[Augen Auf] Marie Anhofer spricht über ein Leben danach

Liebe LeserInnen!

Maries Geschichte Rabenvieh, die von ihrer Kindheit voll Gewalt und Hoffnungslosigkeit berichtet, hat mich zutiefst berührt und betroffen gemacht. Ein Wunder, dass sie all diese schlimmen Jahre überlebt hat, körperlich wie seelisch. Doch wie geht es weiter, wenn man endlich das Zuhause verlassen kann, welches nie eine Heimat geboten hat? Marie Anhofer erzählt uns heute ein wenig darüber.

“Es ist ein Unterschied, ob man von Kindheit an lernt,
die Hände zu falten oder sie zur Faust zu ballen.“

Eine harmonische und glückliche Kindheit ist ein elementarer Meilenstein für den späteren Lebensweg. Doch was passiert, wenn eine Kindheit von Gewalt geprägt ist? Das zeigen Wissenschaftler in aller Welt seit Jahrzehnten auf: Kindesmisshandlungen haben eine ungeheure zerstörerische Kraft; die gesundheitlichen Folgeschäden prägen in den meisten Fällen das spätere Erwachsenenleben! Frühe Jahre in Dunkelheit werfen demnach nur allzu oft einen lebenslangen Schatten. Auch mich begleiten diese Schatten bis heute. Wenngleich mein heutiges Leben (weitestgehend) stabil ist, so gibt es dennoch zu viele Momente, in denen ich von meiner Vergangenheit eingeholt werde. Den physischen Schmerz habe ich weggesteckt, der psychische Schmerz hat sich tief in meine Seele gegraben. So viele Jahre nach Rabenvieh gibt es noch immer Tage und Nächte, in denen ich von übermächtiger Angst heimgesucht werde. In meinen Träumen erscheinen nach wie vor furchteinflößende Ereignisse von einst. Ich durchlebe nicht nur einzelne Geschehnisse von damals, sondern spüre auch nach wie vor diese schreckliche Hilflosigkeit und Ohnmacht. Tage bis Wochen vergehen jedes einzelne Mal, bis ich mich davon erhole und wieder zurück ins Leben finde.

Aktuelle Zahlen über Kindesmisshandlungen gibt es nicht. Moderne Kommunikationsmittel und Medienblätter machen die Häufigkeit der Gewaltübergriffe gegenüber Schutzbefohlenen aber schnell sichtbar. Auch wenn man heute, anders als einst, mehr um die Aufarbeitung der Fälle bemüht ist, so ist zu befürchten, dass die Dunkelziffer enorm hoch ist.
Fälle von Kindesmisshandlung sind demnach immer wieder Gegenstand der Berichterstattung in den Medien. Der Gesellschaft ist deshalb die betreffende Problematik bestens bekannt. Weniger bekannt dürften hingegen die gesellschaftlichen Folgen sein. Letztere betreffen alle, das heißt auch jene, die keinerlei Verschulden an diesen Spätfolgen haben. Die Finanzierung von Therapie- und Krankenhausaufenthalten, Sozialarbeit, Streetwork, Arbeitsausfällen, Früh- beziehungsweise Invaliditätspensionierungen, um nur einige zu nennen, verschlingen in Summe Milliarden. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit.

Mit dem 18. Lebensjahr eines Pflegekindes ändert sich auf einen Schlag alles. Man gilt als volljährig und es besteht kein gesetzlicher Anspruch darauf, in der Familie bleiben zu können. So sieht es zumindest in Österreich aus. Das heißt, von diesem Zeitpunkt an ist ein Pflegekind völlig auf sich alleine gestellt. War das Verhältnis zwischen Pflegeltern und Pflegekind kein Gutes, so verliert sich mit dem Auszug meist auch der Kontakt, sodass in weiterer Folge weder ein familiäres noch ein soziales Netz vorhanden ist. Der Grat zwischen Gelingen und Scheitern ist ein schmaler und zugleich ist man sich der Tatsache bewusst, dass im Falle eines Schiffbruchs keine helfende Hand da ist. Diese Angst, die ich damals am eigenen Leib verspürte, war gleichermaßen paralysierend wie motivierend. Ich wusste, dass es keinen Weg zurück gab.
Damals stand ich völlig alleine da. Ich kannte weder meine leiblichen Eltern, noch – mit Ausnahme von Antonia – meine Geschwister. Andere soziale Kontakte hatte ich ebenfalls nicht, ja ich hatte nicht einmal eine einzige Freundin. So nahm ich die erstbeste Stelle, die man mir angeboten hatte, an, und freundete mich recht schnell mit jungen Erwachsenen an, die unweit meines Zuhauses in Seitengassen herumgelungert hatten. Ein paar von denen hatten Zuflucht in harten Drogen und/oder Alkohol gesucht. Mich störte das nicht, denn für mich hatten sie trotz ihres Lebenswandels etwas Herzliches. In dieser Clique, der ich mich immer wieder mal anschloss, fühlte ich mich wohl; ich fühlte mich angenommen, verstanden, irgendwie zuhause. Meine Probleme, Ängste und Sorgen bekamen nicht nur Raum und Platz, sondern ich wusste auch, dass ich nirgendwo anders auf besseres Verständnis treffen würde als hier. Die meisten dieser jungen Leute hatten eine ziemlich verkorkste Kindheit. Sie hatten sich mit ihren Eltern zerstritten, wurden irgendwann unfreiwillig des Hauses verwiesen oder gingen von selbst. Unter ihnen war ich das einzige Pflegekind, aber ich hatte das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, keine Außenseiterin zu sein. So kam es, dass ich nach Dienstende oder an meinen freien Arbeitstagen mit ihnen einfach so von einem Straßenabschnitt zum nächsten weitergezogen war. Bis zum Einbruch der Dunkelheit verbrachten wir eben an so manchen Tagen unsere gemeinsame Zeit auf den Straßen von Graz. Ein paar wenige, die ohne festen Wohnsitz waren, verbrachten die Nacht für gewöhnlich in heruntergekommenen, leerstehenden Gebäuden oder in irgendwelchen Seitengassen. Wenn das Wetter besonders kalt war oder es angefangen hatte in Strömen zu regnen, fanden sie ab und an Unterschlupf in meinen bescheidenen vier Wänden. Wir breiteten Decken und Kissen auf dem Boden aus und lagen dann zu dritt, manchmal auch zu viert auf meinem Wohnzimmerboden, redeten uns Frust und Leid von der Seele, tranken jede Menge Alkohol, bis einer nach dem anderen in den Schlaf gefallen war. Ja, das war sie gewesen, meine neue Familie, und ich hätte mir zum damaligen Zeitpunkt keine bessere vorstellen können.

Ich hatte mich aber nicht nur dieser Clique angeschlossen, sondern zog auch mit dem anderen Geschlecht immer öfter um die Häuser. Es waren junge Männer meines Alters, und andere, die meine Väter hätten sein können. Zu den etwas älteren Semestern fühlte ich mich ganz besonders hingezogen, denn sie strahlten Bodenständigkeit und damit einhergehend Sicherheit aus. Manche von denen hatten ihren Erzählungen nach ein besonders enges Verhältnis zu ihren Eltern, was in mir wiederum schnell die Hoffnung weckte, vielleicht ein Teil dieser Familie werden zu können. Bei jedem neuen Kontakt träumte ich von einer Familie, die mich so akzeptierte wie ich war, und einer Familie, die mich vielleicht so lieben würde, als wäre ich nicht nur die Freundin oder Frau ihres Sohnes, sondern ihre eigene Tochter. Doch diese Träume zerplatzten wie Seifenblasen, denn einige, die mir eine gemeinsame Zukunft vorgegaukelt hatten, waren in Wahrheit Ehemänner und Familienväter, die sich mit einem jungen Ding nur ein paar schöne Stunden hatten machen wollen. Der Schmerz dieser Déjà-vu-Erlebnisse, also nur Mittel zum Zweck gewesen zu sein, traf mich jedes einzelne Mal an meiner schmerzhaften Pflegekind-Wunde. Und dennoch gab ich diese wechselnden Männerbekanntschaften nicht auf. Einerseits, weil ich gehofft hatte, für jemanden mehr sein zu dürfen, als nur eine nette Abwechslung, und andererseits, weil ich so das Gefühl hatte, abseits der Clique nicht ganz alleine zu sein.

Man kann also sagen, dass ich mich an alles und jeden geklammert hatte. Es war meine Angst gewesen, nicht alleine zurecht zu kommen und bei einem möglichen Absturz Kontakte zu haben, welcher Art auch immer. Von den flüchtigen Männerbekanntschaften hätte ich mir im Ernstfall mit angrenzender Wahrscheinlichkeit keinerlei Hilfe erwarten können, aber die Clique wäre für mich, zumindest emotional, dagewesen, das weiß ich.

Ich glaube weder an Gott, noch an eine höhere Kraft, aber irgendetwas musste mich damals davon abgehalten haben, nicht in die Drogenszene eingestiegen zu sein. Angebote von jenen, die in der Clique gekifft hatten, gab es natürlich, aber ich ließ die Finger davon. Oft habe ich schon darüber sinniert und mich gefragt, was es gewesen sein könnte, dass ich solche Angebote stets ausgeschlagen hatte. Außer meinem Leben, an dem ich ja nicht sonderlich gehangen hatte, gab es schließlich nichts, was ich zu verlieren gehabt hätte. Ich weiß nicht, vielleicht war es der Konsum von Hochprozentigen, durch den ich immer öfter k.o. gegangen war, sodass ich von dem anderen Zeugs die Finger ließ. Ob alleine oder in der Gruppe, Gin und Wodka wurden schnell zu meinen ››Helfereins‹‹, denn sie verschafften mir eine Verschnaufpause an dunklen Tagen. Damit ertränkte ich all meine Ängste und Sorgen, aber das Beste daran war, dass ich damit meine Vergangenheit auslöschen konnte. Ich tauchte in eine andere Welt ein, in der ich mich sicher, unbeschwert und sorgenfrei fühlte. Zumindest so lange, bis das Hochprozentige nach und nach abgebaut wurde und mich mein Geist wieder in die Realität zurückschickte. Vereinzelt war es dann auch schon mal vorgekommen, dass ich mich in der Arbeit krankmelden musste, weil ich weder physisch noch psychisch in der Lage gewesen wäre, den Anforderungen der Arbeitswelt zu genügen.

Träume oder Ziele in meinem Leben hatte ich nicht. Ich lebte so in den Tag hinein, ohne zu wissen, wohin meine Reise eigentlich gehen würde. Ich hatte keine Vorstellung vom Leben, ja, ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon, wie man Leben überhaupt lebt, und von einem glücklichen Leben ganz zu schweigen. Anfangs überwog natürlich die grenzenlose Freude, dass ich endlich frei war. Ich hatte mich von Menschen befreit, die mir über eineinhalb Jahrzehnte lang Gemeinheiten und Schimpfwörter aller Art an den Kopf geworfen, mich ausgelacht, gedemütigt, geschlagen hatten. In den ersten Wochen meines neuen Lebens ging ich demnach mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit durchs Leben. Doch die anfängliche Freude wurde nach und nach von (m)einer Versagensangst abgelöst. Bei jedem Blick in den Spiegel „sah“ ich das Wort „Versagerin“ auf meiner Stirn. Von da an begann ein erbitterter Kampf gegen diesen imaginären Schriftzug. An Tagen, an denen ich davon überzeugt war, dass ich, so wie es mir meine Pflegeeltern nur allzu oft an den Kopf geworfen hatten, genauso enden würde wie meine leiblichen Eltern, besoff ich mich; alleine oder mit meiner „Familie“. Tags darauf stand ich wieder auf den Beinen und kämpfte.
Was ich damals nicht wusste, dass ich dieses Schicksal mit vielen anderen Pflegekindern teilte. Plötzlich volljährig zu sein, mit einem instabilen Fundament und den Füßen, nach dem Sinn des Lebens suchend, ziel- und perspektivlos umherzuirren. Doch heute weiß ich, dass es tausenden ehemaligen Heim- und Pflegekindern nicht anders ergangen war. Die meisten von ihnen haben nicht nur Gewalt und Verwahrlosung in ihren Herkunftsfamilien erlebt, sondern waren auch in ihren vermeintlich sicheren Unterbringungsanstalten oder Pflegefamilien erneuter Gewalt und nicht selten auch noch sexuellen Missbrauchs ausgesetzt. Der Staat und die Behörden als Aufsichts- und Kontrollorgane haben jahrzehntelang auf ganzer Linie versagt – und versagen nicht selten auch heute noch.

Viele ehemalige Pflegekinder waren bereits in jungen Jahren, also unmittelbar nach ihrer Volljährigkeit oder in den Jahren darauf, auf der Straße gelandet, wurden Alkohol und/oder drogenabhängig. Wiederum andere gaben ihre Gewalterfahrungen an andere weiter, verübten Körperverletzungen und begingen vereinzelt Morde, für die sie Jahre ins Gefängnis gingen. Und andere sind an den Folgen gänzlich zerbrochen, sodass sie keinen anderen Ausweg als den Freitod sahen.

Und heute? Wer sind diese (jungen) Menschen, die wir mit zerfledderter Kleidung, nach Kleingeld bettelnd, oftmals alkoholisiert und unter Einfluss von Rauschgift in irgendwelchen Straßen oder Gassen herumlungern sehen? Sind das lediglich arbeitsfaule Menschen, die sich nur nicht in die Gesellschaft eingliedern wollen, selbst Schuld an ihrer Situation haben, so wie es die breite Masse meint? In Ausnahmefällen mag das zutreffen, doch würden sich nur ein wenig mehr Menschen dieser sozialen Randgruppe annehmen, ihnen ein paar wenige Minuten Aufmerksamkeit schenken, würden sich diese Vorurteile nicht so hartnäckig halten. Denn ein Großteil dieser jungen Menschen hat Gewalt in ihren Ursprungs- und/oder Ersatzfamilien erlebt und verbringen ihre Zeit auf den Straßen aus denselben Gründen, weshalb ich dort einst gewesen bin. Sie finden unter Gleichgesinnten etwas, was sie in ihrem Leben so schrecklich vermissen: Halt, Zuspruch, Verständnis – und eine Familie. Um den vernichtenden Schmerz aus vergangenen Zeiten nicht ständig ertragen zu müssen, greifen viele zu Suchtmitteln, womit sich die Abwärtsspirale weiter zu drehen beginnt.

Zahlreiche Fälle von Kindesmisshandlungen erschüttern immer wieder die Öffentlichkeit. Alle sind betroffen, dass in nächster Nähe Kinder vernachlässigt, geschlagen, gequält, psychisch misshandelt oder missbraucht werden. Niemand hat etwas gesehen oder gehört, andere möchten sich wiederum in Angelegenheiten anderer nicht einmischen. Mit fatalen Folgen.
Während der Zeit bei meinen Pflegeeltern habe ich viele versteckte Hilferufe nach außen gesendet, doch niemand hat sie gehört oder gesehen. Die offenen Hilferufe, die ich ausgesprochen hatte, haben mir nicht geholfen. Der Traum von einem gewaltfreien Leben durch Hilfe von außen zerplatzte wieder und wieder wie eine Seifenblase.

„Rabenvieh“ soll zu mehr Sensibilität beitragen. Es soll Menschen dazu bewegen, genauer hinzusehen, zu hinterfragen und Hilfe zu leisten, wo auch immer Kinder in Gefahr zu sein scheinen. Hilfe zu leisten, sich im Ernstfall an Hilfsorganisationen und/oder an Behörden zu wenden, das ist es, was sich Kinder von Erwachsenen erwarten dürfen. Klar ist, je länger ein Kind Gewaltübergriffen ausgesetzt ist, desto verheerender sind die Spätfolgen!

„Rabenvieh – Unvergessen“, eine Fortsetzung von „Rabenvieh“, wird Ende 2021 erscheinen. Unter all jenen, die sich für meine Lebensgeschichte interessieren, wird es zu gegebener Zeit eine Verlosung von einigen Freiexemplaren geben.

Marie Anhofer


Vielen lieben Dank an Marie Anhofer, dass sie sich die Zeit genommen hat, um uns das wichtige Thema ihres Buches noch einmal zu verdeutlichen und uns die Augen zu öffnen.

>> Hier gelangt ihr zur Rezension ihres Buches Rabenvieh <<


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