[Rezension] Karine Tuil – Menschliche Dinge

Triggerwarnung: Missbrauch, Vergewaltigung, Suizidversuch

Werbung | Autorin: Karine Tuil | Titel: Menschliche Dinge |
Übersetzung: Maja Ueberle-Pfaff |
Erscheinungsdatum: 03. August 2020 | Verlag: Claasen / Ullstein |
384 Seiten | Genre: Roman |

Bewertung: 4.5 von 5.
anführung_unten

Als er, gefolgt von Mila, zum Lift ging, hörte er, wie Adam hinter ihm herrief:
„Pass gut auf sie auf.“

(S.121)

anführung_oben
schnörkel

Inhalt

Jean Farel und seine Frau Claire gehören zur Elite der französischen Gesellschaft. Er, ein beliebter Fernsehmoderator, und sie eine Essayistin, die sich mit feministischen Texten einen Namen gemacht hat. Sie gaben ihrem Sohn Alexandre alles, was man mit Geld bezahlen konnte, nur die familiäre Liebe, die blieb ihm größtenteils verwehrt. Nun lebt die Familie getrennt, Jean eilt jüngeren Rockzipfeln hinterher, Claire ist mit ihrem Liebhaber zusammengezogen. Und Alexandre ist in die USA gegangen um zu studieren. Als sein Vater mit einer besonderen Auszeichnung geehrt werden soll, kehrt er nach Hause zurück. Doch in der Nacht der Preisverleihung wird etwas geschehen, das die ehemalige Vorzeigefamilie für immer entzwei reißen wird.

Rezension

Zwei Wahrheiten

Vorab noch einmal eine Triggerwarnung. In diesem Buch wird ausführlich über Vergewaltigung und Suizid gesprochen.

Zunächst lernen wir die Familie Farel kennen, Jean und seine Frau sind in der Gesellschaft hoch angesehen. Er interviewt seit vielen Jahren mit viel Esprit und politischem Gespür die Politiker Frankreichs, Claire schreibt feministisch geprägte Essays, und spricht sich entschieden gegen Vergewaltigungen aller Art aus. Doch nur eine Nacht reicht, um das Bild zu zerreißen, welches sich die Bevölkerung Frankreichs von den beiden gemacht hat.

Denn plötzlich ist ihr Sohn der Vergewaltigung angeklagt. Die betreffende Nacht erleben wir nur in kurzen Auszügen, wir wissen nicht genau, was eigentlich passiert ist. Der größte Teil enthüllt sich erst nach und nach während des Prozesses. Und Karine Tuil hat damit einen äußerst cleveren Rahmen geschaffen.

Denn dadurch, dass wir die Familie Farel zuerst ausführlich kennenlernen, machen wir uns bereits ein Bild des jungen Mannes, der später auf der Anklagebank sitzen wird. Wir sehen, dass er einsam ist, auch wenn er Freunde hat. Wir sehen, dass er sich in seiner eigenen Familie nicht wohl fühlt, und auch wenn er ein wenig arrogant rüberkommt, so hegt man doch gewisse Sympathien. Das vermeindliche Opfer Mila, die Tochter des neuen Mannes von Claire, kennen wir im Grunde gar nicht. Und so neigt man dazu, ihre Version der betreffenden Nacht erst einmal in Frage zu stellen, kann – ebenso wie Alexandres Eltern – nicht glauben, dass der brilliante Student zu so etwas im Stande sein soll. Dass Mila nicht unbedingt als wortgewandt und glaubwürdig auftritt, kommt noch erschwerend hinzu.

Und so spielt Karine Tuil mit uns Lesern wie auch mit den Geschworenen im Saal. Wir waren keine Zeugen der Tat, wir hören nur beide Seiten der Geschichte. Alexandres Wahrheit, der von einem Einverständnis ausging und nicht verstehen kann, wieso er der Vergewaltigung angeklagt ist. Und Milas Wahrheit, die zutiefst gedemütigt wurde, deren Leben völlig aus der Bahn geworfen wurde, und die sich nun damit konfrontiert sieht, dass man ihrer Geschichte womöglich keinen Glauben schenkt.

Das Ganze geschieht vor dem brandaktuellen Hintergrund der #metoo-Bewegung. Immer wieder wird Bezug auf den Weinstein-Skandal genommen, auch die Silvesternacht in Köln findet ihren Platz. Und so ist man als Leser gefragt, ob vor diesem Hintergrund die Gefühle zu sehr hochgekocht sind, ob „eine Hetzjagd auf Männer gemacht wird“ (Zitat einer handelnden Person), oder ob Alexandre am Ende doch ein skrupelloser Täter ist. Außerdem erhalten wir einen Einblick, was eine solche Tat mit den anderen Familienmitgliedern macht, mit welchen Konsequenzen sie leben müssen. Denn wie soll sich Claire positionieren, wenn sie bisher immer die Rechte der Opfer vertrat, der Angeklagte nun aber ihr eigener Sohn ist? Wie soll sich Jean verhalten, dessen Position im Sender auf wackeligen Füßen steht, und von dem die Öffentlichkeit durchaus weiß, dass er sich nur allzu gern mit jüngeren und aufstrebenden Frauen einlässt und somit seine eigene Machtpostion ausnutzt?

Fazit

Ein faszinierendes Buch, das nicht mit einer, sondern gleich mit zwei Wahrheiten aufwartet. Denn auch wenn mehrere Personen ein und dasselbe Ereignis erleben, sie werden es immer anders bewerten. Ohne die Tat Alexandres in Schutz nehmen zu wollen, so fand ich mich am Ende doch nicht in der Lage, ihn direkt zum Teufel zu jagen.

Bewertung im Detail

Idee ★★★★★ ( 5 / 5 )

Handlung ★★★★☆ ( 4 / 5 )

Charaktere ★★★★☆ ( 4 / 5 )

Sprache ★★★★★ ( 5 / 5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )

= 4.6 ★★★★★

weitere Meinung

Letteratura


Herzlichen Dank an den Ullstein Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

4 Comments on “[Rezension] Karine Tuil – Menschliche Dinge

  1. Pingback: Rückblick auf den August – Buchperlenblog

Du möchtest was sagen? Dann los!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: