[Rezension] Anja Jonuleit – Das Nachtfräuleinspiel

Ein Roman, der mehr und mehr unter die Haut geht, je weiter man vordringt.

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Werbung | Autor: Anja Jonuleit | Titel: Das Nachtfräuleinspiel |
Erscheinungsdatum: September 2018 | Verlag: dtv | 490 Seiten | Genre: Roman

sterne5

schnörkel

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„Muss ich jetzt in den Nachdenkraum?“
Annamaria atmet tief ein und wieder aus. Dann schüttelt sie langsam den Kopf. Aus irgendeinem Grund hat sie einen dicken Kloß im Hals.
„Nein“, sagt sie. „Du musst nicht in den Nachdenkraum. Und jetzt räumen wir auf.“

(S.274)
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Inhalt

Das Nachtfräuleinspiel ist die Geschichte zweier Frauen, deren Schicksal im Laufe ihres Lebens miteinander eng verwoben wird. Man folgt Liane van der Berg, einer toughen Frau, von ihren Anfängen in den 60er Jahren, als sie noch als Kindergärtnerin versuchte, durchs Leben zu kommen. Und wie sie später eine Art Übermutter wird, bekannt und beliebt, mit eigener Fernsehserie und vielen verkauften Büchern.

Annamarie hingegen ist eine Waise, von Familie zu Familie weitergereicht, vom Lehrer geschwängert und von allen verlassen. Wie sehr ihre beiden Leben miteinander verknüpft sind, ahnen beide lange Zeit nicht. Bis die Seifenblase platzt und alles untergeht.

Rezension

Vom Festhalten und Lieben

Das Nachtfräuleinspiel ist eine alte Sage aus dem schwäbischen Raum. Hier werden einer Mutter nach und nach von einem bösen Weib und ihren zwei Töchtern – die Nachtfräulein – die Kinder geraubt. Daraufhin wird die Mutter zu einer Hexe und erlangt die Macht über die Kinder mithilfe ihrer Zauberkräfte zurück. Und wie es in der Sage zugeht, so beschreibt es auch den äußeren Handlungsrahmen des Buches. Denn um die Macht über die eigenen Kinder geht es.

Liane van der Berg, ein wohlklingender Name mit dem man es weit im Leben bringen möchte. Sie  ist ehrgeizig genug, um genau das zu erreichen. In steten Rückblicken verfolgt man Lianes Lebensweg von der duckmäuserischen Kindergärtnerin aus dem Waldorfkindergarten zur toughen Frau, die ihre eigenen Regeln aufstellt. Einige Zeit lang lebt sie in einer Kommune, auch wenn es nur dem Zweck dient, Carl an sich zu binden. Schon hier beginnt sie Intrigen zu spinnen und Pläne zu schmieden, um ihre Ziele auf angenehme Weise zu erreichen. Der Eindruck von Liane, die in den ersten Kapiteln noch meine volle Sympathie bekam, wurde immer spröder, rissiger, ich mochte sie weniger und weniger verstehen. Als sie schließlich ihren eigenen Kindergarten gründet und auch daheim strikte Regeln aufstellt, die jeder befolgen sollte, so war das Maß bald voll. Nach außen hin wollte sie die perfekte Frau mimen, die alles kann und für jeden ein gutes Wort einlegt.

Doch dann kam die Festhaltetherapie. Diese gibt es wirklich und wird nach wie vor von einigen Menschen, insbesondere Eltern von bindungsgestörten oder autistischen Kindern, praktiziert. Es heißt, man solle das Kind festhalten, so lange festhalten, es streicheln und an sich binden, bis es jegliche Wutausbrüche, Fluchtversuche, Schrei- und Weinkrämpfe überwunden habe. Bis es die Liebe zur Mutter wiederentdeckt. Wer hierbei nicht an körperliche und seelische Vergewaltigung denkt, dem weiß ich nicht zu helfen. Doch Liane steht zu ihrer Therapie, ist die erste Praktizierende in Deutschland. Und findet damit nicht nur Anhänger. Doch sie bleibt erfolgreich, schreibt Bücher und maßt sich an, die Erziehung der Kinder – nicht zuletzt der eigenen – völlig zu revolutionieren.

Und dann gibt es da Annamaria, die schwangere junge Frau, die eines Tages zu Liane stößt, freundlich aufgenommen wird und zum Teil der Familie wird. Bis Liane feststellt, wer sie wirklich ist. Denn etwas verbindet die beiden Frauen, eine Erfahrung, die von der einen vertuscht und von der anderen vergessen werden will. Und die doch erst das große Leid über sie bringen wird.

Anja Jonuleit ist mir seit Rabenfrauen sehr positiv im Gedächtnis geblieben und beweist auch hier einmal mehr, in welch eindrucksvolle Geschichten sie die harte Realität weben kann. Denn diese sogenannte Festhaltetherapie gibt es wirklich und sie ist genauso hart, wie es sich anhört. Damit Therapierte müssen heute noch zum Teil einen weiteren Therapeuten aufsuchen, um die seelischen Verletzungen zu kaschieren, die ihnen zugefügt wurden. Die Sprache ist dabei schnörkellos glatt, doch intensiv und reißt förmlich mit. Zugegeben, es gibt einige Längen, doch da die Charaktere so interessant gestaltet sind, liest man über diese hinweg. Erwähnenswert ist wohl außerdem, dass es zwar auf drei Zeitebenen erzählt wird, zwei der Vergangenheit sich jedoch annähern und am Ende vergleichen und einen doppelten Blick auf die Geschehnisse erlauben.

Fazit

Wieder einmal ist es Anja Jonuleit gelungen, eine bitterböse Geschichte in einem hervorragenden Rahmen zu setzen. Man lernt etwas kennen, was man vielleicht nicht hätte wissen wollen, es aber gut ist, wenn man es eben doch kennt. Ebenso ist die Sage um die Nachtfräulein sehr schön eingearbeitet und gibt der Geschichte den nötigen geografischen Aspekt.

Bewertung im Detail

Idee ★★★★★ ( 5 / 5 )

Handlung ★★★★☆ ( 4 / 5 )

Charaktere ★★★★★ ( 5 / 5 )

Sprache ★★★★★ ( 5 / 5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )

= 4.8 ★★★★★

Erinnert an:

Anja Jonuleit – Rabenfrauen

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 Herzlichen Dank an den dtv Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!

3 Comments on “[Rezension] Anja Jonuleit – Das Nachtfräuleinspiel

  1. Kia ora, Gabriela.
    Bei experimenteller Kindererziehung kann man/frau einige Karren gegen die Wand fahren; eine Einsicht, die immer wieder feuchtfröhliche Enthusiasten aber nicht davon abhält, neues Borstenvieh durch den Weiler zu jagen.
    Wobei das wesentliche Problem solcher Erziehungsschulen bleibt, dass ein theoretischer Überbau zur Leitschnur (manche sagen auch gleich Dogma dazu) deklariert wird, ohne zu berücksichtigen, dass jedes Kind anders (!) ist.

    Der „intrigante Wesenszug“ Lianes ist natürlich „ideale“ Voraussetzung, um mit Kindern verantwortungsvoll umgehen zu können.
    Also ein anmerkenswertes Buch über eigentliche Motivationen & Auswirkungen.

    bonté

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Rückblick auf den Oktober – Buchperlenblog

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