[Abenteuerlust] Die tragische Reise zum Südpol

Hoch geschätzte Abenteurer!

In einer Welt, in der jeder Teil bereits entdeckt wurde – oder zumindest den Anschein erweckt -, wo kein Geheimnis mehr den immerfort kreisenden Satelliten über unseren Köpfen verborgen bleibt, fehlt uns doch eines mit Sicherheit am meisten: Das Abenteuer. Aber kennen wir tatsächlich alle Mythen, alle verborgenen Landstriche, alle Expeditionen, die wir Menschen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte unternommen haben? Ich möchte euch mitnehmen in längst vergangene Zeiten, auf die Spuren früherer Forscher oder auf die Reisen heutiger Abenteurer.

Heute machen wir uns auf in den Süden, wir schließen uns der Expedition um Robert Falcon Scott an, der als erster Mensch den Südpol erreichen wollte.

Apsley Cherry-Garrard

Die schlimmste Reise der Welt

Werbung | Autor: Apsley Cherry-Garrard | Titel: Die schlimmste Reise der Welt |
Erscheinungsdatum: 1922 | Verlag: Malik |
680 Seiten | Genre: Sachbuch |

Nachdem der britische Polarforscher Robert Falcon Scott bereits 1901 bis 1904 mit der Discovery drei Jahre die eisigen Weiten der Antarktis erkundete, machte er sich 1910 dazu auf, als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Zeitgleich mit ihm und im indirekten Wettstreit dazu, landete auch der Norweger Roald Amundsen in der Antarktis, allerdings an einer anderen – und wie sich herausstellen sollte besser geeigneten – Stelle.

Bereits die Hinfahrt auf der Terra Nova erwies sich als schwieriger, als zunächst angenommen. Das Schiff war bis obenhin vollbeladen, die mitgebrachten Schlittenhunde fristeten ein trauriges Leben an Deck. Bei einem fürchterlichen Sturm verloren sie zwei Ponys sowie einen Hund, der über die Reling ins Meer hinausgeschleudert wurde.

Scott scheint sich über alles zu freuen. Und er hat allen Grund dazu. Einem Mann konnte kaum besser gedient werden. Wir schufteten, bis wir fast völlig erschöpft waren, und dann fanden wir etwas anderes zu tun, bis wir dann wirklich kaputt waren.

(Die schlimmste Reise der Welt | S.167)

Am 4. Januar 1911 landete die Terra Nova am McMurdo-Sund und innerhalb von 14 Tagen wurde eine große Hütte am Kap Evans gebaut, bestückt mit all den Notwendigkeiten und Habseligkeiten der Mannschaft. Ziel dieser Expedition war nicht nur die Besetzung des Südpols, sondern auch zahlreiche geologische und wissenschaftliche Experimente. Außerdem hatte es sich Edward Adrian Wilson, Polarforscher, Ornithologe und bester Freund Scotts, zur Aufgabe gemacht, ein Ei des Kaiserpinguins zurück in die Heimat zu bringen. Dieses Ziel hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Jahreszeit, in der die Mannschaft überhaupt in die Antarktis aufbrach, hatte man doch ausgerechnet, dass der Kaiserpinguin nur im arktischen Winter seine Eier legt.

Apsley Cherry-Garrard, der Die schlimmste Reise der Welt zehn Jahre später nach seiner Heimkehr aus der Antarktis veröffentlichte, rekonstruiert gewissenhaft, und mit vielen Tagebucheinträgen der einzelnen Mitglieder dieser Expedition belegt, diese drei Jahre andauernde Reise bei grässlichsten Bedingungen.

Während Roald Amundsen von Beginn an auf seine Schlittenhunde setzte, brachte Scott nicht nur mehrere Hundeteams mit in die Antarktis, sondern auch neunzehn Ponys sowie drei Motorschlitten, wobei sich letztere jedoch frühzeitig als fehlerhaft und relativ nutzlos erwiesen. Doch zunächst einmal wurden mit Hilfe dieser drei Transportmittel Depots auf dem Weg zum Südpol angelegt, die der späteren Südpolgruppe helfen sollten auf ihrem Hin- und Rückweg. Das wohl größte nannten sie das One-Ton-Depot, in dem sich neben Zwieback, dem allgegenwärtigen Pemmikan und Brennstoff auch Gemüse und anderes nahrhaftes fand.

Bowers, Wilson und Cherry-Garrard vor ihrer Winterreise (Quelle: Wikipedia)

Cherry-Garrard machte sich zusammen mit Bowers und Wilson gemeinsam auf den Weg der Winterreise mit dem Ziel, die nistenden Kaiserpinguine anzutreffen. Allein diese Beschreibungen lassen es einem äußerst fröstelig werden. Mit einem Reisegewicht von beinahe 800 Pfund schirrten sich diese drei Männer vor zwei Schlitten, die sie von nun an über sechs Wochen begleiten sollten. Bei eiskalten Winden, die Cherry-Garrard gern und ganz lapidar als Brise bezeichnete, und Temperaturen um die Minus 50°C schlugen sie sich wacker und ohne zu murren, auch wenn sie alle Gründe dazu gehabt hätten. Cherry-Garrard beschreibt die Tage gründlich, die daraus zu bestehen scheinen, bei der schweren Last stark zu schwitzen, um später dann im eigenen eingefrorenen Schweiß in einem zugefrorenen Schlafsack erbärmlich zu zittern. Oftmals fragte ich mich, ob es das wirklich wert gewesen sein soll, wo der Zweck dieser hindernisreichen Reise liegen sollte. Und tatsächlich scheint Cherry-Garrard das ganze bereits vorausgeahnt zu haben, denn er erklärt, dass man nur der Wissenschaft wegen all diese Strapazen auf sich nehmen würde, nur, wenn man die Wissenschaft der Wissenschaft wegen liebt, und nicht, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

Dann kamen sieben bibbernde Stunden, und das Erste, was man machte, wenn man morgens aus dem Schlafsack herauskam, war, dass man seine persönlichen Sachen in die Öffnung des Sacks stopfte, bevor sie zufrieren konnte: dies stellte eine Art Stöpsel her, der, wenn er entfernt wurde, ein Loch im Eis formte, in das wir uns am folgenden Abend hineinzwängen konnten.

(Die schlimmste Reise der Welt | S.322)

Schneestürme sind nur eines der Übel, die den Polarreisenden heimsuchen. Tückische Untergründe voller Gletscherspalten, Risse, weicher Pulverschnee und die allgegenwärtige ewige Dunkelheit im arktischen Winter machen es selbst dem herausragendsten Forscher schwer, sein Ziel mit der größten Freude zu erreichen.

Doch die Reise glückt, und drei Eier des Kaiserpinguins landen später wohlbehalten im Naturkundemuseum von South Kensington, jedoch ohne die erwartete Beglückwünschung oder auch nur dem Ansatz einer Dankesbezeugung für die auferlegte Reise.

Als der arktische Sommer Einzug hielt, ging es am 01. November 1911 endlich los zur langen, nämlich rund 1500 Kilometer messenden, Polarreise. Ponys und Hunde wurden vor die Schlitten gespannt, um den nötigen Proviant so weit wie möglich zu tragen. Was man den Tieren, speziell den Ponys hierbei antat, schmerzte mich besonders. Denn Ponys sind nicht gerade für diese Wetterbedingungen gedacht, ganz gleich, wie wohlwollend die Männer mit ihnen umgegangen sind. Doch sie hielten länger durch, als allgemein von der Mannschaft erwartet wurde. Aber irgendwann mussten sich die Männer selbst vor die Schlitten spannen und mit eigener Muskelkraft den Weg Richtung Süden bewerkstelligen. Die mitgebrachten Hunde kamen noch ein Stückchen weiter mit, und hätte Scott sich mehr auf ihre Hilfe verlassen, wer weiß, wie die Reise vielleicht stattdessen geendet hätte.

Die Reise ist kräftezehrend und wie sich bei späteren Berechnungen herausstellen sollte, war die verzehrte Nahrung nicht mal ansatzweise ausreichend, um den benötigten Kraftaufwand auszugleichen. Der Untergrund ist streckenweise kaum zu bewältigen, riesige Sastrugis behindern die Männer immer wieder, die angepeilten Meilen am Tag vorwärts zu kommen. Und doch sind alle mehr als zuversichtlich, dass Scott mit seiner letzten Polargruppe schlussendlich siegen wird. Nach und nach werden Vierergruppen zurückgeschickt, bis es schließlich nur noch Scott, Bowers, Wilson, Seemann Evans und Oates waren, die übrig blieben. Voller Zuversicht schrieb Scott an diesem Tag in sein Tagebuch:

Eine letzte Notiz aus einer hoffnungsvollen Position. Ich denke, dass alles gut gehen wird. Wir haben ein gutes Team, das den Pol angehen wird, und alles ist gut arrangiert.

(Die schlimmste Reise der Welt | S.469)

Sie fanden die Leichen der fünf Männer erst zehn Monate später, nur elf Meilen vom One-Ton-Depot entfernt. Aus den Aufzeichnungen der Forscher geht hervor, dass es bereits vor dem Erreichen des Südpols zu gesundheitlichen Beeinträchtungen kam. Auch wenn Scott immer wieder betont, dass er und seine Leute wohlauf, fit und gesund wären, so litten sie doch immer mehr unter dem Hunger. Die Temperaturen waren unterirdisch, die Stürme immer wieder schlimmer, als erwartet. Als man dann die norwegische Flagge vorfand, nachdem man sich die 800 Kilometer zu Fuß bis zum Südpol geschleppt hatte, da hätte es vermutlich jedem das Herz schwer gemacht. Roald Amundsen, der von der anderen Seite und mit zweihundert Hunden auf die Reise ging, war bereits einen ganzen Monat vor ihnen am Pol angelangt.

Wilson, Bowers, Evans, Scott und Oates am Südpol (Quelle: Wikipedia)

Die Rückreise sollte noch beschwerlicher werden für die fünf Männer. Seemann Evans hatte sich an der Hand verletzt, die schnell eiterte und immer schlimmer wurde. Auch schien er irgendwann gestürzt und hatte sich eine Gehirnerschütterung zugezogen, die es ihm immer schwerer machte, mit den anderen Schritt zu halten. Als er wieder hinfiel, sagten ihm die Übrigen, dass er langsam hinter ihnen herkommen sollte. Doch als er abends das aufgeschlagene Lager nicht erreichte, fanden sie seinen bereits auskühlenden Körper ohnmächtig im Schnee und er starb im Zelt, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben.

Auch Oates traf es schneller als erwartet. Nachdem er sich eine Sehne im Bein gezerrt hatte, wurde es immer schlimmer mit seinem Bein, es schwoll stark an und er konnte kaum noch den Schlitten mitziehen. So wurde die Gruppe immer langsamer, hinkte ihrem angepeilten Tagesziel von 14 Meilen hinterher, verbrauchte mehr Nahrung und Brennstoff. Auch waren die angelegten Depots weniger bestückt, als zunächst angenommen, denn der Brennstoff rann teilweise aus zerstörten Behältern in den Schnee und verunreinigte die vergrabenen Nahrungsmittel. Oates ging, nachdem er auf einen gnädigen Tod im Schlaf gehofft und diesen nicht erfahren hatte, in einen Schneesturm hinaus, wohlwissend, dass er nicht wieder zurückkehren würde.

Scotts letzte Nachricht
(Quelle: Wikipedia)

Scott, Bowers und Wilson schleppten sich weiter in Richtung Heimat, mit wenig Nahrung, noch weniger Brennstoff und leeren Herzen. Nur elf Meilen vom One-Ton-Depot schlugen sie ihr letztes Lager auf. Ein neun Tage andauernder Schneesturm hielt sie fest umschlossen, und keiner der drei konnte diese für das Überleben wichtigen Meilen hinter sich bringen, um frische – und gesündere – Lebensmittel zu holen.

Am 29. März starben Robert Falcon Scott und seine beiden Freunde.

Die Ende 1912 eintreffende Rettungsgruppe errichtete ein großes Grab über dem Zelt der drei Polarforscher, außerdem erinnert ein Holzkreuz am Observation Hill an die letzte Reise von Scott und seinen Männern.

Das Grab von Scott und seinen zwei Begleitern (Quelle: Wikipedia)

Ich hoffe bei all der Dramatik, dass ihr unsere Reise in den Süden der Erde gut überstanden habt – die Tragik dieser Expedition, auch wenn sie weniger Menschenleben forderte als die von Sir Franklin, ist immernoch greifbar. So wenige Meilen von der Rettung entfernt einen eisigen Tod zu sterben, in dem Wissen, nicht einmal das erreicht zu haben, weshalb man in diese unwirtliche Gegend kam, das muss unfassbar bitter gewesen sein. Roald Amundsen war der erste Mann am Südpol, und doch wird seine Erfolgsgeschichte immer von dieser Tragödie überschattet bleiben.

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5 Comments on “[Abenteuerlust] Die tragische Reise zum Südpol

    • Sehr sehr gern, schön wenn es dir gefallen hat!
      Das Ende ist wirklich wahnsinnig tragisch, so wenige Meilen vor der Rettung in einem Schneesturm eingeschlossen und zum Tod verurteilt zu sein :/

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  1. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Februar 2022 - Phantásienreisen

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