[The Story Behind] Erinnerungen an Marnie

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Studio Ghibli

Erinnerungen an Marnie

Aufmerksamen Lesern wird direkt auffallen – Moment, wir reden heute nicht von einem Disney Film! Tatsächlich nicht, aber nachdem ich dieses Feld beinahe erschöpfend abgegrast habe, möchte ich diese Kategorie gern auch mit anderen Filmen und Büchern füllen. Da kommt mir einer meiner liebsten Filme aus dem Ghibli Studio natürlich ganz recht!

Erinnerungen an Marnie ist ein Anime aus dem Jahr 2014. Als ich ihn das erste Mal sah, war ich zu Tränen gerührt von dieser unglaublich berührenden, zarten Geschichte über eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die sich eigentlich gar nicht kennen dürften.

In this world, there’s an invisible Magic circle. The circle has an inside and an outside. These people are on the inside. And I’m on the outside.

(Erinnerungen an Marnie)

Innen und Außen

Es geht um die zwölfjährige Anna, die aufgrund ihres Asthmas von ihrer Adoptivmutter aufs Land zu Verwandten geschickt wird, um sich zu erholen. Anna ist eher still und in sich gekehrt, empfindet sich als außerhalb eines imaginären Kreises stehend, nicht drinnen, wie all die anderen Menschen. Auch in dem neuen Ort ist sie lieber für sich, eckt mit ihrer etwas anderen Art schnell bei den anderen Kindern an, und verbringt die Tage allein am Ufer des Meeres. Das alte Marschhaus am anderen Ufer weckt schnell ihr Interesse, und als eines Abends ein kleines Ruderboot auf sie zu warten scheint, macht sie sich kurzerhand auf, um dem Haus näher zu sein.

Hier trifft sie auf die junge Marnie, die ihr zunächst beinahe unreal erscheint, doch schnell freunden sich die beiden an. Es scheint fast, als würden sie sich schon lang gekannt zu haben. Doch Marnie verschwindet nach einiger Zeit, und alles was Anna bleibt, ist die Erinnerung an ihre Freundin. Bis sie die neue Familie kennenlernt, die in das alte Haus zieht, und sie so dem Geheimnis des blonden Mädchens auf die Spur kommt.

Joan G. Robinson

When Marnie was there

Die britische Autorin Joan G. Robinson schrieb das Kinderbuch When Marnie was there bereits 1967. Inspiriert wurde sie dabei während eines Sommerurlaubs in Norfolk. Bei ihren häufigen Besuchen des Marschlandes von Burnham Overy Staithe sah sie immer wieder ein großes altes Haus, das mit seinem freundlichen Äußeren und den blau gestrichenen Fensterrahmen auf sie zu warten schien. Eines Tages kam sie dem Haus so nahe, dass sie in einem der Fenster ein junges Mädchen beobachten konnte, dessen Haar von einer im Schatten verborgenen Frau gekämmt wurde. So entstand langsam aber sicher die Idee von Anna und Marnie, zwei Mädchen, die sich aufgrund dieses Hauses kennenlernen würden.

And she went on staring and staring as if she were looking at a ghost.
But the strange girl was looking at her in the same way.
„Are you real?“ Anna whispered at last.
„Yes, are you?“

(When Marnie was there)

Frische Luft lindert alles

Anna ist ein stilles Kind, sehr in sich gekehrt und wirkt nach außen hin auf viele erst einmal recht seltsam. Sie hat früh ihre Familie verloren und wurde später von einem Ehepaar adoptiert, das sie scheinbar nie so ganz ins Herz geschlossen hat, wenn man Annas Gefühlen glaubt. Als Anna immer weiter abgleitet, wird sie kurzerhand zu Freunden der Familie Preston geschickt – nach Norfolk, in ein kleines Dorf am Meer.

Dort ist sie zunächst glücklich, von der Familie Pegg, die sie aufgenommen hat für diese Zeit, größtenteils sich selbst überlassen zu werden. Sie streift durch das Land, sitzt stundenlang am Meer und denkt an nichts. Bis sie das alte Marschhaus sieht. Es scheint ihr bekannt vorzukommen, seltsam vertraut, ja, es scheint auf sie gewartet zu haben. Die Fenster sind dunkel, es scheint unbewohnt zu sein. Doch eines Abends sieht sie ein Mädchen am Fenster sitzen, dessen Haare von einer anderen Frau gekämmt werden. Tage später rudert sie mit einem kleinen Boot, das am Ufer auf sie zu warten schien, zu diesem Marschhaus – und wird von einer Mädchenstimme begrüßt. Marnie, zu der diese Stimme gehört, ist in Annas Alter und die beiden verstehen sich auf Anhieb. Sie treffen sich von da an immer öfter, doch so oft Anna auch nach Marnie Ausschau hält – das andere Mädchen scheint immer nur dann aufzutauchen, wenn Anna aufhört, nach ihr zu suchen. Sie vertrauen sich Geheimnisse an und Marnie nimmt sie an einem Abend mit zu einem großen Familienfest im Haus ihrer Eltern. Anna wird als Bettlermädchen verkleidet und verteilt Seelavendel an die Gäste. Doch so sehr sie sich auch bemüht, sie kann mit den Erwachsenen nicht sprechen.

Zerbrochene Freundschaft

Auch sonst scheint niemand Marnie zu kennen, sie taucht immer nur auf, wenn Anna allein ist. Die Freundschaft wird immer enger, bis sie eines Tages bei einem schweren Gewitter plötzlich zerbricht. Anna fühlt sich von ihrer Freundin verraten und allein gelassen und beschließt, sie nie wieder sehen zu wollen. Und doch sehen sich die beiden Mädchen ein letztes Mal, bei dem Marnie ihrer Freundin zuruft, dass man sie wegschickt, dass sie sich nicht mehr sehen werden.

Anna ist nun wieder ganz allein und kann mit niemandem über ihren Verlust sprechen. Doch der Zufall will es, dass sie die Familie und deren fünf Kinder kennenlernt, die das alte Marschhaus gekauft haben und nun einziehen wollen. Wie irritiert Anna ist, als man ihr erklärt, dieses Haus hätte seit Ewigkeiten leergestanden! Was ist mit Marnie? Doch das blonde Mädchen verblasst bereits in Annas Erinnerungen. Ob es sie wirklich gab oder ob sich Anna die Freundin nur ausgedacht hat in ihren einsamen Stunden? Eines der Mädchen der Lindsays – also der neuen Famile – findet ein altes Tagebuch, welches Marnie gehörte. Jedoch schreibt sie darin von Dingen, die während des ersten Weltkriegs passierten, also schon fünfzig Jahre zurückliegen…

Familienbande

Nach und nach lüftet sich das Geheimnis um Marnie, die auf geheimnisvolle Weise in Annas Leben zurückkehrte. Ja, zurück, denn die beiden kannten sich wirklich. Wenn auch nicht im gleichen Alter.

Für ein Kinderbuch ist When Marnie was there sehr traurig zum Teil. Es handelt von unaufgearbeiteter Trauer, von Verlust und von Menschen, die anders sind als vielleicht der Durchschnitt und deswegen oftmals missverstanden werden. Aber es gibt auch viele wunderbare Momente zu entdecken, wenn Anna endlich aus sich herausgeht, Freundschaften knüpft und das Glück im Leben annimmt. Das Ende macht die Geschichte perfekt in meinen Augen und auch, wenn man vielleicht schon vorher wusste, worauf es hinauslaufen könnte, so ist diese Freundschaft zwischen Marnie und Anna, die es niemals so hätte geben dürfen, doch eine ganz besondere.


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds
Alice im Wunderland: Ab durch den Kaninchenbau
Der Glöckner von Notre Dames: Der Narrenpapst
Die Hexe und der Zauberer: Das Schwert im Stein
Oliver und Co: Eine Katze unter Hunden
Basil, der große Mäusedetektiv: Von Mäusen und Detektiven
Pinocchio: Ein echter Junge?
Die Schöne und das Biest: Der äußere Schein trügt
Aschenputtel: Bibbidi-Bobbidi-Boo!
Hercules: From Zero to Hero
Küss den Frosch: Von Sumpfprinzen und falschen Prinzessinnen
Der Schatzplanet: Piraten traut man besser nicht
Tarzan: Der weiße Affe
Dornröschen: Die schlafende Schönheit
Nightmare before Christmas: Holy Halloween!

7 Comments on “[The Story Behind] Erinnerungen an Marnie

  1. Pingback: Rückblick auf den Juli – Buchperlenblog

  2. Wow, danke für den Beitrag! „When Marnie Was There“ ist ein Ghibli Film, der mich damals richtig nachhaltig beschäftigt hat und der mich so gerührt hat. Ich freue mich gerade total, dass es eine Buchvorlage gibt! Ich habs direkt auf meine Wunschliste gesetzt 🙂 Ganz tolle Zusammenfassung von dir!

    Gefällt 1 Person

    • Huhu!
      Dann gehts dir wie mir, ich liebe den Film wirklich sehr. Er ist so einfühlsam und traurig und gleichzeitig so voller Hoffnung, rictig toll. Ich kann dir bei dem Buch nur ganz viel Freude wünschen, mir hat es ebenfalls richtig gut gefallen! ♥

      Gefällt mir

  3. Pingback: [The Story Behind] Der Wind erhebt sich – Buchperlenblog

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