[Rezension] Christoph Ransmayr – Die letzte Welt

 

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Erscheinungsdatum Erstausgabe : 01.04.1991

Verlag : S. FISCHER

ISBN: 9783100629395

Fester Einband 288 Seiten

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„Grau und kalt stand Battus in Famas Laden,

eine mit Lavendel und Steinbrechnelken geschmückte Drohung, dass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit vielleicht für immer verloren war.“ (S.221)

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Inhalt

Ovid, der Dichter Roms, wird in die Verbannung geschickt, nachdem er bei einer öffentlichen Rede nicht dem Imperator Roms seine Huldigungen überbrachte. Er verbrennt sein Meisterwerk der Metarmophosen und bricht auf an das Ende der Welt, nach Tomi.
Nach der Nachricht seines Todes, aus einem Gefühl der Pflicht, des bevorstehenden Ruhmes oder einfach der Langeweile heraus folgt ihm der Römer Cotta einige Zeit später, will den Dichter finden und sein Werk zurück nach Rom bringen.
In Tomi angekommen, findet er nichts als Schweigen vor. Die Menschen reden nicht über den Verbannten. Mit Mühe findet Cotta eines Tages den Weg ins Gebirge nach Trachila, dem letzten Wohnort des Dichters. Bereits hier vermischen sich Realität mit Mythos, denn Cotta findet die ersten Anzeichen der Metarmorphosen in seiner Welt.

Rezension

Christoph Ransmayr schreibt in einem sehr bildgewaltigen Stil, der zwar nicht als einfach zu bezeichnen ist, jedoch auf mich einen tiefen Sog der Faszination ausübt. In Die letzte Welt vermischen sich Traum und Wirklich, Realität mit Mythos.

Mir sind die Metarmorphosen des Ovid zwar ein Begriff, doch gelesen habe ich bisher keinen Band dieses Epos. Und doch fühlt man sich schnell heimisch, erkennt die Geschichten wieder, die sich in der römischen Mythologie verbergen.

Cotta begibt sich auf die Reise nach dem verschollenen Buch, doch wissen wir, dass dieses Buch nicht verschollen ist in der Realität. Möglicherweise (und das ist nun nur mein Interpretationsstandpunkt) ist der Römer nicht wirklich in Tomi, der eisernen Stadt am Meer. Vielleicht ist er gefangen in den Seiten dieses Buches. Denn als er in Tomi von Bord des Schiffes geht, verschmilzt seine Welt mit der, die uns Ovid in seinen Dichtungen näher bringt. Menschen verwandeln sich in Steine oder Vögel, der Weltuntergang naht und die Natur beginnt, den Menschen von der Oberfläche zu tilgen. Auch spielt Ransmayr gekonnt mit der uns bekannten Realität. Es ist, als würde Cotta in einer Parallelwelt leben. Auf der einen Seite lebt er im – wie es scheint – antiken Rom, welches vom Imperator Julius Caersar beherrscht und regiert wird – andererseits gibt es in dieser Welt bereits Mikrophone, Antennen, Busse und Filmvorführungen. Wie das zusammenpasst? Gar nicht. Und doch nimmt man es beim Lesen hin und gerät selbst immer mehr in diese andere Welt, in eine, die sich nur hinlänglich von unserer unterscheidet.

Vielleicht ist es eine Reise zu sich selbst, denn das Buch hat ein sehr offenes Ende, ein Ende, welches mich sehr ratlos zurückgelassen hat.

Sehr aufschlussreich fand ich, als Nichtkenner der Metarmorphosen, dass am Ende des Buches ein Glossar angefügt ist, in dem Ransmayr seine Figuren mit denen der Metarmorphosen vergleicht und tatsächlich: die Geschichten und Schicksale ähneln sich. So war es doch sehr spannend zu erleben, wie diese Figuren aus der einen in die anderen Welt gebracht wurden, wie Cotta sie kennengelernt hat, obwohl sie vermeintlich nicht existieren.

Fazit

Kein Buch für nebenher, vielmehr ein Buch zum Nachdenken. Es überzeugt durch seine wunderbare Sprache und seine Bilder und wer sich für die römische Mythology interessiert, wer ggf. die Metarmorphosen bereits gelesen oder in ihnen geblättert hat, dem kann ich hierzu nur raten.

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[Rezension] Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve – Die Schöne und das Biest

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Erscheinungsdatum Erstausgabe:02.03.2017

Verlag: Coppenrath

ISBN: 9783649624745

Fester Einband: 203 Seiten

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„Ich warne dich noch einmal“, sagte das Biest,

„du darfst sie nicht täuschen, sie muss um das Opfer wissen, dass du von ihr verlangst.

Beschreibe ihr meine Gestalt, so wie sie ist.“ (S.34)

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Inhalt

Ein Mann gerät in die Fänge des verwunschenen Biestes, seine Tochter, die von allen nur die Schöne genannt wird, opfert sich für ihn, um ihn zu retten und verbringt fortan ihre Tage im Schloss des Biestes. Mit der Zeit lernen sie sich näher kennen, verlieben sich schlussendlich und der Fluch ist gebrochen. Das Biest ist ein verwunschener Prinz, die beiden heiraten und alle leben glücklich bis an ihr Lebensende.

So weit, so bekannt.

Aber wie, die Geschichte ist noch gar nicht zu Ende? Wer – wie ich vor dieser Lektüre – nur die Disneyvariante dieses Märchens kennt, dem sei gesagt: Es steckt noch so viel mehr dahinter! Eine gute Fee, eine böse Fee und vor allem: jede Menge Intrigen und Eitelkeiten.

Rezension

Man kann sich mein Erstaunen vielleicht denken, als ich feststellte, dass Disney eigentlich nur den Rahmen der Erzählung übernommen hat. Eben jene Schöne, die sich in ein Biest verliebt und einen Fluch damit bricht, der auf ihm liegt. Das Originalmärchen von Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve geht weitaus tiefer.

Nachdem das Bekannte beendet ist, wird die Vorgeschichte des Biestes erzählt. Keine Fee klopfte an sein Schloss und erbat Einlass, der ihr verweigert wurde. Nein, vielmehr wurde ihr der junge Prinz anvertraut, um ihn zu erziehen und als die Zeit reif war, verliebte  sich die Fee in ihn und wollte ihn ehelichen – zum großen Verdruss des Prinzen und seiner Mutter, der Königin. Als ihr Antrag keine Zustimmung fand, verwandelte sie den Prinzen in ein Biest. All das ist das Resultat eines noch mehr in der Vergangenheit wurzelnden Unglücks, dass sich zwischen dem Bruder der Königin und der Schwester der guten Fee ereignete. Verwirrend? Es wird noch besser!

Auch die Geschichte der Schönen ist eine völlig andere. Wie sich im weiteren Verlauf  herausstellt, ist sie gar nicht die Tochter des Kaufmanns (auch nicht die des disney’schen Wissenschaftlers), sondern … Na, wer wäre ich, wenn ich euch das verraten würde? Richtig. Ein Unmensch.

Die Hintergründe der beiden, so viel sei verraten, sind dicht miteinander verwoben durch Intrigen und Flüche, durch Hoffnungen und Träume. Diese Liebe der Beiden ist weniger spontan entstanden als von langer Hand geplant. Vielleicht bin ich zu romantisch, aber dieses Konstrukt der großen Liebe, so wahrhaftig sie dann auch sein möge, hat mir meine verklärte rosarote Brille genommen. Auch fand ich die Betonung auf den Superlativen der „am Schönsten“, „am Klügsten“ und „am Tugendhaftesten“ hinlänglich enervierend mit der Zeit. Sei’s drum, es ist ein Märchen und dazu gehört nun einmal, dass die Kinder der Königshäuser in höchsten Tönen geschildert werden.

Nun aber zum für mich wichtigsten Aspekt: Die Gestaltung des Buches. Die neue Ausgabe aus dem Coppenrath Verlag ist bildschön! Mit sehr viel Liebe zum Detail, Papierkunst und wunderschönen Illustrationen im Stile der großen Märchenbücher von früher ist dieses Buch ein wahres Highlight im Bücherschrank. Man kann Dinge entfalten, man kann an Scheiben drehen und Geheimnisse entdecken, man kann etwas auf- und wieder zuklappen – kurzum: Man kann sich neben dem Text unglaublich gut unterhalten.

Fazit

Das Märchen hat viel mehr Tiefe und birgt mehr Geheimnisse in der Vergangenheit der beiden Protagonisten, als man vermutlich bisher kannte. Ein Genuss für jeden Märchenfreund, für jeden, der ein kleines Stück Kulturgut für sich haben möchte. In dieser großartigen Aufmachung ein absolutes Schmankerl. Etwas schnörkelig geschrieben, aber dafür ist’s schließlich ein Märchen geworden.

Randinformation

Im Coppenrath Verlag gibt es in ähnlicher Form bereits Peter Pan zu bestaunen und bald auch Das Dschungelbuch.

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Ich wusste nicht, wie sehr ich dich liebe, bis die Sorge um dich mir bewies, dass stärkere Bande als Dankbarkeit mich mit dir verbinden. (S. 105)

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Mittendrin Mittwoch #14 – Die Reise zur letzten Welt

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In der ersten Maiwoche nehme ich euch mit auf eine Reise in eine andere Zeit und in eine andere Welt. Begleiten wir den Römer Cotta ein Stück zusammen.

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Der Weg hinab zur Küste war mühsamer als der Aufstieg und voller Zweifel:

War es tatsächlich dieser im Schlagschatten einer Felsenzinne liegende Schuttkegel gewesen, den er auch am Nachmittag durchquert hatte? führte seine Route nicht doch über jene Halde, die dort drüben so weiß im Licht lag? Und was sich jetzt vor ihm auftat – war das die Schlucht, die er kannte oder nur ein Abgrund in die tiefste Nacht?

Manche Passagen seines Abstiegs waren Cotta so fremd, dass er sich schon verirrt glaubte und schließlich bereit war, in einer Felsnische auf den Morgen zu warten, als er in einem der alten Schneefelder endlich eine Spur fand, seine eigenen Fußstapfen, und ihnen bis an den Scheitel sanfterer Abhänge folgte. (S. 83)

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Christoph Ransmayr hat mit Die letzte Welt mal wieder ein Werk geschaffen voll poetischer, bildgewaltiger Sprache. Schon mit Cox konnte er mich für sich einnehmen, dieses Buch ist nun wieder genau so ein Schätzchen.

Der Römer Cotta macht sich auf den Weg, seinen Freund Ovid zu suchen, nachdem dieser in die Verbannung geschickt wurde ans Ende der Welt, nach Tomi. Der Dichter Ovid ist eine historisch belegte Person, sein Epos „Metamorphosen“ ist vielleicht dem ein oder anderen ein Begriff. Es ist also etwas Reales, was hier erzählt wird, in einer Welt, die am Ende angekommen zu sein scheint. Vergangenheit gemischt mit Gegenwart, Mythos mit Realität.

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Und, was liest du gerade?


Diese Aktion wurde von der lieben Elizzy von readbooksandfallinlove initiiert, schaut unbedingt mal bei ihr vorbei! ♥

Rückblick auf den April

Da geht er dahin, der April. Wie doch die Zeit verfliegt! Nass war er. Sonnig auch. Den ersten Sonnenbrand hatte ich auch bereits abbekommen, der Sommer kann dann also langsam kommen!

gelesene Bücher im April

 

Diesen Monat habe ich es immerhin doch noch auf 7 Bücher geschafft, auch wenn es mir gar nicht so viel vorkam. Schuld daran ist wohl auch der lange Murakami, der mich 3 Wochen lang beschäftigt hat. Macht aber nichts,ich will ja nicht durch die Buchwelten etzen, sondern sie auch genießen.

Das Highlight im April war übrigens Anna Pfeffers Für dich solls tausend Tode regnen, ein Jugendroman, der es geschafft hat, mich zum lachen und zum weinen zu bringen.

Die Sub-Kurve

01.04.2017 – 116 Bücher auf dem Stapel

01.05.2017 – nach wie vor 116 Bücher auf dem Stapel

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Warum ich das aufschreibe? Weil ich mir am Anfang des Jahres zum Ziel gesetzt habe, meinen SuB auf max. 80 gesenkt zu haben. 😓

Neue Pforten

Privat werde ich mich in den kommenden Monaten weiterentwickeln. Aktuell habe ich Kurse belegt, die mich zum Online-Redakteur ausbilden sollen – ich bin sehr gespannt darauf, auch, wie ich das neue Wissen evtl hier einfließen lassen kann!

Was noch?

2017_16-17_2_zweiDiesen Monat habe ich die abc-Etüden auf dem Blog von Irgendwas ist immer für mich entdeckt. Hier werde ich wohl auch in Zukunft immer mal etwas schreiben und zum besten geben. 🙂

Mein eigenes Buch, an dem ich derzeit arbeite, ist im ersten Teil geschafft. Nun steht die große Überarbung an, mal sehen, wie weit ich im Mai dazu kommen werde.

 

 

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[Auslosung] Gewinnverkündung!

Ihr Lieben!

Von der Galopprennbahn geht’s direkt zur Auslosung! Eine Woche hattet ihr Zeit, um euch für das wunderbare Buch Die Unvollendete von Kate Atkinson zu bewerben und ihr habt euch wirklich zahlreich beworben! Dafür wollte ich mich zuerst einmal bedanken! Danke, danke, danke! 🙂

Eigentlich habe ich ein Video dazu gedreht, doch leider streikt da WordPress, so dass ich euch nur das Ergebnis präsentieren kann. Dabei hat man so schön meinen Hund im HIntergrund schnarchen gehört! 😮

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Lange Rede, kurzer Sinn: Herzlichen Glückwunsch

Lagoonadelmar! ♥

Meld dich doch bitte bei mir wegen deiner Adresse und dann geht das Päckchen so schnell wie möglich auf den Weg zu dir 🙂

Ihr anderen, nicht traurig sein, vielen lieben Dank für das Mitmachen und vielleicht kauft sich der ein oder andere das Buch ja trotzdem noch – Ursula hat es auf jeden Fall verdient. 🙂

Liebe Grüße!

Eure Gabriela

[Rezension] Michael Weins – Goldener Reiter

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Erscheinungsdatum Erstausgabe: 02.09.2013

Verlag: mairisch Verlag

ISBN: 9783938539286

Fester Einband 208 Seiten

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Wir fahren an meinem Haus vorbei. Meine Mutter steht in der Haustür. Die Haustür steht offen und meine Mutter steht in der Tür. Meine Mutter trägt ein weißes Hemd. Sie hat die Arme ausgebreitet. Ganz langsam fahren wir an meiner Mutter vorbei. (S.62)

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Inhalt

Jonas Fink ist noch ein Kind, als seine Mutter langsam den Verstand verliert. Es beginnt mit Kleinigkeiten, sie verhält sich nicht mehr, wie eine Mutter sich seiner Meinung nach verhalten sollte. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide, bis Jonas keinen anderen Weg mehr sieht, als den Anstoß für einen Aufenthalt in der Nervenklinik Ochsenzoll zu geben. Nun ist sie eine Ochsenzoll-Mutter und er ein Ochsenzoll-Kind. Doch wie soll das Leben für einen Jungen weitergehen, der außer der Mutter niemanden hat, der sich um ihn kümmert?

Rezension

Der Schreibstil des Buches ist markant. Er ist knapp gehalten, stakkatoartig. Kurze Sätze in der Ich-Form sind aneinander gereiht und ergeben eine eigenartige Sogwirkung. Hat man sich einmal eingelesen, kommt man aus Jonas‘ Gedanken nicht mehr so leicht heraus. Immer, wenn ihm etwas widerfährt, was ihm Angst macht, was negative Gefühle in ihm auslöst, verliert er sich in Wiederholungen. Es scheint, als müsse er sich vergegenwärtigen, was da genau gerade passiert. Manchmal hat mich dieser Stil genervt, manchmal fand ich ihn großartig.

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Ich liege auf dem Bett. Es ist dunkel geworden. Ich bin allein im Haus. Ich weiß, dass ich allein bin. Ich kann es fühlen. Das Haus um mich herum fühlt sich allein an. Es hört sich allein an. Von unten kommt das Summen der Wärmepumpe. Die Wärmepumpe summt im Keller. (S.126)

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Nachdem Jonas‘ Mutter in die Klinik Ochsenzoll eingewiesen wurde, zieht er vorübergehend zu seinem Freund Mark und dessen Mutter. Er versucht, ein ganz normales Leben unter diesem fremden Dach zu leben, scheitert jedoch daran und fühlt sich beständig als Gast, der er ja auch nur ist. Irgendwann erfindet er eine Lüge und kehrt zurück in das verlassene Zuhause. Ein zwölfjähriger Junge, der plötzlich an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein steht. Für das eine ist er zu alt und für das andere ist er zu jung. Er gibt sich Mühe, allein klarzukommen und wehrt fremde Hilfe ab. Er wünscht sich, sich jemandem mitteilen zu können, doch nach außen hin führt er ein normales Leben. Er verbringt Zeit mit seinen Freunden, verliebt sich.

Hin und hergerissen zwischen dem Wunsch frei und allein zu sein und dem Wunsch, dass jemand für ihn da ist, dass jemand ihn beschützt, macht er sich selbst Vorwürfe und denkt, dass er Schuld an dem geistigen Zustand seiner Mutter trägt. Auch suchen ihn immer wieder merkwürdige, surreale Träume und Visionen heim, in denen seine Umwelt brutal gesprengt wird. Diesen Aspekt hätte ich gern etwas ausführlicher gehabt. Ich hatte vermutet, dass Jonas selbst an einer psychischen Krankheit leidet, die diese Vorstellungen hervorrufen. Doch wir als Leser werden darüber im Unklaren gelassen, vielleicht weiß der Autor selbst nicht genau, was er damit andeuten will. Ich habe in einem Bericht gelesen, dass das Buch autobiographische Züge hat. Michael Weins‘ Mutter litt an einer psychischen Erkrankung. Vielleicht arbeitet der Autor mit diesem Buch seine Kindheit ein Stück weit auf.

Die Geschichte gefällt mir ganz gut, doch irgendwie war es mir teils zu zerstückelt. Gedanken, Träume und die schonungslose Realität wechseln sich ab und man bekommt manchmal nicht mit, was nun stimmt und was nicht. Das Ende ist recht frei gehalten, Jonas und seine Mutter feiern wiedervereint Sylvester miteinander. Doch gibt es eine Chance auf Heilung? Ich weiß es nicht.

Fazit

Verwirrend und doch zugleich tiefgründig. Wenn man sich an den Stil gewöhnt hat, ist es ein sehr eindringliches Buch, welches einen durchaus gefangen hält. Nur fehlte mir an manchen Stellen der klare Blick, das warum.

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Reisegedanken

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Ich packe meinen Koffer und nehme mit … ?

Am Wochenende geht es auf eine kleine Wochenendreise in das schöne Dresden mit meiner Freundin, ihrer Mutter und ebenfalls meiner Mutter. Ein bunter Frauenhaufen also. Die Tage sind so ziemlich verplant, Samstags Bummeln mit abendlichem Besuch der Staatsoperette, Sonntag dann eine ganztägige Schiffahrt von Dresden bis hinauf ins Königstein und wieder zurück. Abends geht es dann zurück ins heimatliche Leipzig.

Ihr seht, der Weg ist nicht weit, die Zeit begrenzt und trotzdem stell ich mir die Frage:

Nehme ich ein Buch mit oder nicht?

Wir tragen unser Gepäck die meiste Zeit mit uns rum, es wäre also ratsam, sich nicht allzu sehr zu beladen. Aber mein Herz blutet, wenn ich kein Buch zur Hand habe, SOLLTE ich die Zeit dazu haben. Einen eReader besitze ich nicht, das fällt also weg. Also was bleibt? Genau. Ein dünnes Buch. Eins, das sich in der Handtasche verliert und doch für mich da ist, wenn ich es brauche. Dann kann ich durchatmen. Nicht, dass ich mir am Ende noch ein Buch in Dresden kaufen müsste. 😀

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Wie händelt ihr das? Verzichtet ihr dann auf das Buch oder gebt ihr eurem Herzen nach? Fühlt ihr euch ohne Buch auch so leer wie ich? Verratet’s mir!

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[Rezension] Fred Bodsworth – Der letzte Eskimobrachvogel

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Werbung |Autor: Fred Bodsworth | Titel: Der letzte Eskimobrachvogel | Erscheinungsdatum: 1977 | Verlag : Aufbau | 110 Seiten | Genre: Naturgeschichte

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Und manchmal wurden bei Nordoststürmen ungeheuer viele Brachvögel vom Wind an die Küste von Neuengland geweht, wo sie gelegentlich völlig erschöpft niedergingen.

Die Jagd auf sie war dann ein leichtes, und wenn sie davonfliegen wollten, konnte man sie ohne weiteres niederknüppeln.“

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Inhalt

Wie der Titel es schon vermuten lässt, geht es in diesem schmalen Büchlein um den letzten Eskimobrachvogel. Wir begleiten den kleinen Vogel auf seiner langen und beschwerlichen Reise von Argentinien bis hinauf an die arktischen Küsten, wo seine Brutstelle ist. Dort wartet er bereits seit fünf Jahren auf ein Weibchen. Der Instinkt sagt ihm, dass er Nachwuchs zeugen muss, aber es kommt einfach kein Weibchen. Nach etlichen Wochen des vergeblichen Wartens schließt er sich einem Schwarm Regenpfeifer an, um den tausende Kilometer langen Flug zurück nach Argentinien zurückzulegen, um sich, einmal dort angekommen, im nächsten Jahr wieder auf die Reise zu begeben.

Rezension

Keine leichte Lektüre. Wer denkt, dass es sich hierbei um eine lustig veranschaulichte Reise á la kommentierte Tierdokumentation handelt, der liegt falsch. Das Buch ist von Grund auf traurig.

Fred Bodsworth gelingt es, sehr detailliert zu beschreiben, wie sich der Vogel bewegt, wie er lebt, wie er instinktiv handelt. Sein Leben widmet er der Wanderung. Im Frühling fliegt er an die kanadische Küste, wo die Brutstellen sind. Das Winterquartier jedoch ist im Süden des Landes, in Brasilien und Argentinien. Die Reise ist lang, Klima und Umwelt heimtückisch.

Und dann gibt es natürlich auch uns. Den Menschen. Eingestreut in die Reise des Brachvogels wurden originale Artikel aus wissenschaftlichen Abhandlungen, Zeitungen etc., die den Spießrutenlauf des Vogels aufzeichnen. Erstmals gesichtet wurde die Gattung Ende des 18. Jahrhunderts. Der Eskimobrachvogel hatte niemals eine natürliche Scheu vor uns entwickelt, landete auf den Feldern der Bauern und wurde somit zum Schädling erklärt, den man niederschießen konnte. Wurden nun also die dichten Schwärme der wandernden Vögel gen Norden oder Süden beobachtet, sahen die Menschen es als Sport an, diese Vögel in Scharen vom Himmel zu holen.

„Fünfundzwanzig bis dreißig Männer schossen an einem einzigen Tag zweitausend Brachvögel.“ (S. 45)

Aus den Millionenbeständen wurden zusehends weniger, bis die Gattung gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahezu ausgerottet war.

Unser Eskimobrachvogel ist eines der letzten lebenden Exemplare, auf der verzweifelten Suche nach einem Weibchen. Das Schicksal will es, dass ihm auf seiner erneuten Reise endlich eines begegnet. Sie treten gemeinsam den Weg in den Norden an. Doch sie kommen nie zusammen an. Und die Schuld daran trifft allein uns Menschen. Dieses entsetzliche Bestreben des Menschen, alles auszurotten, ob wissentlich oder nicht, ist äußerst beispielhaft und macht mich krank. Es macht mich wütend und es beweist einmal mehr, dass der Mensch die schlimmste Krankheit ist, die die Natur jemals hervorgebracht hat.

Fazit

Leider ist dieses Buch vergriffen, kann aber noch über diverse Antiquariate zu einem sehr moderaten Preis erworben werden. Wer sich also für die Natur interessiert, der sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen. Je mehr Menschen solches lesen, umso größer ist die Hoffnung, dass wir uns eines Tages ändern.

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„Schönheit und Geist eines Kunstwerks können nachgebildet werden, auch wenn es zerstört ist; eine verschwundene Harmonie vermag den Komponisten von neuem zu inspirieren; doch wenn eine Gattung von Lebewesen dahin ist, müssen Himmel und Erde vergehen, bevor es sie wieder geben kann.“
C. William Beebe

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Mittendrin Mittwoch #13 & Gewinnspielerinnerung

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Bevor ich euch in mein aktuelles Buch mitnehme, möchte ich euch nur kurz daran erinnern, dass das Gewinnspiel anlässlich des Tag des Buches, bei dem es den wunderbaren Roman Die Unvollendete von Kate Atkinson zu gewinnen gibt, noch bis zum 30.04. läuft – wer noch mitmachen möchte, hat also noch Zeit dazu! Einfach hier klicken und dann geht’s auch schon los. 🙂

Und nun nehm‘ ich euch ein Stück mit in Jonas‘ Welt.

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Wir fahren an meinem Haus vorbei. Meine Mutter steht in der Haustür.

Die Haustür steht offen und meine Mutter steht in der Tür.

Meine Mutter trägt ein weißes Nachthemd. Sie hat die Arme ausgebreitet.

Ganz langsam fahren wir an meiner Mutter vorbei. (S. 62)

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Es handelt sich um Goldener Reiter von Michael Weins, ein Buch das ich bei der Lovelybooks-Aktion „Blogger empfehlen“ gefunden hatte.

Der Stil des Buches scheint im ersten Moment etwas merkwürdig anzumuten. Aber erzählt wird die Geschichte aus Jonas‘ Sicht. Jonas ist ein Kind. Ich finde, das macht das Geschehen sehr eindringlich, wir sehen wie ein Kind sieht, wir denken wie ein Kind. Wir erleben hautnah den inneren Verfall der Mutter, der zuerst recht harmlos beginnt, in dem sie singt und pfeift, obwohl sie das nie tut beim Zwiebeln schneiden, und dann immer weiter voranschreitet.

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Diese Aktion wurde von der lieben Elizzy von readbooksandfallinlove initiiert, schaut unbedingt mal bei ihr vorbei! ♥

[Rezension] Markus Heitz – Des Teufels Gebetbuch

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Erscheinungsdatum Erstausgabe: 27.02.2017

Verlag: Knaur

ISBN: 9783426434529

Seitenanzahl: 672 Seiten

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Dreimal darf getauscht werden, die höchste Karte gewinnt.

Kommt das Pik-Ass, kommt der Tod. (S.544)

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Inhalt

Tadeus Boch, ehemals Spielsüchtiger und nun am Rande der eigenen Existenz, gerät durch puren Zufall in ein gefährliches Spiel.

Um seine Spielsucht unter Kontrolle zu halten, arbeitet er in einem Casino, in dem er eines Tages den Oligarchensohn Lasarew kennenlernt. Dieser bringt ihn in Berührung mit der Pik-Neun, einer historischen Karte aus des Teufels Gebetbuch aus dem 18. Jahrhundert, eine Karte von unheilvoller Macht. Boch wird merklich in den Bann dieser Karte gezogen und versucht nun alles, diese zu beschützen. Dabei lernt er die junge Asiatin Hyun Poe kennen, die ihren Verlobten bei einer Partie Supérieur verloren hat. Angetrieben von dem Wunsch nach Rache stürzt sie sich, mit Boch an ihrer Seite, in die wilde Jagd nach dem Kartenspiel des Teufels, doch beide verfolgen unterschiedliche Ziele.

Allerdings sind sie nicht die Einzigen, die diese Karten besitzen wollen. Überall lauern Gefahren und der Tod, Handlanger von Kunstsammlern und Handlanger der Karten persönlich. Wem kann man vertrauen? Und wer hält am Ende alle Strippen in der Hand?

Rezension

Welch rasante Geschichte! Kaum ein Kapitel verging, ohne dass nicht gemeuchelt und gemordet wurde, kein Blut spritzte und der Gestank nach Verwesung durch die Buchseiten aufstieg. Mir war das ja persönlich hin und wieder ein Tick zu viel, muss ich sagen. Irgendwann hatte ich das Gefühl abzustumpfen, nach dem zigsten Toten gab es nur noch ein müdes „Oh“ von meiner Seite. Aber das hat nicht den Reiz an der spannenden Jagd gemildert, die das Buch schildert. Selbst kunsthistorisch begeistert, habe ich mit Freude die Beschreibungen der einzelnen Karten aufgesogen und wollte sie selbst in die Hand nehmen, ihre Linien und Symbole nachfahren und ihre Macht spüren.

Die Geschichte beinhaltet einige Intermedium, also Zwischenkapitel, die sich mit der Historie der Karten im Leipzig zu Goethes Zeiten beschäftigen. Hier wird uns nun erzählt, wie die bösartigen Karten entstanden und vor allem: Wie sie zu ihrer teuflischen Kraft kamen. Markus Heitz ist es wunderbar gelungen – im Gegensatz zu manch anderen Autoren – dass man sich als Leser tatsächlich in der Zeit zurückversetzt gefühlt hat. Die Dialoge der Menschen sowie die Beschreibungen sind der etwas altertümlichen Sprache angepasst. Es war mir als gebürtigen Leipzigerin eine Freude, durch die alten Straßen zu wandeln. Auch dass der Autor Goethe eingebunden hat und mit seiner Geschichte womöglich den Anfang zu dessen Faust schuf, fand ich sehr gelungen. Gewagt, aber sehr gelungen.

Das Zusammenspiel einzelner Personen war mir nicht immer zu einhundert Prozent klar, waren es doch zwischenzeitlich sehr viele Personen, die plötzlich nach dem Besitz der Karten trachteten. Das Ganze löst sich im späteren Verlauf allerdings auch zunehmend auf und es kommt zu einem Aha-Effekt, da ich mit dieser Wendung nicht unbedingt gerechnet hatte.

Auch die beiden Hauptpersonen Boch und Poe ließen mich merkwürdig kalt. Zwar habe ich mit ihnen gerne die Karten gejagt, doch erschienen sie mir vor dem gewaltigen Hintergrund ein wenig zu blass. Wurden sie verletzt, habe ich es eher mit Distanz wahrgenommen, anstatt mit ihnen mitzuleiden.

Am besten gefällt mir allerdings das todbringende Spiel Supérieur, das Heitz eigens für dieses Buch kreiert hat. Am Ende des Buches findet man auch nochmal die Regeln aufgelistet, sollte man den Drang verspüren, das Ganze mal auszuprobieren. Allerdings rät Heitz explizit davon ab, die historischen Regeln zu benutzen. Diese besagen nämlich, dass der Spieler, der das Pik-Ass zieht, automatisch seinen gesamten weltlichen Besitz abgibt – und sein Leben.

Fazit

Ein äußerst rasanter Thriller, in dem es nicht gerade zimperlich zugeht. Gewürzt mit einer ordentlichen Portion Mystik und teuflischen Kräften ergibt sich ein spannender Plot, bei dem man sich immer etwas gehetzt fühlt. Mir persönlich waren es ein wenig zu viele tödliche Begegnungen, aber die Geschichte rund um die verteufelten Karten macht das Ganze wieder wett. Zugreifen!

Bewertung: 4 / 5 Sterne ★★★★

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