und Tieren, unter anderem von einem jungen Königspaar, zwei Schlosskrähen, einem gutherzigen Räubermädchen und einem Rentier. Ja, Sven bekam schon 1844 eine tragende Rolle zugeschrieben. 😀

Anders als bei Disney wartet man bei Andersens Märchen vergeblich auf den großen Showdown, denn weder hält die Schneekönigin die beiden Kinder auf, noch kämpft Kai ums nackte Überleben. Er muss sich nur daran erinnern, wie lieb er die kleine Gerda einst hatte, und auch das schafft er am Ende beinahe mit Leichtigkeit. Bei beiden Geschichten steht dem großen Happy End also nichts mehr im Wege.

Stimmungswechsel

Bereits 1937 kam Walt Disney die Idee, das Kunstmärchen des Dänen Hans Christian Andersen zu verfilmen. Dieses Vorhaben wurde jedoch zweimal verworfen, denn auch 2002 standen die Sterne noch ungünstig für die Adaption der Schneekönigin. Erst 2008 wurden die Pläne in die Tat umgesetzt. Doch auch hier kam es immer wieder zu Schwierigkeiten. Die Rolle der Anna war zu naiv angesetzt, zu flach, zu übertrieben kindlich. Elsa hingegen sollte – getreu des Originals – eine herzlose, eiskalte Königin sein. Erst der weltweit berühmte und mit einem Oscar prämierte Song Let it go brach schlussendlich das wortwörtliche Eis. Indem Elsa als missverstandene und verletzliche junge Frau gezeigt wird, deren Schutzschild endlich aufbricht, bekam der Film die notwenige Wendung. Trotz laufender Produktion wurde das schon fertige Script über den Haufen geworfen, die Rollen der beiden Schwestern anders konzipiert und schließlich ein Märchen gewoben, das noch immer in den Träumen der Kinder festhängt.

schnörkel


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand

9 Comments on “[The Story Behind] Völlig unverfroren adaptiert

  1. Liebes, ich wusste wirklich nicht, dass „Die Eiskönigin“ auf einem Märchen von Andersen basiert! 😀 Ich habe nämlich noch das grosse Märchenbuch von ihm zu Hause und sollte dies wohl dringend mal lesen! 😀 Danke für dieses wieder sehr interessante „The Story behind“ ❤

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  2. Stimmt, im Märchen gab es auch ein Rentier. Als Kind hatte ich die Geschichte als Hörspiel. 😅
    Ich mag beide Versionen. Das Märchen wegen der Nostalgie und der Film ist wirklich gut gemacht. An den zweiten Teil habe ich mich allerdings noch nicht ganz rangetraut.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

    • Der Rentierunterschied besteht allerdings darin, dass das Märchenrentier sprechen kann, worauf man bei Disney ja glücklicherweise verzichtet hat. 🙂
      Der zweite Teil hat wohl mittlerweile den ersten Teil sogar noch übertrumpft in den Einspielquoten, ich werd ihn mir dann sicherlich auch für zuhause zulegen.

      Liebe Grüße!
      Gabriela

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  3. Hallo Gabriela,

    ab und zu werde ich zum kommentieren vorbeikommen und das mache ich bei „Die Eiskönigin“ liebend gern.
    Der erste Teil ist bei mir ja 2013 völlig unter dem Radar gelaufen, erst 2016 als der große den auf unserem Flug nach Kanada ganze 5(!) Mal sah, wollten wir alle wissen, was da dran ist und waren auch Feuer und Flamme. Ich muss zugeben, dass Konzept mit Film und Gesang hat mir nie richtig gefallen, aber hier drang es gut durch und ich fand die gesamte Geschichte sehr gewitzt umgesetzt. Wo auch der zweite Teil im übrigen sehr gut anschließt (schon gesehen?).
    Das der erste Teil auf einem Märchen von H.C. Anderson basiert und die Rolle der Schneekönigin abgewandelt wurde, wusste ich schon. Der Rest jedoch bringt noch ein schönes Licht ins Dunkel und zeigt auch auf, wie detailliert Disney den Ursprungsstoff aufgreift und für sich umsetzt.

    Liebe Grüße
    Marc

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    • Huhu Marc!
      Oh da freu ich mich aber sehr, dass ich nucht gänzlich auf deine Gesellschaft verzichten muss!
      Wahnsinn, 5mal hintereinander! Da hat er aber gutes Durchhaltevermögen bewiesen, der Große.
      Ich find es ja auch immer wieder sehr spannend, wie viel Original am Ende übrig bleibt. Dass hier zB erst ein Lied die gesamte Stimmung kippt, das fand ich super interessant.

      Liebe Grüße!
      Gabriela

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  4. Liebste Gabriela! ❤
    Wie passend, dass du dir für die winterliche Zeit ein wahres Wintermärchen ausgesucht hast! :')
    Auch wenn ich nicht der größte Fan der Disney-Verfilmung bin, so liebe ich doch das Märchen von Hans Christian Andersen sehr. Wie sich die kleine Gerda aufmacht, um ihren besten Freund Kai zu suchen, den alle für tot halten – ach, das hat mir noch immer wunderbare Lesestunden beschert. 🙂

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    • Liebste Ida ♥
      Was würde auch besser zu dieser kalten, kalten Jahreszeit passen? 🙂 Schön zu sehen, dass dir das Original so sehr ans Herz gewachsen ist – auch wenn mir die Schneekönigin hier doch irgendwie zu abstrakt geblieben ist, fand ich das Abenteuer der kleinen Gerda sehr anrührig. Im übrigen bin ich großer Fan der Schlosskrähen geworden 😀 ♥

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      • Hachja, die Schlosskrähen ❤ Ich glaube auch, dass es mir deshalb so besonders gut gefällt, weil ich das Hörspiel dazu schon gefühlt hunderte Male gehört habe – da sind die Schlosskrähen nämlich auch ganz allerliebst. :')

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