[Writing Friday] Gesegnet und verflucht

Als die Sonne untergegangen war, entdeckte sie den hellsten Sternenhimmel, den sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Und das sollte schon was heißen, immerhin war sie weitaus älter, als ein Mensch hätte werden sollen. Viele Generationen hatte sie das Licht der Welt erblicken sehen, von noch mehr hatte sie sich verabschieden müssen. Und jeder Abschied fiel ihr schwerer und schwerer. Amalja atmete tief die kühle Abendluft ein. Hier, am Fuß des Hügels, wehte ein angenehmer Wind, der ihrer erhitzten Haut ein wenig Kühlung verschaffte.

Schon viele Wochen war Amalja nun auf Wanderschaft. Von ihren eigenen Wünschen angetrieben und von ihrer Rastlosigkeit gequält, hatte sie ein schmales Bündel gepackt, Wasser und einen großen harten Käse, den sie noch in ihrem Vorratsschrank fand, hinein getan, und war in den frühen Morgenstunden aufgebrochen. Ihr Ziel war ungewiss, sie fühlte nur dieses Leuchten in ihrem Herzen, dem sie folgte. Ihre alten Knochen ächzten bei jedem Schritt, doch ihr Herz schlug stark in ihrer Brust und ließ sie noch immer ein Stückchen weiter gehen. Am Rande eines kleinen Wäldchens hatte sie einen passenden Ast gefunden und ihn zu einem recht passablen Wanderstock zurechtgestutzt. Nun lehnte sie mit einem Arm auf diesem und genoss die kurze Pause. Der Mond war ebenfalls hervorgekommen und warf nun sein bleiches Totenlicht über die Hügel vor ihr und die gewaltige Bergkette in der Ferne. Dorthin musste sie, das wusste sie tief in ihrem Inneren. Es war, als könnte sie in den verborgenen Fluchten der Felswand ein pulsierendes Leuchten ausmachen, ein geheimes Winken, das sie näherrief. „Morgen, wenn ich Glück habe“, flüsterte sie, und der Nachtwind nahm ihre Worte auf und brachte sie hinauf in den erleuchteten Himmel.

Sie träumte. So, wie sie seit vielen Jahren träumte, wie sie vielleicht schon immer geträumt hatte. Von ihrer Heimat, die so lange schon in Schutt und Asche lag. Von ihrem Dorf, in dem sie eine glückliche Kindheit verbrachte, und das von Soldaten des Königs niedergebrannt wurde. Sie träumte von ihrem Leben als Dienerin, als Sklavin, und davon, wie sie sich befreien konnte dank einer wundersamen Wendung des Schicksals. Und sie träumte von der Fee, die ihr eines Nachts erschien, bei ihrer Flucht half und ihr, für die erduldeten, schlimmen Zeiten ihres Lebens, ein neues Leben schenkte.

Dieses Leben war mit großer Freude erfüllt, das wusste Amalja und sie war der Zauberin dankbar dafür. Doch dieses Leben wollte nicht enden, und so gesellte sich zu ihrem neuen Glück immer mehr auch die Trauer. Trauer um die, die sie begraben musste, Trauer um ihren Seelenfrieden, Trauer um das letzte versagte Glück des eigenen Todes.

Als sie erwachte, spürte sie wieder dieses Ziehen in ihrem Herzen, noch bevor sie die Augen aufschlug. Heute war der große Tag. Endlich. Die Berge in der Ferne sahen noch immer aus, als könnte sie jahrelang auf sie zulaufen, und käme doch nicht wirklich an, aber Amalja wusste, sie würde es schaffen. Noch einmal konnte sie diesen Traum nicht ertragen. Energisch rieb sie die Spuren der getrockneten Tränen auf ihren alten, zerknitterten Wangen fort, und machte sich wieder auf den Weg. Als die Sonne an ihrem höchsten Punkt angelangt war, legte sie eine kurze Pause ein, wischte sich den Schweiß von der Stirn und knabberte den letzten Rest Käse aus ihrem Bündel auf. Als die Sonne unterging, und ihr wieder der weite Sternenhimmel erschien, war Amalja beinahe angekommen. Sie schätzte die Entfernung auf weitere drei bis vier Stunden Wanderung, wenn sie keine Pause mehr einlegte. Ihre Beine waren schwer wie Blei, ihre Füße ein einziger pochender Schmerz. „Fee, wenn du doch nur diesen Fluch von mir nehmen könntest, so müsste ich nicht mehr diese Qualen erdulden“, murmelte Amalja, doch eine Antwort bekam sie nicht. Die Fee war verschwunden, und mit ihr das einstige Geschenk des ewigen Lebens.

Es war weit nach Mitternacht, als die alte Frau ihre schwieligen Hände an den rauhen Fels der Berge legen konnte. Ein stürmischer Wind blies ihr ins Gesicht, und zerzauste ihre dünn gewordenen Haare, die einst in hellem Gold erstrahlten. Das Gesicht empor gereckt, konnte sie das Pulsieren beinahe wirklich sehen. Sie musste nur noch den steilen Pfad bezwingen, dann wäre sie gerettet. Amalja entdeckte einen Zugang hinter herabgestürztem Felsgeröll, und begann den beschwerlichen Aufstieg.

Eine Prüfung, so kam es ihr vor. Als hätten Gott oder die Zauberin, oder beide, ihr eine letzte Aufgabe auferlegt um ihren Willen zu brechen. Sie blieb mit einem Fuß in einer Furche hängen und stürzte. Mit aufgeschrammten Knien lag sie da, eine alte Frau, die nichts mehr wollte, als zu sterben, und es doch nicht durfte. Wenn sie sich hier den Knöchel brach, würde sie liegen bleiben müssen, bis dieser verheilt war. Sie würde Schmerzen ertragen müssen, aber sie würde nicht sterben. Vorsichtig rappelte sie sich wieder auf, und während sie weiter ging, suchten ihre alten Augen mit äußerster Vorsicht den Boden nach weiteren Fallen ab. Endlich gelangte sie auf ein kleines Plateau. Wenige Büsche säumten hier die Felsen. Amalja drehte sich dem vor ihr liegenden Abgrund zu. Unter ihr erstreckte sich die Welt mit all ihren Geheimnissen, die ihr einst so viel bedeuteten. Da nahm sie aus dem Augenwinkel ein Funkeln war. Verborgen hinter Schutt und Reißigzweigen, fand sie eine alte Phiole. „Der Zaubertrank!“, entfuhr es ihr, und ein Gefühl der Glückseligkeit brannte in ihrer Brust. „Es gibt ihn wirklich.“ Endlich hatte sie ihn gefunden, nach all der Zeit, nach all den Jahren. Sie hob die Flasche auf, wischte den Staub vom Glas und betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin. Noch einmal warf sie einen Blick auf die Welt, der sie endlich entsagen konnte. „Ich weiß, du hast es nur gut gemeint!“, rief Amalja in den tosenden Wind hinaus. Dann entkorkte sie die Phiole, setzte sie an ihre Lippen und trank.

schnörkel


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Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Heute sollten die Worte Zaubertrank, entdeckt, Bergkette, verborgen und Sternenhimmel eingebunden werden. 🙂

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

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