[Rezension] Laurel Snyder – Insel der Waisen

Wunderschön geschrieben, mit viel Platz für Interpretationen!

Werbung | Autor: Laurel Snyder | Titel: Insel der Waisen |
Übersetzung: Elisa Martins |
Erscheinungsdatum: August 2020 | Verlag: mixtvision |
300 Seiten | Genre: Coming-of-Age |

Bewertung: 5 von 5.
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„Überhaupt …“, sagte Deen, „kann es ja auch einfach sein, dass ich bereit bin… für etwas anderes. Hast du vielleicht daran schon einmal gedacht? Dass ich neugierig sein könnte, was da draußen ist?“ Er schaute auf das Meer und kniff die Augen zusammen. „Geht es dir nicht so? Wenigstens ein kleines bisschen? Willst du nicht sehen, was es da sonst noch gibt?“

(S.17)

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schnörkel

Inhalt

Neun Kinder leben auf einer von dichtem Nebel umgebenen Insel. Sie kümmern sich umeinander, ein jeder hat seine Aufgaben. Einmal im Jahr kommt ein kleines grünes Boot über das Meer herangefahren, in dem ein neues Kind sitzt, rotznasig, verheult, und eigentlich noch viel zu jung. Aber wenn ein neues kommt, muss das älteste Kind die Insel verlassen. Denn ein alter Reigen sagt:

Neun Waisen auf einer Insel,
allein auf der Welt,
einer mehr und der Himmel fällt …

Doch was, wenn diese Regel gebrochen wird?

Rezension

Nimmerland 2.0

Wenn die Glocke ertönt, rennen alle Kinder der Insel hinunter an den Strand. Denn die Glocke bedeutet, dass das Boot zurückkehrt, dass Veränderungen anstehen. Das älteste Kind muss Abschied nehmen von der Insel, um seinen Platz an das neue Kind abzutreten. Für Jinny bedeutet die Glocke, dass sie ihren besten Freund seit vielen Jahren verliert, denn nun ist die Reihe an Deen zu gehen. Während Deen jedoch relativ gelassen seiner Zukunft entgegen geht, wehrt sich Jinny mit allen Kräften gegen diese Regel. Und dass sie sich nun als ältestes Kind dem neuen Mädchen namens Ess annehmen muss, sie als Mündel bei sich behalten, sie erziehen und lehren soll, all das passt ihr anfangs gar nicht.

Und so erleben wir an Jinnys Seite, wie sie langsam in ihre neue Aufgabe hineinwächst, wie Ess und sie sich anfreunden, und wie auch in Jinny neue Gefühle heranwachsen. Gefühle, die sie nicht einordnen kann, die ihr Angst machen und die ein Ziehen tief in ihrem Inneren bemerkbar machen, von dem sie nicht dachte, dass sie es eines Tages fühlen könnte.

Dabei bleibt die Insel stets geheimnisvoll. Alles hier scheint paradiesisch, perfekt für kindliche Gemüter. Keine Gefahren drohen, außer dem Wissen, irgendwann in eine ungewisse Zukunft zurückkehren zu müssen. Ich kam nicht umhin, immer wieder heimliche Vergleiche mit Peter Pans Nimmerland anzustellen, gepaart mit den Kindern, die beim Herrn der Fliegen auf einer Insel stranden. Und doch ist dieses Buch so anders, so speziell, so abenteuerlich und philosophisch, dass es mich von der ersten Seite an tief berühren konnte. Die Insel, so stelle ich mir vor, ist eine Allegorie auf das Erwachsenwerden, ein kindliches Miteinander, ohne Gefahren, ein Abkapseln von den Eltern. Aber was passiert, wenn aus einem Kind langsam aber unaufhaltsam ein erwachsener Mensch wird? Wie zerbrechlich ist das Kinderglück? Und was passiert, wenn Jinny sich gegen diese eine Regel erhebt, gegen den Wunsch des Erwachsenwerdens? Was geschieht, wenn sie die Insel nicht verlässt, wenn sie das Boot ignoriert, das sie zurück in die normale Welt bringen soll? Kann man diesen Prozess wirklich aufhalten?

Mit unendlicher Zartheit geht Laurel Snyder diesen Fragen auf den Grund und lässt uns teilhaben an den widerstreitenden Gefühlen eines Kindes, das am Rand einer großen persönlichen Veränderung steht. Dabei agieren und reagieren ihre Gefühle immer auch mit denen der übrigen Kinder, man spürt den Konflikt, dem Jinny immer und immer wieder ausgesetzt wird. Dass das Buch am Ende nicht DIE Antwort auf alle Fragen bringt, eröffnet uns Lesern einen herrlichen Moment der Spekulation, des Nachdenkens und Sinnierens.

Fazit

Ein wunderbares, sehr gefühlvolles Buch für Jung und Alt über das Erwachsenwerden, das Miteinander und die innere Zerrissenheit, wenn sich der eigene Körper plötzlich verändert. Wenn man nicht mehr ganz Kind und noch nicht ganz erwachsen ist.

Bewertung im Detail

Idee ★★★★★ ( 5/5 )

Handlung ★★★★★ ( 5/5 )

Charaktere ★★★★★ ( 5/5 )

Sprache ★★★★★ ( 5/5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5/5 )

= 5 ★★★★★

Weitere Meinungen

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schnörkel

Herzlichen Dank an den Mixtvision Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

2 Comments on “[Rezension] Laurel Snyder – Insel der Waisen

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