[Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 2: Willkommen, willkommen!

Hallo und herzlich willkommen zurück, mutiger Leser! Gestern hast du mich auf meinem Streifzug durch den düsteren Wald begleitet. Heute geht unser Abenteuer weiter! Du bist noch gar nicht im Wald gewesen? Dann aber husch husch und zurück auf Anfang! Für alle anderen gilt: Augen öffnen und Umsicht wahren, es könnte lebenswichtig sein. Und denkt immer daran: Ihr habt die Geschichte in der Hand!


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Als ich endlich wieder die Augen aufschlage, sehe ich ein altes, verwahrlostes Zirkuszelt vor mir. Die Plane des Zeltes leuchtet im blassen Mondschein blau und weiß gestreift, an manchen Stellen ist sie eingerissen. Einige lange Fetzen hängen knapp über dem Boden und bewegen sich sacht im Wind.

Ein Krächzen lässt mich aufschauen. Die Silhouette einer Krähe wird auf der Spitze des Zeltes sichtbar. Warum nur habe ich das Gefühl, dass sie mich beobachtet? Eine Gänsehaut überzieht meine Arme und mir wird kalt. Ob ich einen Blick in das Innere des Zelts riskieren sollte? Wer weiß, wer sich hier draußen außer mir und der Krähe noch so herumtreibt.

Was tust du?

Erst einmal einen Rundgang um das Zirkuszelt machen!

Die Umgebung ist mir zu unheimlich, ich betrete sofort das Zelt!

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Ich untersuche den Haufen näher.

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Ich mache einen vorsichtigen Schritt auf den Haufen zu. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mich gleich etwas anspringen wird. Sollte ich nicht lieber doch die elende Neugier besiegen und stattdessen weitergehen?
Nein.

Möglich, dass ich etwas wichtiges finden könnte. Ich strecke die Hand aus, taste mich durch die künstliche Haarpracht, spüre, wie das drahtige Haar sich um meine Fingerspitzen zwirbelt. Ruckartig reiße ich die Perücke zur Seite und weiche erschrocken einen Schritt zurück. Darunter wimmelt es von Maden! Weiß und dick schlängeln sie sich blindlings auf mich zu. Geht weg von mir! Ich hole mit dem Fuß aus und zertrete angewidert zwei oder drei der ekligen Kreaturen. Der ausgebeulte Rest einer weiten Hose fällt mir ins Auge. Irgendetwas scheint darunter verborgen zu sein. Mit spitzen Fingern – denn wer weiß, welch ekelhaftes Getier mich noch erwartet! – hebe ich die Hose auf. Ein langer Knochen stakt aus dem Kleiderbündel heraus. Ich hebe eine Hand zum Mund, die Übelkeit lässt sich kaum zurückhalten. Es scheint sich um einen menschlichen Oberschenkelknochen zu handeln, schießt es mir überraschend abgeklärt durch den Kopf. Welche arme Seele hat hier ihr Leben gelassen? Ohne richtig darüber nachzudenken, ergreife ich den Knochen und schließe meine Finger fest darum. Was auch immer hier vor sich geht, es ist besser, wenn ich mich wehren kann!

Vorsichtig gehe ich weiter.

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Erst einmal einen Rundgang um das Zirkuszelt machen!

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Ich entscheide mich dafür, erst einmal die nähere Umgebung zu erkunden. Man weiß schließlich nie, wer einem alles in der Dunkelheit auflauert. Sorgfältig inspiziere ich den Platz vor dem Zirkuszelt. Die Krähe scheint das einzige Lebewesen weit und breit zu sein. Ihr heißeres Krächzen lässt mich an alte Horrorfilme denken. Waren Krähen nicht die Boten des Todes? Ich versuche die unangenehmen Gedanken zur Seite zu schieben und mich auf das unmittelbar vor mir liegende zu konzentrieren. Während ich das Zelt umrunde, dringt süßer Popcorngeruch in meine Nase. Zuerst riecht es ganz lecker, etwas klebrig, vermischt mit dem Geruch nach Zuckerwatte. Doch schon beim zweiten Atemzug wird mir übel. Die Süße wirkt vergoren, abgestanden und alt. Ich versuche flacher zu atmen und halte mir dabei eine Hand vor die Nase.

Das Mondlicht fängt sich auf etwas Verborgenem im Hintergrund, es glitzert leicht. Als ich genauer hinschaue, entpuppt es sich als ein metallenes Gitter, dass sich in den Schatten des Zeltes versteckt. Ein großer Tierkäfig! Als ich näher trete, sehe ich kleine und große Knochen darin liegen, kein Stückchen Fleisch findet sich mehr daran. Wenn ich vorher schon Bedenken hatte, so habe ich nun wirklich Angst. Wie lange steht dieser Zirkus schon hier? Ich will meine Augen abwenden, doch mein Blick bleibt an einem menschlichen Schädel hängen. Die Schädeldecke ist gesplittert, vielleicht von mächtigen Zähnen geknackt. Oh Gott, ich muss hier weg – und zwar schnell! Der Wald um mich herum scheint immer dichter zu werden, unsichtbare Augen starren mich an. Ich sehe den Weg nicht mehr, also bleibt mir nichts weiter übrig, als nun doch das Zirkuszelt zu betreten. Ich atme tief durch, ignoriere den ranzigen Popcorngeruch und

betrete das Zelt.

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Ich betrete das Zelt!

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Der Geruch nach Popcorn, den ich bereits draußen wahrgenommen habe, ist hier im Vorzelt noch stärker vorhanden. Aber noch etwas anderes liegt in der Luft, ein Geruch nach etwas ursprünglicherem, etwas nicht greifbares, es riecht nach … Angst. Mich ergreift eine unkontrollierbare Furcht, ich will meine Augen schließen und mich so lange kneifen, bis ich endlich wieder daheim in meinem Bett aufwache! Der Schrei der Krähe lässt mich zusammenzucken, alles ist real. Ich bin wirklich hier. Und ich spüre, dass mich etwas tiefer in das Zeltinnere zieht. Jemand erwartet mich.

Das Zelt ist schummrig erleuchtet, ein fluoreszierendes Blau flimmert aus einer Ecke und lenkt meinen Blick auf einen Haufen Stofffetzen. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass es sich um ein altes Kostüm handeln muss. Eine blonde Perücke, ein seidenes rotes Kleid, gewagt. Vielleicht für eine Tänzerin, die hier früher das Publikum verzaubert hat?

Was tust du?

Die Neugier siegt, ich muss den Haufen näher untersuchen!

Warum sollte ich in alten Sachen wühlen, lieber gehe ich gleich weiter.

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Ich gehe vorsichtig weiter.

Plötzlich knackt es deutlich hinter mir. Ich höre ein schabendes Geräusch, eine Nadel, die auf Vinyl trifft. Dann setzt entsetzlich laute Zirkusmusik ein. Sie erfüllt das große Vorzelt und die Luft um mich herum, steigert sich zu einem schrillen Crescendo aus Trompeten und Pauken. Die sonst so fröhliche Musik, die einen Zirkus untermalt, entgleitet immer schneller in Klänge aus der Hölle. Es brummt und kreischt, und bricht endlich komplett ab. Doch die Stille, die sich daraufhin breitmacht, ist noch viel entsetzlicher. Denn in ihr spüre ich eine fremde Präsenz, etwas, dem ich nicht entkommen kann.

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Klamme Finger strecken sich aus, greifen nach meinem Herzen, meiner Seele. Unaufhaltsam machen meine Füße einen Schritt vor den anderen. Schließlich stehe ich am Eingang zur Manege. Hier drinnen ist es finster, eine ausfüllende Schwärze hat von dem hohen Raum Besitz ergriffen. Als ich glaube, dass ich es keine Sekunde mehr aushalten kann, blendet mich ein einzelner Lichtstrahl. Von oben herab schwenkt er einmal durch die leere Manege und bleibt schließlich in der Mitte des Zeltes stehen. Direkt in dem Lichtkegel sehe ich – oh Gott, ich kann es nicht glauben! – eine zusammengesunkene Figur. Sie sitzt unbeweglich da, ich sehe flammend rote krause Haare. Eine gestreifte Hose aus Ballonseide, Pompoms auf der Jacke anstelle von Knöpfen. Plötzlich hebt sich der Kopf ruckartig, es blickt mich direkt an. Blitzende, schwarze Augen, gebleckte Zähne. Es grinst mich an und sagt:

„Endlich.“

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Continue.

 

6 Comments on “[Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 2: Willkommen, willkommen!

  1. Pingback: [Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 1: Aufgewacht – Buchperlenblog

  2. Guten Morgen Liebes!
    Wie unglaublich gut 😀 und ich war sooooo angewidert von den Maden! Und habe nun wirklich Angst vor Morgen… wie wird es weiter gehen? Ich hoffe der Protagonist kommt da heil wieder raus!
    Riesen Kompliment für diese wunderbare Idee!

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: [Eine Halloween-Erzählung] Kapitel 3: Ende oder Anfang? – Buchperlenblog

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