[Writing Friday] Graustufen

Der Kaffee war längst kalt, als sie endlich einen winzigen Schluck davon trank. Bitter rann er ihre ausgedörrte Kehle hinunter. Sie blinzelte, warf dann einen scheuen Blick auf den Mann, der ihr gegenüber saß. Den Mann, den sie geliebt hatte und den sie nun zutiefst verletzen musste.

„Es tut mir leid“, brachte sie mühsam hervor, die Stimmbänder völlig verkratzt, verbraucht, nutzlos. Zu viel war bereits gesagt worden, immer und immer wieder und doch noch lange nicht oft genug. Max schwieg beharrlich, fixierte eine Kerbe im Holz des Tisches, verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln, nur kurz, bevor sein Gesicht wieder wie aus Stein gemeißelt wirkte.
„Ich habe nicht gewollt, dass es soweit kommt, das musst du mir glauben.“ Lea hörte den flehenden Unterton in ihrer Stimme und hasste sich dafür noch ein kleines bisschen mehr. Oh, sie hatte es gewollt, sonst wäre sie auf die kleinen Avancen des neuen Kollegen niemals so bereitwillig eingegangen. Oder nicht? Wann war dieses prickelnde Spiel mit dem Feuer, die kurzen Blicke, die kleinen Späße auf dem Flur im Büro, wann war aus all dem etwas ernsthafteres geworden? Erst jetzt, da sie vor den Scherben ihrer Beziehung saß oder schon lange vorher, als sie mit Max noch darüber sprach, ihre Beziehung retten zu wollen?

Denn sie hatte mit ihm gesprochen, vor vielen Wochen schon, wollte nicht wahrhaben, dass sich das Leben, das sie sich gemeinsam aufgebaut hatten, plötzlich nicht mehr in eine gemeinsame Richtung wand. Nur gebracht hatte es nichts, außer weiteren Heimlichkeiten, versteckten Nachrichten, und großen Schmerz, sobald sie die Wohnungstür hinter sich schloss und Max auf sie warten sah. Die kleinen Hoffnungsschimmer, die sie hier und da – ob beabsichtigt oder nicht – gestreut hatte, zertrat sie wenig später wieder, mit einem Blick, einer unwilligen Geste. Indem sie ihn einfach von sich schob, wenn er ihre Nähe suchte.

Max hatte sie gefragt, ob sie sich verliebt hätte, ob sie überhaupt noch eine Chance für sie beide sah. Sie wusste es nicht, damals nicht und heute genauso wenig. Weil es eben nicht nur Schwarz und Weiß gab; da waren Graustufen, helle und dunkle Töne im Miteinander mit dem Anderen. Wer wusste schon, ob aus ihnen etwas reales wurde? Sollte sie nicht abwarten, sich erst auf sicherem Boden befinden, bevor sie Max endgültig losließ? Wäre das nicht die sicherere Variante?

Doch jeden Abend, wenn sie nach Hause kam und die kleinen Bemühungen fand, die Veränderungen, die sie so lang ersehnt und doch nie erhalten hatte, da spürte sie die innere Distanz immer weiter wachsen. Kann man etwas nicht mehr wollen, wenn man es endlich vor die Füße gelegt bekommt? Wenn man weiß, wie viel Mut den anderen diese Gesten kosteten, wie viel sie ihm bedeutet, obwohl sie lange Zeit das Gefühl hatte, dass sie unsichtbar für ihn geworden war?

Vergangene Wünsche kollidierten mit neuen Sehnsüchten in Leas Herz, wogten hin und her, fanden keine Ruhe. Der eine war ihr Rückzugsort, das Bekannte, Vertraute. Sicherheit in einer unsicheren Zeit. Auch wenn sie ihm nicht mehr die Gefühle entgegenbrachte, die er verdiente. Der Andere dagegen war ein Neuanfang, ein steter Reiz und doch voller Ungewissheit und Zweifel. Nächtelang lag Lea wach, bevor sie erneut das Gespräch mit Max suchte. Bevor sie sprang, ohne Netz und doppelten Boden. Ohne die Gewissheit, nun das wirklich richtige getan zu haben, doch mit dem Wissen, dass alles andere nicht mehr fair gewesen wäre.

Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Heute habe ich eine Geschichte geschrieben, die mit den Worten „Der Kaffee war längst kalt, als …“ beginnen sollte. Es ist vielleicht die persönlichste Geschichte, die ich im Rahmen vom Writing Friday bisher erzählt habe, natürlich trotzdem mit einigen literarischen Änderungen.

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

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