[Ein Tod in drei Akten] Akt 1: Die Nacht

Willkommen, meine lieben Gruselfreunde!

Alljährlich ruft uns der Abend aller Abende, an dem die Geisterwesen in unsere Welt dringen. Und alljährlich versuche ich euch ein wenig selbst das Gruseln zu lehren. Seid ihr bereit für meine Geschichte für Halloween?

○○○

Lautes Keuchen.
Ein Schauder überkommt sie und lässt die Bettdecke erzittern.
Gänsehaut bildet sich auf ihren nackten Armen.
Was hat sie geweckt?

Das Schlafzimmer ist dunkel, nur wenig Licht dringt durch die steifen Vorhänge nach drinnen, auch wenn sie den Mond als Sichel am mitternächtlichen Himmel erahnen kann. Schatten bewegen sich in den finsteren Ecken des Raumes. Eliza richtet sich im Bett auf, tastet mit kalten Fingerspitzen nach dem zerknüllten Laken unter sich. Alles ist still im Haus, kein Laut ist zu hören. Sie muss schlecht geträumt haben.

Sie erinnert sich an ein seltsam schwankendes Licht, das durch ihre Träume wanderte, wärmend und einladend. Das sie durch einen nebelverhangenen Wald zu sich zu rufen schien. Sie erinnert sich, wie sie dabei an ihre Mutter denken musste, an gemütliche Abende vor dem flackernden Kamin, ein Glas Punsch in der Hand und immer ein Lächeln auf den Lippen.

Damals, als Henry noch ein Traum in weiter Ferne war. Und weit bevor Henry aus ihrem Leben verschwand, ein Ereignis angefüllt mit Mysterien und widernatürlichen Gedanken. Wieso muss sie ausgerechnet jetzt an ihren verlorenen Liebsten denken?

Während sie ihrem Traum vom Leben hinterher trauert, beginnt sie zu spüren, dass sie beobachtet wird. Mit einem Ruck hebt sie den Kopf, mutig dem entgegen blickend, was auch immer bei ihr sein würde. Doch da ist nichts. Der Raum liegt noch immer so still vor ihr, wie vor wenigen Augenblicken. Das Gefühl jedoch lässt sie nicht los. Obwohl das Fenster geschlossen ist, streicht ein kalter Luftzug über ihre Wange und lässt sie fröstelnd zusammenzucken.

„Ist da jemand?“ Ihre Stimme klingt viel zu schrill in ihren Ohren.

Keine Antwort. Doch sie spürt, dass sie nicht allein ist. Nicht im Haus, und nicht im Schlafzimmer.

Mit wildem Blick versucht sie die Dunkelheit zu teilen, die Schatten in den Zimmerecken zu zerreißen, die sich immer weiter auszudehnen scheinen. Als sich die seltsam körperlose Gestalt endlich zeigt, ist Eliza beinahe erleichtert. SIe hat es sich nicht eingebildet, sie ist nicht verrückt! Und doch … der Mann, den sie dort in der Nische neben dem Fenster entdeckt, kann nicht real sein. Der schiefgelegte Kopf, die störrisch abstehenden Haare, das spitze Kinn, die vom wenigen Mondlicht erhellten, glanzlosen Augen – es muss Henry sein!

„Henry? Du bist tot … tot! Du kannst nicht hier sein!“, bricht es aus ihrem Mund hervor, die Lippen sind plötzlich ganz spröde und rissig. Eine Brise, eisig kalt auf ihrer Haut, ist Antwort genug. Doch sie will es nicht glauben. Sie ist bestimmt noch immer gefangen in ihrem Traum, sie muss aufwachen, sofort! Henrys abgetrennten Kopf fanden sie nur wenige Tage nach seinem Verschwinden. Den verborgenen Pfad im Wald, auf dem es geschah, hat Eliza seither nicht mehr betreten. Er kann jetzt nicht hier bei ihr sein, er kann es einfach nicht!

Verzweifelt kneift sie sich in die Haut, reibt sich die Augen, außerstande aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Aufwachen, sie muss aufwachen! Ihr nächtlicher Besucher breitet die Arme aus, wie Fledermausschwingen bauscht sich sein Mantel um den abgezehrten Körper. Er kommt auf sie zu. Eliza fühlt, wie das Entsetzen in ihre Glieder fließt und sie lähmt. Nun hört sie auf mit Reiben und Kneifen und starrt nur noch. Starrt auf den grinsend verzogenen Mund ihres einstmals Geliebten, der bald ihr gesamtes Blickfeld auszufüllen scheint.


>>> Akt 2 <<<

10 Comments on “[Ein Tod in drei Akten] Akt 1: Die Nacht

  1. Ui, du startest aber auch gleich spannend durch. Dann bin ich mal gespannt, was es mit Henry auf sich hat. Mein innerer Angsthase hofft, dass es doch nur ein traum ist. 😉

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  2. Pingback: [Ein Tod in drei Akten] Akt 3: Die Vereinigung – Buchperlenblog

  3. Liebe Gabriela,
    huuuh, sehr gruseliger Auftakt! Eigentlich ganz gut, dass ich deine Geschichten jetzt erst lesen… So kann ich mir ein bisschen der Gruselstimmung noch in den November retten. ^^

    Liebe Grüße
    Alina

    Gefällt 1 Person

  4. Hallo!
    Habe es jetzt erst zu deiner Geschichte geschafft, aber nun kann ich alle drei Akte direkt hintereinander genießen und gehe auch sofort weiter. :-*

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Rückblick auf den Oktober – Buchperlenblog

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