[Writing Friday] Besuch im Moor

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Pssst, seid mal alle ganz still!
Ja, genau so. Das ist die richtige Atmosphäre für das, was ihr gleich zu sehen bekommt. Wir betreten soeben den gefährlichsten Teil dieser Moorlandschaft. Spürt ihr auch, wie sich der Torf unter euren Füßen zusammenpresst, sich an euren Schuhen festsaugt und euch das Gefühl gibt, festzustecken? Dann hebt besser schnell die Beine an, denn schon so mancher nächtlicher Besucher kehrte niemals wieder heim von seinem Besuch des alten Hauses im Moor.

Die aufgezogenen Nebelschwaden lichten sich, seht ihr? Ich hatte schon Angst, ich würde den Weg vielleicht nicht mehr hierher finden. Immerhin ist es viele Monde her, seit ich das Moor zuletzt betrat. Da vorne ist schon der Hügel, auf dem das Haus steht. Schaut nur, wie der silbrig glänzende Mond das trockene Gras ringsherum beleuchtet. Aber was …? Ach nein, hört nicht auf mich alberne Gans, fast dacht ich, ich hätte … Nein, das ist unmöglich. Und doch …

Spürt ihr die kalte Luft, die um eure Nasen streicht? Fühlt ihr, wie der Wind die Röcke hebt, wie er sich in euren Haaren verfängt und uns unaufhaltsam dem alten Haus entgegen treibt? Ja. Wir sind da.

Das Holz der Außenwände ist noch verwitterter als bei meinem letzten Besuch, die Fenster blind und das Innere dunkel. Aber was haben wir auch erwartet? Dass das Haus hell erleuchtet ist? Dass der Duft frischer Kaffeebohnen aufsteigt? Dass … Oh mein Gott. Seht ihr auch die frischen Schuhabdrücke, direkt vor der Haustür? Sie ist nur angelehnt, das sollte nicht so sein. Und doch, etwas zieht mich hinein, schnell, folgt mir, sonst seid ihr hier draußen verloren. Die rubinroten Schuhe, die sich hinter dem Vorhang in der Ecke verstecken, habe ich gleich bemerkt. Sie scheinen zu den Fußabdrücken zu passen, die ich draußen sah. Seid still, sie soll uns nicht erwischen!

Nur Mut und den Vorhang beiseite gerissen! He da, die Schuhe stehen körperlos in der schattigen Dunkelheit. Fast hätte ich erwartet, Mathildas Geist zu erblicken. Wisst ihr, eine alte Legende besagt, dass hier einst ein junges Fräulein wohnte. Ganz allein, die arme Seele. Und doch verbarg sie ein düsteres Familiengeheimnis, dem niemand jemals auf die Schliche kam. Rabenschwarz und Blutrot, so wird es beschrieben. Wer weiß schon, ob sie nicht hier draußen arme Kreaturen fing, sie folterte und anschließend fraß? Doch glaubt nicht an solche Ammenmärchen, ich versuche nur, euch Angst zu machen.

Doch hört nur, es knarzt in der oberen Etage. Als würden Mäuse trippel-trappel eilig umherflitzen. Als würden bodenlange Gewänder das Parkett von Staub befreien. Ihr wollt hinauf? Dann geht nur, geht. Ich werde euch von hinten leuchten.

Sieh nur, Mathilda! Gut geängstigte Kinderseelen. Ein jedes von ihnen mit frischem Mut beseelt und Stück für Stück der Hoffnung beraubt, ganz wie du es magst. Keine Sorge, die Eltern wissen von nichts, niemand wird sie hier vermuten. Sie sind versunken in der Endlosigkeit der Zeit. Jetzt sind sie dein. Wart nur, ich schließe die Tür.

schnörkel


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Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Dieses Mal habe ich mich dafür entschieden, ein altes verlassenes Haus in einer Moorlandschaft zu beschreiben. Dabei habe ich die Worte Kaffeebohnen, rubinrot, Familiengeheimnis und versunken eingebaut. 🙂

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

Weitere Teilnehmer sind:

 

 

10 Comments on “[Writing Friday] Besuch im Moor

  1. Liebes, eine wunderbar schaurige Geschichte! Super schön wie du die Wörter mit in den Text eingebaut hast gefällt mir richtig gut. Und dein Schreibstil ist wie immer grandios ❤

    Gefällt 1 Person

    • Danke dir! Passenderweise kam gerade die entsprechende Werbung bei Spotify 😄 Ich finds ganz spannend, immer mal die Erzählstile zu ändern 🙂

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt mir

  2. Oh wooow, was für eine schaurig-schöne Geschichte! Du hast einen so tollen Erzählstil! Und das Ende ist so unglaublich gut gewählt und beschrieben, dass es mir glatt kalt den Rücken runterläuft! ❤

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Gabriela,
    eine sehr gute und gruselige Geschichte. Ich wäre ja nicht in das Haus gegangen. Da ist es einfach zu gruselig finde ich. 😉
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Writing Friday | Gib Acht, was du dir wünschst – ida's bookshelf

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