[Abenteuerlust] Die Entdeckung der Nordwest-Passage

Hoch geschätzte Abenteurer!

In einer Welt, in der jeder Teil bereits entdeckt wurde – oder zumindest den Anschein erweckt -, wo kein Geheimnis mehr den immerfort kreisenden Satelliten über unseren Köpfen verborgen bleibt, fehlt uns doch eines mit Sicherheit am meisten: Das Abenteuer. Aber kennen wir tatsächlich alle Mythen, alle verborgenen Landstriche, alle Expeditionen, die wir Menschen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte unternommen haben? Ich möchte euch mitnehmen in längst vergangene Zeiten, auf die Spuren früherer Forscher oder auf die Reisen heutiger Abenteurer.

Beginnen wir die Reise in den kalten Gefilden der Arktis und der unglückseligen Expedition rund um Sir John Franklin, der sich 1845 aufmachte, die Nordwestpassage zu finden.

Owen Beattie | John Geiger

Der eisige Schlaf

Werbung | Autor: Owen Beattie / John Geiger | Titel: Der eisige Schlaf |
Erscheinungsdatum: 1987 | Verlag: Malik |
240 Seiten | Genre: Sachbuch |

Im Jahr 1845 machte sich der britische Polarforscher Sir John Franklin mit den beiden Schiffen HMS Erebus sowie der HMS Terror auf in den kalten Norden, um erstmals die gesamte Länge der Nordwest-Passage zu finden und zu kartografieren, um für die Zukunft eine schnellere Schiffsroute zwischen Europa und Asien zu sichern.

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Sir John Franklins gewaltige Expedition, die aufs Vorzüglichste mit allem ausgerüstet war, was Wissenschaft und Technik damals zu bieten hatten, und deren Teilnehmer sich aus der Elite der Royal Navy und der britischen Handelsflotte rekonstruierten, in einer derartigen Katastrophe enden konnte.

(Der eisige Schlaf | S.17)

Sir John Franklin (Quelle: Wikipedia)

Doch die Expedition war nicht von Erfolg gekrönt, das Schicksal der 129 Seeleute blieb für viele, viele Jahre ungeklärt. Heute kann man zwar anhand wissenschaftlicher Tests und modernster Erkenntnisse einige Schlussfolgerungen ziehen, doch wieso am Ende kein einziger überleben sollte, wo die Leichen der Expeditionsteilnehmer sind und was sie uns hätten verraten können, das bleibt wohl ewig im Dunkeln. Selbst die Überreste der beiden Schiffe fand man erst in den letzten Jahren, beinahe 200 Jahre nach dem tragischen Unglück.

Owen Beattie hat in seinem Buch Der eisige Schlaf zusammengefasst, was er bei einer großangelegten und in mehrere Jahre aufgeteilten Forschungsreise 1983 in die Arktis über den Tod der Mannschaft herausgefunden hat.

Schon früher wurden Schiffe in den Norden geschickt, um das Schicksal der Franklin-Expedition aufzuklären, gefunden wurden jedoch lediglich drei kleine Gräber auf Beechey Island, dem Winterquartier der Franklin-Expedition. Hier bestattete man die drei ersten Toten der Mannschaft, um die sich schlussendlich auch der Großteil des Buches dreht.

Langsam verließ einer nach dem anderen das Zelt, und gemeinsam ging man daran, das Grab wieder zuzuschütten. In diesem Moment war sich wohl jeder der Vergänglichkeit des Lebens und der Realität des Todes bewusst. Die Exhumierung Hartnells war für alle eine schwere Aufgabe gewesen, etwas, mit dem nur schwer fertigzuwerden war.

(Der eisige Schlaf | S.197)

Denn während von Sir Franklin und den Anderen jede Spur fehlt, kaum Notizen, und gar keine Tagebucheinträge oder Briefe vorhanden sind und man sich lediglich auf die ein der andere Erzählung der Inuit verlegen konnte, erzählen die drei Leichen auf Beechey Island zumindest einen Teil der Geschichte.

Während man 1845 dachte, die Expedition mit allen Mitteln moderner Wissenschaft ausgestattet zu haben, man genügend Limonensaft mitbrachte um dem gefürchteten Skorbut entgegen zu wirken und auch sonst mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgt war, fand sich ein sehr viel tiefergehendes Problem mitten in den mitgebrachten Lebensmitteln. Blei.

Die gefundenen Gräber auf Beechey Island (Quelle: Wikipedia)

Dass die Mannschaft der HMS Erebus und Terror an einer Bleivergiftung gestorben sein könnte, diesen Gedanken hegte Owen Beattie erstmals während seiner Forschungsreise in die Arktis. Um seinen Verdacht zu bestätigen, nahm er bei der Exhumierung der drei Leichname mehrere Gewebe- und Haarproben, die schlussendlich einen mehr als deutlich überhöhten Bleiwert anzeigten. Doch wie konnte das geschehen sein? Es war bekannt, dass es Probleme bei der Bereitstellung der geforderten Nahrungsmittel gab, kurz bevor die Forschungsreise starten sollte. In der Arktis gefundene Blechdosen als Relikte der Expedition zeigten, dass die Dosen nur unzureichend geschlossen worden waren. Die Bleiverkleidung, die eigentlich nur von Außen hätte aufgetragen werden sollte, lief in die Dosen hinein und kontaminierte sie. Über mehrere Wochen, Monate und Jahre eingenommen, kam es vermutlich bei den meisten Mitgliedern der Mannschaften zu einer eklatanten Bleivergiftung.

Eine Bleivergiftung führt nicht nur zu körperlichen Beschwerden wie Durchfall, Erbrechen und Gelenkschmerzen, auch kann sich die Persönlichkeit eines Menschen drastisch ändern, sein Entscheidungsvermögen leidet – Umstände, die auch ohne arktische Temperaturen und abgeschnitten vom Rest der Welt zu Tragödien führen würden.

Dieses Wissen erklärt vermutlich auch, wie es zu den immer wieder aufkommenden Gerüchten des Kannibalismus unter den Seeleuten kommen konnte. Die Inuit erklärten bereits früheren Suchmannschaften, dass sie „Stiefel voll gekochtem Menschenfleisch“ fanden. Lange Zeit war das Entsetzen in der Heimat über diese Anschuldigungen so groß, dass sie einfach totgeschwiegen und verleumdet wurden. Und doch fanden spätere Forscher immer wieder einzelne Bein- oder Armknochen, die eben jene Geschichten untermauern. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie hart die äußeren und inneren Begleitumstände gewesen sein müssen, um jemanden zu diesem Verhalten zwingen zu müssen. Wir kennen alle keinen richtigen Hunger, um darüber urteilen zu dürfen.

Auch fand man die skelettierten Überreste zweier Männer in einem Rettungsboot mitten auf dem Eis. Nachdem die beiden Schiffe zwei Jahre, nachdem sie vom Eis eingeschlossen worden waren, aufgegeben werden mussten, hielten sie sich vermutlich an den letzten Hoffnungsschimmer, mit diesem Rettungsboot doch noch zurück zur Menschheit zu gelangen. Dieses zusätzliche Gewicht bei einem mehr als geschwächten Körper mitzunehmen, zeugt von einem Überlebenswillen bis zum bitteren, wenn auch unausweichlichen Ende.

Wer mehr über die Franklin-Expedition im Jahr 1845 erfahren möchte, dem lege ich das Buch von Owen Beattie sehr ans Herz. Nicht nur sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse der heutigen Zeit sehr interessant, auch wird so gut es geht, der Weg der Mannschaften der HMS Erebus sowie der Terror rekonstruiert.

Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen in die Kälte der Arktis entführen, euch eine Expedition vorstellen, deren unerzählte Schrecken noch heute in den Köpfen vieler Menschen nachklingt. Und ich hoffe ihr seid auch beim nächsten Mal wieder dabei, wenn die Abenteuerlust uns nach draußen in die Weiten unserer Erde drängt!

5 Comments on “[Abenteuerlust] Die Entdeckung der Nordwest-Passage

  1. Hallo Gabriela!
    Das ist sehr interessant dein Beitrag und das Thema allgemein. Da freue ich mich auf viele weitere Beiträge von dir zu. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: [Abenteuerlust] Die tragische Reise zum Südpol – Buchperlenblog

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