[Rezension] Katherine Arden – Der Bär und die Nachtigall

Russische Folklore trifft auf eine wundervolle Protagonistin und entfernt sich rasend schnell von jeglichen Klischees – Achtung, Jahreshighlight!

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Werbung | Autor: Katherine Arden | Titel: Der Bär und die Nachtigall |
Übersetzer:  Michael Pfingstl |
Erscheinungsdatum: Oktober 2019 | Verlag: Heyne|
432 Seiten | Genre: Fantasy / Märchen / russische Folklore |

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schnörkel

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„Und wie hat er ausgesehen?“, wollte Olga wissen.
Dunja zuckte die Achseln. „Was das betrifft, sagen alle etwas anderes. Manche behaupten, er wäre eine Brise, die zwischen den Tannen flüstert. Andere sagen, er sei ein alter Mann auf einem Schlitten, mit leuchtenden Augen und kalten Händen. Wieder andere behaupten, er sei ein vor Kraft strotzender Krieger mit weißer Rüstung Waffen aus Eis.“

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Inhalt

Es war einmal … So fangen die meisten Märchen an. Auch Dunja, eine Dienerin im Hause des Bojaren Pjotr Wladimirowitsch erzählt sie gerne, wenn draußen der Wind um das kleine russische Dorf am Rande der Wildnis heult, wenn der Winter naht und für viele Monate nicht schwinden wird. Sie erzählt den Kindern von alter Magie, von Wesen des Waldes und vom Winterkönig, der den Tod bringen kann. Alte Geschichten, die jedoch für Wasilisa nichts an Realität eingebüßt haben, denn sie kann diese Wesen sehen, die sich überall verstecken. Sie kann mit ihnen sprechen, und sie ist auch diejenige, die zuerst spürt, dass etwas Uraltes auf sie alle lauert.

Rezension

Winterliebe

Mit diesem Buch habe ich schon diverse Male im Englischen geliebäugelt, reizte mich die Geschichte doch schon sehr. Alte Magie, russische Märchen und Folklore – her damit! Nun ist endlich der erste Band der Winternacht-Trilogie bei uns erschienen, und OH MEIN GOTT was bin ich verliebt!

Wir lernen zunächst Wasilisa Petrowna – kurz Wasja – kennen. Sie ist die letztgeborene Tochter der verstorbenen Marina, deren Mutter wiederum scheinbar mit einigen magischen Fähigkeiten ausgestattet war. Wasja ist anders als ihre Geschwister. Wasja ist anders als so gut wie jeder in ganz Rus. Denn sie hört nicht nur die alten Geschichten, sie sieht sie auch. So unterhält sie sich häufig mit dem Domowoi, einem kleinen Hausgeist, der im warmen Ofen hockt und sich gern über das Flickzeug der Dienerinnen hermacht. Doch sie muss erkennen, dass dieses Verhalten nicht bei allen gut ankommt.

Die Geschichte spielt noch vor dem 15. Jahrhundert, wir tauchen also tief hinab in die russische Geschichte. Der Vater braucht eine neue Frau und reitet nach Moskau, um dort eine für sich zu finden. Die, die er schlussendlich kriegen soll, ist jedoch alles andere als reizend und entwickelt sich vor unseren Augen zur schrecklichen Stiefmutter, die wir alle so gerne hassen in Märchen. Ich fand es grandios, wie dieses altbekannte Motiv eingearbeitet wurde, denn anfangs ist Anna Iwanowna durchaus nicht so schrecklich.

Auch spielt der christliche Glaube eine immense Rolle in dieser Geschichte. In Wasjas Elternhaus glaubten die Menschen schon immer an den neuen Gott und an die alten Götter ihres Landes. Doch mit dem neuen Pfarrer in ihrer Gemeinde soll sich hier so einiges ändern. Auf wundersame Weise vermischt Katherine Arden hier wahre Ereignisse mit dem Lauf ihrer Geschichte. Sie lässt alten und neuen Glauben aufeinander prallen, sich aneinander reiben und nicht kampflos von dannen ziehen. Und ganz nebenbei wacht etwas weitaus schlimmeres auf. Denn nicht nur der Winterkönig tritt in Erscheinung, auch sein Bruder, der gefürchtete Medwed in Bärengestalt erwacht aus tiefstem Schlaf und will … Nun, was er und sein Bruder genau wollen, und was es mit dieser Nachtigall auf sich hat, das verrate ich euch natürlich nicht.

Die Geschichte glänzt nicht nur durch die eingewobenen Märchen und Geistergestalten, auch gewann mich die Autorin sehr schnell für sich, indem sie auf die derzeit so gängigen Fantasy-Klischees verzichtete. Ja, Wasja ist jung, aber sie ist weder besonders hübsch, noch naiv, noch wartet sie auf einen dunklen Prinzen, der ihr endlich ihre ureigene Gabe zeigt, mit der sie dann die Welt retten kann. Vielmehr ist Wasja eine Protagonistin, die durchaus weiß, was in ihr steckt, die aber dennoch vieles erst erlernen muss – allerdings aus eigenem Antrieb und mit eigenen Ideen. Sie braucht keinen Prinzen, sie braucht nur sich selbst – auch wenn natürlich ein kurzes Herzensflimmern nicht ausbleibt hier und da.

Ich habe mit Wasja gelacht, ich habe mit ihr geweint, ich habe voller Staunen ihre Entwicklung beobachtet. Nie sollte die Geschichte enden, doch da es nun soweit ist, bleibt mir nichts weiter, als auf den zweiten Band sehnsüchtig zu warten. Hoffentlich nicht all zu lang. Eindeutig eines der – wenn nicht sogar das Jahreshighlight 2019 für mich.

Fazit

So vieles möcht ich euch noch erzählen, und will doch niemandem den Spaß nehmen, diese wundervoll russische Geschichte selbst zu entdecken. Geht hin, kauft sie, lest sie, liebt sie! Und wer nicht warten kann, bis endlich Band 2 und 3 im Deutschen erscheinen, der sollte im Dezember die Augen offen halten, denn Ida wird euch ein bisschen mehr über diese Trilogie in unserem nächsten Trilogienrausch berichten. ❤︎

Bewertung im Detail

Idee ★★★★★ ( 5 / 5 )

Handlung ★★★★★ ( 5 / 5 )

Charaktere ★★★★★ ( 5 / 5 )

Sprache ★★★★★ ( 5 / 5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )

= 5 ★★★★★

weitere Meinung

Ida’s Bookshelf

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14 Comments on “[Rezension] Katherine Arden – Der Bär und die Nachtigall

  1. Ich kenne da eine ganz zauberhafte Person, die zudem bald auch noch Geburtstag hat, mit einer hohen Affinität zu Märchen, allerdings gänzlich ohne Affinität zu Fantasy – daher bin jetzt etwas unschlüssig, ob das etwas sein könnte … 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Was aber sind denn Märchen, wenn nicht Phantastik in seiner reinen Ursprungsform? 🙂 Ich kann dir nur sagen, dieses Buch ist mehr Märchen als Fantasy, und vor allem beinhaltet es eben nicht diese vielen, vielen Fantasyklischees. Wenn deine zauberhafte Person also Märchen liebt, dann wird sie auch dieses Buch lieben, ganz ganz sicher. =)

      Liken

      • Für mich sind das zwei gänzlich unterschiedliche Literaturgattungen, deren eine höchstens als eine Art Vorläufer der anderen gelten kann. 😉

        Super, mit der Info kann ich doch schon mal viel anfangen und mein „Was-schenke-ich-bloß?“-Problem wäre damit diesmal recht frühzeitig beseitigt. Danke Dir! 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Das Buch und ich glaube auch der Folgeband liegen seit Sommer auf meinem SuB. Ich schleiche um Bücher, die hochgelobt werden immer ein bisschen drum rum, aber deine Rezension hat mir richtig Lust darauf gemacht. Es klingt auch nach dem passenden Winterbuch zum unter der Decke mit einer Tasse Tee einmummeln.

    LG
    Elisa

    Gefällt 2 Personen

    • Huhu Elisa!
      Versteh ich, ich bin da auch immer skeptisch, ob das alles so wahr ist. Aber diese Reihe, zumindest bisher der erste Band, hat unglaublich viel Zauber in sich, der sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Gerade jetzt, wenn es kälter wird, liest es sich ganz wunderbar ins verschneite Rus. 🙂

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  3. Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich darüber bin, dass dir das Buch SO gut gefallen hat! ❤ Für mich ist es auch eines meiner absoluten Jahreshighlights! Und ich kann es kaum erwarten, die Reihe um Wasja fortzusetzen. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  4. Pingback: Rückblick auf den Oktober – Buchperlenblog

  5. Liebe Gabriela,
    du hast mir so eine Lust auf das Buch gemacht!
    Ich mag auch total diese alten russischen Märchen – ich bin damit groß geworden 🙂
    Das Buch landet auf meiner Weihnachtswunschliste!

    Liebste Grüße Anett

    Gefällt 1 Person

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