[Rezension] Lize Spit – Ich bin nicht da

Großartig erzählt!

Werbung | Autor: Lize Spit | Titel: Ich bin nicht da |
Übersetzung: Helga van Beuningen |
Erscheinungsdatum: Juli 2022 | Verlag: S. Fischer |
571 Seiten | Genre: Roman

Bewertung: 5 von 5.

„Wenn du angeblich Leo bist, warum hast du dann geklingelt? Leo hat den Schlüssel.“

(S.274)

Inhalt

Leo und Simon sind seit zehn Jahren ein Paar, sie geben sich gegenseitig Halt, unterstützen sich so gut sie können. Bis Simon eines Nachts nach Hause kommt, mit einem Tattoo hinter dem Ohr und der fixen Idee, sich selbstständig zu machen. Während er zusehends in einen Rausch verfällt, schaut Leo ihm hilflos dabei zu, nicht wissend, wie sie eingreifen soll, ob sie überhaupt eingreifen soll, und wann die Welle über ihnen einstürzen wird.

Rezension

Schonungslos ehrlich

Lize Spit hat mich vor einigen Jahren schon nachhaltig von sich überzeugt, als sie ihren Debüt-Roman Und es schmilzt herausbrachte. Also war die Erwartungshaltung ihrem zweiten Roman gegenüber natürlich ziemlich hoch. Und was soll ich sagen, sie konnte mich erneut komplett von sich überzeugen!

Die Geschichte von Leo und Simon wird in zwei Zeitebenen erzählt. Wir beginnen zehn Minuten vor dem großen Finale, etwas, das Simon tun wird oder schon getan hat und das Leo bereits in ihrer Fantasie zu katastrophisieren scheint. Aber wie kam es dazu, dass aus Leo und Simon, einem gut eingespielten Paar, etwas wird, das aus Furcht, Misstrauen und Entsetzen besteht? Wenn man seinem Partner, den man liebt, und dem man vertrauen sollte, etwas Grauenhaftes zutraut?

Das erzählt uns Leo häppchenweise. Sie arbeitet in einem Laden mit Umstandskleidung, während sie eigentlich Schriftstellerin sein möchte. Er ist in der Grafik tätig, will sich plötzlich selbstständig machen und schmeisst seinen Job hin. Natürlich, da schrillen Leos Alarmglocken bereits, denn das Geld saß bei den beiden noch nie sonderlich locker. Und doch will sie ihren Partner natürlich unterstützen, ihm eine gute Freundin sein. Dabei sieht sie allerdings nur zu deutlich die Abgründe, die hinter seinen aufgerissenen Augen lauern, die Schlafprobleme, die zunehmende Hektik in seinem Verhalten – und das wachsende Misstrauen allem und jedem gegenüber. Simon steigert sich immer mehr in Verschwörungen ihm gegenüber hinein, verdächtigt alle, ihn zu bespitzeln und niedermachen zu wollen.

Wer sich mit psychischen Erkrankungen schonmal ein wenig auseinandergesetzt hat, der wird diese Symptome hier bald richtig einordnen können. Was Lize Spits Roman besonders eindringlich macht, ist die Sicht Leos auf ihren Partner, das Wissen, ihm nicht helfen zu können, obwohl man alles für den geliebten Menschen tun möchte. Die Zurückweisungen seinerseits, die Anschuldigungen, das Gefühl, nie richtig handeln zu können, ganz gleich was man tut. Der hilflose Versuch, ihn vor den anderen schützen zu wollen, zu verschweigen, was so dringend besprochen werden sollte.

Dabei hat Lize Spit eine wunderbar einprägsame Art zu schreiben, manchmal lakonisch, manchmal schonungslos offen erzählt sie von den großen und kleinen Schrecken im Alltag, wenn man einen Menschen liebt, der immer wieder in das eine oder andere Extrem zu kippen droht. Und die seltsame Leere dazwischen.

Fazit

Absolute Leseempfehlung. Erschütternd, grausam und zugleich liebevoll – all diese Seiten vereint Lize Spit in diesem Roman zu einer Geschichte, in der es nicht nur um eine psychische Erkrankung geht, sondern vor allem darum, wie hilflos wir manchmal dem Leben gegenüberstehen.

Bewertung im Detail

Handlung ★★★★★ ( 5 / 5 )

Atmosphäre ★★★★★ ( 5 / 5 )

Charaktere ★★★★★ ( 5 / 5 )

Sprache ★★★★★ ( 5 / 5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )

5 ★★★★★

Mehr von Lize Spit

Und es schmilzt

4 Comments on “[Rezension] Lize Spit – Ich bin nicht da

  1. Schönen guten Morgen!

    Ich hab das Buch ja auch vor kurzem gelesen und mich hat es auch sehr beeindruckt. Ich kenne das Krankheitsbild bzw. ein ähnliches aus sehr naher Erfahrung und wusste erst auch gar nicht, ob ich es lesen soll. Mich hat auf jeden Fall fasziniert, wie gut sie das ganze beschrieben hat, gerade auch aus der Sicht von Leo.
    Ein sehr eindringliches und intensives Werk, ich fand es äußerst gelungen!

    Liebe Grüße, Aleshanee

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Aleshanee!
      Da geht es dir wie mir, ich habe auch vieles aus dem näheren Freundeskreis wiedererkannt, und ebenso Leos Hilflosigkeit in vielen Situationen. Ich bin auf jeden Fall mächtig beeindruckt von Lize Spit, nach wie vor.

      Liene Grüße!
      Gabriela

      Gefällt mir

  2. Hallo Gabriela,

    das Buch steht noch auf der Wunschliste – allerdings sollte ich vielleicht erstmal „Und es schmilzt“ lesen, das hier schon wahre Ewigkeiten wartet… (Da habe ich mich nie so recht rangetraut, weil es ja wirklich sehr heftig sein soll.)

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

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