[Rezension] Kit de Waal – Mein Name ist Leon

Zwei Kinder, eine kranke Mutter, ganz viel Ungerechtigkeit und trotz allem auch Liebe.

Werbung | Autorin: Kit de Waal | Titel: Mein Name ist Leon  |
Übersetzung: Katharina Naumann |
Erscheinungsdatum: 2017 | Verlag: Rowohlt Polaris |
320 Seiten | Genre: Roman |

Bewertung: 5 von 5.

Manchmal geht Carol auch raus und lässt ihn fernsehen. Dann setzt sie Jake in den Buggy und bleibt stundenlang mit ihm weg, und wenn sie dann nach Hause kommt, ist sie müde, und Jake weint. Sie lässt den Buggy im Flur stehen und geht einfach nach oben und redet dabei mit sich selbst. Leon muss dann Jakes Gurte öffnen, seinen Babyanzug ausziehen und ihn füttern, und manchmal machen Leon all die DInge, die er tun muss, so müde und wütend.

(S. 32)

Inhalt

Nun sind sie zu dritt. Carol, Leon und Jake. Aber mit Jakes Geburt setzen bei Carol erneut postnatale Depressionen ein, und plötzlich ist der neunjährige Leon der Herr im Haus. Er kümmert sich nicht nur liebevoll um seinen kleinen Bruder, sondern auch um seine kranke Mutter, die sich zusehends in sich selbst verkriecht. Aber natürlich fällt das irgendwann auf, das Jugendamt wird eingeschaltet. Und plötzlich wird Leons kleine Welt völlig aus den Fugen gerissen.

Rezension

Schwarz und Weiß

Kit de Waal entschied sich bei diesem Roman, die Geschichte aus der Sicht des neunjährigen Leons zu schreiben. In dieser beinahe kindlichen Erzählweise kommen wir Leser dazu, sowohl Leons Gedanken besser zu verstehen, als auch mit einem erwachsenen Blick die Dinge, die er beschreibt, anders zu deuten und zu interpretieren. Was das Erlebnis um einiges intensiver gestaltet.

England, in den 80er Jahren. Carol bringt ihr zweites Kind auf die Welt. Jake ist winzig klein, blond und hellhäutig. Ganz anders als Leon, dessen Vater aus der Karibik stammte. Natürlich hat Leons Vater die Familie endgültig verlassen, als er herausfand, dass ihm Hörner aufgesetzt wurden. Nicht, dass er vorher besonders präsent war, aber zumindest war er hin und wieder ein Vater für Leon. Doch auch der Vater von Jake ist nicht mehr zugegen, und während Carol immer tiefer in Depressionen versinkt, obliegt es Leon, sich um seine Mutter und seinen kleinen Bruder zu kümmern. Das macht er auch ganz gut, bis das Geld knapp wird und er zu einer Nachbarin im Haus muss, um sie um ein paar Dollar zu bitten.

Hat man bis dahin Leon schon bewundert, wie tapfer er die Situation erträgt, so geht es ab da erst richtig los. Denn das Jugendamt stellt sich ein, Carol kommt in eine Klinik, und Leon und Jake zu einer Pflegemutter. Maureen hat ein großes Herz, so dass die neue Situation für beide Kinder erträglich sein könnte. Doch das Jugendamt lässt nicht locker, will wenigstens einem Kind eine Chance im Leben Kind geben. Welchem? Na klar, dem weißen Baby.

Und so müssen wir miterleben, wie Leon nicht nur seine Mutter verliert, sondern auch seinen kleinen Bruder, den letzten Anker zu seinem alten Leben. Leon, der sich doch um alle kümmern könnte, wenn sie ihn nur ließen! Leon, der nicht begreifen kann, wieso man ihn nicht mit Jake zusammen adoptiert hat. Ich im übrigen auch nicht. Und auch wenn er erst neun ist, so weiß er im Inneren doch, dass es etwas mit seinem Aussehen zu tun hat. Mit seiner Hautfarbe, die nicht in die hübsche neue Familie Jakes zu passen scheint.

Leon tut sich schwer, neue Freunde zu finden. Er ist viel allein unterwegs, stiehlt hier und da einige Pence aus dem Portemonnaie Maureens, meist dann wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Sie stehlen ihm sein Leben, er stiehlt ihnen auch etwas.

Später wird er so etwas wie Freunde finden, Erwachsene, mit denen er sich oberflächlich versteht. Tufty zum Beispiel. Ein Mann mit ebenfalls dunkler Haut, und einer kleinen Gartenparzelle. Tufty, dessen Freund Castro von der Polizei totgeschlagen wird. Tufty, der immer Konflikte ohne Gewalt lösen wollte und doch selbst mittendrin landen wird. Tufty, der Leon beibringen wird, wie man sich um Pflanzen kümmert.

Es ist ein trauriger Roman, den uns Kit de Waal hier vorlegt. Mein Name ist Leon handelt von einem Jungen, der von der Welt übersehen wird. Der keine Stimme zu haben scheint, der übergangen wird. Warum? Weil er dunkle Haut hat. Weil seine Mutter krank ist. Weil er kein kleines süßes Baby mehr ist. Mein Name ist Leon ist aber auch eine Coming-of-Age Geschichte, die zu Tränen rührt, wenn man entdeckt, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Dass es zwei Seiten einer Geschichte sind, dass es Menschen gibt, die sich kümmern. Eine Geschichte, die Hoffnung macht.

Fazit

Die kindliche Erzählebene ermöglicht es, die Geschichte viel tiefer zu fühlen, als es aus einer anderen Perspektive möglich gewesen wären. Unser Name ist Leon, während wir dieses Buch lesen und versuchen, unsere eigene Stimme zu erheben. Prädikat außergewöhnlich!

Bewertung im Detail

Idee ★★★★★ ( 5 / 5 )

Handlung ★★★★★ ( 5 / 5 )

Charaktere ★★★★★ ( 5 / 5 )

Sprache ★★★★☆ ( 4 / 5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )

= 4.8 ★★★★★

schnörkel

6 Comments on “[Rezension] Kit de Waal – Mein Name ist Leon

  1. das klingt nach einem Buch, das ich lesen sollte, aber bei Büchern, die mich zum Weinen bringen, genauso wie bei Filmen, bin ich immer so zurückhaltend.

    Gefällt 1 Person

      • ich habs mir auf meine Leseliste gepackt. Aber da werde ich vorsichtig rangehen, Dinge, die mich zum weinen bringen….ich kann nicht mal Bambi kucken.

        Gefällt 1 Person

      • Bambi ist aber auch fatal traurig, bei aller Liebe. (Generell heule ich immer bei Disneyfilmen, da braucht bloß das Opening starten… )

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  2. Pingback: Rückblick auf den Juni – Buchperlenblog

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