[Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 3: Ende oder Anfang?

Mutiger Leser, der du dich hier wieder eingefunden hast! Heute ist die Nacht der Nächte, heute gehen allerlei Spukgestalten umher und treiben ihren Schabernack mit den Lebenden. Du hast es erfolgreich bis hierher geschafft, ich hoffe, du begleitest mich noch das letzte Stück des Weges.

Wir erinnern uns, wir kamen durch den Wald zu einem verlassenen Zirkuszelt, der Mond scheint und das einzige Geräusch weit und breit ist das Krächzen einer Krähe. Wir sind zusammen in das Zelt gegangen, etwas hat uns hineingezogen und nun stehen wir am Rande der Manege.

Du bist noch nicht soweit? Dann husch husch zum Anfang zurück und aufgepasst! Für uns anderen wird es nun gefährlich …


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„Endlich.“

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Das dämonische Grinsen des Clowns jagt mir eiskalte Schauer über den Rücken. Die Luft scheint von der Bösartigkeit, die diese Kreatur ausstrahlt, geradezu zu vibrieren. Sein Mund, oder besser das, was sein Mund hätte sein können, verzerrt sich fratzenhaft. Die rote Schminke ist verlaufen und glänzt feucht. Hoffentlich ist es überhaupt Schminke und nicht …

Ich lasse diesen Gedanken besser ungedacht und starre in seine schwarzen Augen. Meine Beine scheinen mit dem sandigen Boden der Manege verwachsen zu sein, denn ich kann mich nicht bewegen. Meine Zehen prickeln leicht und ein einschläferndes Gefühl fließt durch meine Adern. Schließlich finde ich meinen Mut wieder und frage das Wesen: „Was soll das heißen, endlich?“
Er stößt ein schrilles, kreischendes Lachen aus und verzieht boshaft die Mundwinkel zu einem freudlosen Feixen.
„Es heißt, was es heißt. Endlich ist eine neue Seele zu mir gekommen.“ Das Gesicht des Clowns verändert sich, wirkt zunehmend trauriger. Eine dicke Träne rinnt ihm aus dem Augenwinkel, sie vermischt sich mit der weißen Schminke im Gesicht und färbt sich immer dunkler, je tiefer sie fließt. Sie hinterlässt Striemen im Gesicht der Kreatur, die sie merkwürdig zerstört aussehen lassen. Der Clown öffnet den Mund zu einem kreisrunden O und eine einzelne weiße Made hangelt sich an dem, was vielleicht einmal Lippen gewesen waren, nach draußen in die Freiheit.
„Ich war so einsam. Ich dachte immer, ein Clown führt ein glückliches Leben, doch das stimmt nicht.“ Er wischt sich über die Augen. Für mich sieht es aus, als würde er Blut weinen, denn seine Augen leuchten nun rot aus dem blassen Gesicht heraus. „Aber nun bist du ja da“, fährt er fort. Die Mundwinkel zucken wieder und ein weiteres schrilles Lachen hallt durch das leere Zelt.
„Was willst du von mir?“, presse ich hervor und ich ärgere mich über meine vor Angst bebende Stimme. Ich will nach Hause, aber ich kann mich nach wie vor nicht bewegen! Es ist, als würden mich Geisterhände festhalten.
„Ich suche eine glückliche Seele, derer ich mich bedienen kann. Kinder sind glücklich.“
Mir entwischt ein glucksendes Schnauben, die Situation ist zu absurd. „Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen“, antworte ich und versuche, meiner Stimme einen festen Klang zu geben. Die Kreatur schaut mich mit einem grotesk verzerrten Gesichtsausdruck an. „Achso?“
„Ich bin nicht glücklich!“ Ich schreie es hinaus und spüre dabei, wie die Geisterfinger mich langsam loslassen. „Ich habe meine Eltern verloren, ich habe kein Zuhause mehr, ich habe keine glückliche Seele für dich!“
Ich spüre, wie die unsichtbaren Finger an mir entlangstreichen, es ekelt mich an. Sie fühlen in mich hinein. Ich zittere unkontrolliert und schlinge beide Arme um mich.
„Aber du musst glücklich sein, ich spüre es genau. Dein kleines Herz pocht, es will leben! Wer will denn leben, wenn er nicht glücklich ist?“

Das Gesicht des Clowns beginnt zu bröckeln. Zuerst sehe ich, wie sich kleine Risse entlang des Nasenrückens bilden. Dann springen diese auf, verzweigen sich immer mehr. Das Gesicht wird zu einer Maske, die langsam in sich zusammenfällt. Dahinter sehe ich nichts als Schwärze.
„Ich brauche einen neuen Körper, eine neue Seele!“ Er kreischt, springt dabei auf und stürzt sich auf mich. Das Gesicht ist kaum noch zu erkennen, doch dort wo einst der rot geschminkte Mund war, sind plötzlich spitze Zähne zu sehen. Etwas zerrt an mir, ich muss mich wehren! Aber wie?

Hast du den Haufen im Vorzelt durchwühlt?

Ja!

Nein, aber vielleicht hätte ich das tun sollen?!

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Nein!

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Zu spät fällt mir ein, dass ich mich um eine Waffe hätte kümmern sollen, irgendetwas, mit dem ich mich nun hätte wehren können.  Doch ich stehe vor dem Monster, das sich vor meinen Augen immer mehr auflöst, die spitzen Zähne glitzern direkt vor meinen Augen und ich spüre, wie es seine Seele in meinen Körper hinein presst. „Vielleicht hätte ich ja doch noch ein glückliches Leben gehabt“, ist das Letzte, das ich denken kann. Ich spüre, wie diese Kreatur der Hölle sich aus seinem alten Körper in meinen hineinpresst.

Du fällst in dich zusammen, dein Unterbewusstsein nimmt nur noch entfernt wahr, wie dein Körper von einer anderen Präsenz übernommen wird. Dann entweicht auch das letzte bisschen deines Selbst hinaus in die abgestandene Luft der Manege, in der es noch immer entfernt nach Popcorn und Zuckerwatte duftet. Ein schrilles Lachen, und dann nur noch … Stille.

Ende.

Möchtest du vielleicht doch noch einmal in dem Haufen nachschauen?

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Ja!

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Ich stehe vor dem Monster, das sich vor meinen Augen immer mehr auflöst, die spitzen Zähne glitzern direkt vor meinen Augen. „Vielleicht hätte ich ja doch noch ein glückliches Leben gehabt“, ist das Letzte, das ich denken kann. Ich kann fühlen, wie diese Kreatur der Hölle sich aus seinem alten Körper in meinen hineinpresst.

Doch halt!
Ich spüre den Knochen, den ich zuvor gefunden habe mehr, als ich ihn in meiner Hand sehe. Ich weiß, dass das meine einzige Chance ist. Mit einer unglaublichen Anstrengung reiße ich den Arm hoch. Alles in mir protestiert dagegen, die Lähmung, die mich ergriffen hat, will nicht von mir weichen! Doch mein Wunsch steht fest, ich will leben, ich will wahrhaft glücklich werden. Trotz aller Schicksalsschläge glaube ich noch immer an das Gute im Leben. Ich hole mit dem Knochen aus und schlage ihn auf den Schädel des Clowns. Nochmal und nochmal, es knirscht und er bricht schließlich komplett in sich zusammen. Ein hoher Schrei, ein verzweifelter Ausruf dringt aus dem Inneren hinaus. Die Schwärze, die ich vorher schon wahrgenommen hatte, fließt aus dem willenlos zuckenden Körper hinaus. Angewidert springe ich einen Schritt zurück, den Knochen noch immer hoch erhoben.

Minutenlang stehe ich so da und kann mich nicht rühren. Dieses Mal nicht, weil mich etwas Fremdes festhält, sondern aus Angst. Was, wenn es sich erneut erhebt? Doch dann halte ich es nicht mehr aus. Ich werfe den Knochen von mir, er scheint mit Teer verklebt zu sein. Dann hält mich nichts mehr. Dem zusammengefallenen Clownskostüm werfe ich einen letzten Blick zu, dann renne ich hinaus aus der Manege, hinaus aus dem Zirkuszelt. Hinter mir erlischt der Scheinwerfer und taucht alles in Dunkelheit. Doch der Mond steht noch immer hoch am Himmel und leuchtet mir meinen Weg. Wie konnte ich den vorhin nur übersehen haben? Egal – Bloß weg!

„Ich will leben. Ich will glücklich sein.“ Mit diesem Gedanken haste ich durch den Wald. Als die ersten Vögel zu zwischtern beginnen, erreiche ich völlig erschöpft den Waldrand. Als ich mich umsehe, erkenne ich, dass ich nicht weit von dem Heim entfernt herausgekommen bin, in dem ich seit dem Unfall lebe. Wie ich die Umgebung nicht schon erkannt habe, als ich hier aufgewacht bin, kann ich mir nicht erklären. Aber ich laufe erleichtert die letzten Meter bis zu dem alten Haus, bis nach Hause.

Ende.

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6 Comments on “[Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 3: Ende oder Anfang?

  1. Pingback: [Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 2: Willkommen, willkommen! – Buchperlenblog

  2. Liebste Gabriela, endlich komme ich dazu mir noch den Schluss dieser unglaublich grandiosen Geschichte zu lesen! Und oh, zum Glück habe ich den Haufen durchwühlt! Super geschrieben, spannend, gruselig und hoffnungsvoll! Grosses Kompliment an dich! ❤

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