[Ein Tod in drei Akten] Akt 3: Die Vereinigung

Ein letztes Mal herzlich willkommen,
liebe Gruselfreunde!

Heute ist endlich Halloween und damit erscheint auch der dritte Akt meiner diesjährigen Geschichte. Schauen wir doch mal, wie es Eliza heute ergeht. Seid ihr bereit?

○○○

Wieder herrscht Dunkelheit.
Eliza blinzelt und fährt sich mit der Zunge über die wunden Lippen. Wie kommt sie hierher? Und wo ist sie überhaupt? Mühevoll blickt sie sich um, ihr Genick scheint merkwürdig steif zu sein.

Die Sichel des Mondes steht hoch oben am mitternachtsblauen Himmel und erhellt nur unzureichend einen ausgetretenen, gewundenen Pfad. Ihren Pfad, das erkennt sie sofort. Diesen Weg sind Henry und sie so oft zusammen gegangen, anfangs heimlich und ohne das Wissen ihrer Familien, später dann voller Vorfreude auf ihr gemeinsames Leben.

Henry.

Die Erinnerung überfällt sie gnadenlos. Gerade eben war sie noch in ihrem Schlafzimmer gewesen, sie hatte Henry erkannt, wie er in der dunklen Zimmerecke stand, lebendig und tot zugleich. Und wie er auf sie zukam, den blutroten Mund grinsend verzerrt. Wieso ist sie also plötzlich hier?

Eliza dreht sich um die eigene Achse, blickt umher und fröstelt in ihrem dünnen Nachthemd. Doch kein weißer Atem bildet sich vor ihrem Gesicht. Vorsichtig setzt sie Fuß um Fuß vorwärts, wandelt auf dem Waldpfad, beinahe blind und voller Angst.

Durch die spärlich belaubten Äste der Bäume ringsumher sieht sie ein schimmerndes Licht. Es scheint sie zu sich zu locken, wie zuletzt in ihrem Traum. Langsam bahnt sie sich ihren Weg weiter und bemerkt dabei, wie silbrige Nebelschwaden aus den Tiefen der Erde aufsteigen. Ihre nackten Zehen bleiben an Wurzeln hängen, kleine Steinchen bohren sich tief in ihre nackten Füße. Schließlich gelangt Eliza auf eine Lichtung, der Mond steht genau über ihr am Firmament und brennt mit seinem Licht jedes Detail in ihre Augen. Die Welt um sie herum scheint zu leuchten, erst weiß und dann … orange?

Ein flackernder Lichtstrahl tritt aus dem Dickicht hervor, hin und her schwankend. Eine Frau erscheint dahinter, zunächst undeutlich, doch dann erkennt Eliza, dass sie eine altertümliche Laterne in der Hand hält. Die Frau selbst scheint zeitlos zu sein, weder ihre weißen, zu einem dicken Zopf geflochtenen Haare, noch ihr faltenloses, kluges Gesicht geben Auskunft über ihr Alter. Eliza macht einen unbeholfenen Schritt zurück, weg von dem Licht. Denn obwohl es beruhigend wirkt, hat sie Angst. Angst vor dem Licht, Angst vor der Frau.

Eliza weiß nicht, wie die Fremde so flink sein konnte, aber sie steht plötzlich ganz dicht vor ihr, so dicht, dass sie die trüben Augen erkennen kann, die tief in dem ausdruckslosen Gesicht liegen. Ein milchiger Schimmer verschleiert das Leben darin.

„Es tut mir leid, Eliza. Aber ich musste ein wenig … nachhelfen.“

Eliza hält den Atem an, stockt, versucht nachzudenken. Was meint die weißhaarige Fremde damit? Sie spürt eine Berührung an der Schulter und sieht aus dem Augenwinkel eine weiße Hand, die sich gerade in ihr Fleisch krallt. Eliza versucht, sie abzuschütteln, doch der Griff wird nur stärker. Und seltsam tröstlich. Ihr ist, als ob sich alle aufgestauten Sorgen und Ängste von ihr lösen würden, davongeweht vom Atem der Frau mit der Laterne, in geisterhaften Schwingen in den Himmel empor getragen. „Wer bist du?“, haucht sie ohne erkennbaren Nachdruck.

„Ich war die Dame des Lichts“, antwortet die Fremde mit süßer Stimme. „Und du bist meine Erlösung.“

Ein aufgepeitschter Windstoß reißt Eliza beinahe zu Boden, sie muss sich an der anderen Frau festhalten, spürt, wie ihre Finger ins Nichts hineingreifen, wie sich der eben noch feste Körper der Frau vor ihr in Wellen aus Wind und Nebel auflöst. Gleichzeitig bemerkt sie ein Kribbeln in ihrem Körper, ein Tosen und Brausen, ein Ziehen und Wachsen, ein Schrumpfen und Strecken, dem sie nichts entgegnen kann.

„Was – was passiert mit mir?“ ist alles, was sie während dieses Augenblicks herauszubringen vermag. Geisterhafte Hände greifen nach ihren länger gewordenen, schlohweißen Haaren. SIe flechten sie zu einem ordentlichen Zopf, tätscheln ihre Schulter. „So musst du sie tragen, so haben wir sie immer getragen.“ Eine letzte Brise, dann ist sie allein.

Elizas Welt verdunkelt sich, der Wald um sie herum verliert seine Konturen, die Farben verwischen. Sie ist blind. Doch mit dem Verlust ihrer Sehkraft bildet sich etwas anderes in ihr heraus. Wissen. Und Macht. Ja, nun ist sie die Dame des Lichts, nun führt sie die Toten in ihr Reich. Und nun harrt sie der einen, die ihren Platz einnehmen wird.


Das war sie, meine Halloweengeschichte für 2020! Ich hoffe, ihr hattet Freude daran und habt euch ein kleines bisschen gegruselt. Und immer schön aufpassen, wenn euch in euren Träumen eine weißhaarige Frau mit einer Laterne in der Hand gegegnet.

Ein Tod in drei Akten zum Nachlesen:
Akt 1: Die Nacht
Akt 2: Die Dame
Akt 3: Die Vereinigung

16 Comments on “[Ein Tod in drei Akten] Akt 3: Die Vereinigung

  1. Liebe Gabriela,
    wow, was für ein tolles Ende! Und weißt du was? Ich musste dabei an das Ende von „The Haunting of Bly Manor“ von Netflix denken… 😉
    Diesen Satz finde ich besonders stark: „Ein milchiger Schimmer verschleiert das Leben darin.“ – was für eine Beschreibung! ❤

    Liebe Grüße
    Alina

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Alina!
      Hab viiiiielen vielen Dank für die lieben Worte! ❤️ Das stimmt, die körperliche Übernahme hat durchaus Ähnlichkeiten! Allerdings kann ich sagen, dass meine Geschichte schon vor ein paar Wochen fertig war und ich mich nicht habe inspirieren lassen 😄

      Alles Liebe!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Gabriela!
    Eine schaurige Geschichte. Wie immer ist es mir ein Vergnügen gewesen deine Halloween Geschichte zu lesen. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

  3. Meine liebste Gabriela! ❤
    Da ist mir doch tatsächlich deine diesjährige Halloween-Gruselgeschichte durch die Lappen gegangen! Kaum vergehen einmal 3 Wochen, entdeckt man sie dann auch. Gottseidank! 😀 Du hast es einfach drauf, eine ganz besondere Stimmung zu erzeugen. Tausend Dank für diese schaurig schöne Geschichte! ❤

    Gefällt 1 Person

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