[Writing Friday] Die alte Mühle

Sie sind vollzählig. Freunde seit Kindertagen, haben sie sich zusammen eingefunden, um dieses letzte Ritual gemeinsam zu vollziehen. Um Eintritt zu erhalten in diese alte Gemeinschaft, die jeder kannte und niemand je drüber sprach. Vier Freunde, die sich schon früher gegenseitig verteidigten, die sich blind vertrauen. Und nun also diese Mutprobe.

Zunächst klang die Aufgabe lächerlich. Sie sollten sich eine Nacht lang in den alten Mauern der stillgelegten Mühle einfinden. Früher ein malerischer Ort, wie einer Zeichnung eines romantischen Künstlers entsprungen, von blühenden Wiesen umgeben, ein sprudelnder Fluss, der das Mühlenrad antreibt. Der Müller und seine Familie, immer freundliche Menschen, eines Morgens jedoch verschwunden. Blutige Gerüchte waberten durch das Dorf, von zuschlagenden Fenstern in der Nacht war die Rede, von geisterhaften Gestalten auf dem Dach. Einer wollte des Nachts den Müller mit einer Axt in der Hand übers Feld rennen gesehen haben. Lächerlich, denken die Anwesenden, während sie in der schnell aufziehenden Dämmerung vor dem verfallenen Gebäude stehen. Wenn er seine Familie umgebracht hätte, dann hätte man die Leichen doch gefunden. Und Blut. Literweise Blut. Vielleicht ein paar abgetrennte Gliedmaßen der Müllersfrau oder ihrer bildschönen Tochter mit dem flammend roten Haar. Doch nichts fand man, keine Spuren, kein Blut. Keine Leichen. Die Familie war einfach nicht mehr da.

Der Mond geht auf, rund und schwer hängt er am Himmel. Es wird Zeit. Einer der Freunde schluckt seine Zweifel runter, lässt sie die Kehle hinab rinnen wie alten Whiskey. Schüttelt sich dabei leicht, spricht sich im stillen selber Mut zu. Nie würde er vor den Anderen seine Angst zugeben, Freunde oder nicht. Sie würden ihn damit aufziehen, wenn auch nur im Spaß. Er blickt in die vertrauten Gesichter, sieht in ihnen jene Zuversicht, die sie stets an den Tag legen. Er mimt sie nach, gibt sich ebenfalls den Anschein von Mut. Jetzt also hinein in dieses angebliche Geisterhaus.

Die Tür schwingt knarrend hinter ihnen zu, der Flur liegt in tiefster Dunkelheit. Wer hat die Taschenlampe?, fragt einer und streicht sich dabei ein paar Spinnweben aus dem Gesicht. Das Zucken der Schultern sieht man kaum, keiner hat daran gedacht. Dann eben ohne, denkt der Fragende. Sie erkunden die Räume, zunächst die Küche, in der noch immer die Überreste der letzten Mahlzeit stehen und vermutlich zu Staub zerfallen, rührte man sie einmal an. Ein Knistern in der Ecke, tappende Krallen über den Holzboden. Vermutlich Ratten, denkt der Ängstliche und schluckt erneut. Die mag er nun wirklich nicht.

Schaut her!, ruft einer gedämpft vom anderen Ende des Hauses, wohin er sich bereits allein vorgearbeitet hat. Ein Teich!, staunen sie alle. Von dem hatte ihnen keiner erzählt, den sollte es nicht geben. Und ein Glimmen scheint über ihm zu liegen, vielleicht vom Mondlicht entfacht, vielleicht ein geheimer Zauber. Ist schließlich ein Spukhaus, denkt der Jüngste von ihnen. Seerosen, weiß und rosa, scheinen über ihm zu schweben. Die Blüten voll, die Blätter in sich verwachsen.

Ein Poltern von oben lässt sie erschrocken zusammenfahren. Nun wäre eine Taschenlampe doch sinnvoll, denkt der Fragende, und wundert sich über ihre eigene Dummheit. Lasst uns nachsehen, sagt einer und versucht, seiner Stimme eine Unerschrockenheit zu verleihen, die er so nicht empfindet. Der Ängstliche drückt die Knie zusammen, sie zittern leicht. Vielleicht passe ich hier unten auf, und ihr schaut nach?, flüstert er und hofft fast, dass sie ihn einfach nicht beachten. Schon gut, sagt einer und geht voran. Acht Füße tasten sich durch die Dunkelheit in den Flur zurück, und dann sechs die Treppe hinauf. Unten hält sich der Ängstliche am Geländer fest, blickt zweifelnd auf die schattenhaften Umrisse seiner Gefährten. Die Stufen knarren bei jedem Schritt, natürlich tun sie das, und dann sind sie verschwunden. Siehst du was?, hört man sie fragen. Dinge werden aus dem Weg geschoben, einer stößt sich das Knie an einer hervorstehenden Kante und flucht verhalten. Der Zurückgelassene wartet, den Blick unverwandt auf den Treppenabsatz gerichtet. Etwas hinter ihm atmet. Nur Ratten, denkt er. Nur. Ratten. Doch Ratten atmen einem nicht in den Nacken und er fährt mit einem Schrei herum. Da ist nichts und doch spürt er, wie sich die Härchen an seinen Armen aufrichten. Etwas berührt seine Hand, kalt und tot. Das Grauen bricht durch seinen Verstand, vernebelt seine Sinne und schon findet er sich bei seinen Freunden wieder, die ihn unverwandt anstarren. Das bleiche Licht des Mondes erhellt das Schlafzimmer der verschollenen Familie, doch ihre Gesichter sind noch weitaus bleicher. Stumm zeigt einer nach draußen, auf den schimmernden Teich mit all den Seerosen. Zitternd tritt der Letzte vor, wirft einen Blick hinab. Und sieht, was da so schimmert. Knochen. Zu Dutzenden werfen sie das Licht des Himmels zurück.

Wir sollten verschwinden, flüstert einer und nimmt die Hand eines Freundes in seine, zieht ihn bereits Richtung Treppe zurück. Doch nun hören sie das Poltern erneut, nicht aus der Ferne, sondern hier. Schritte nähern sich, und bleiben schließlich direkt vor ihnen stehen. Sie sehen nichts, was vielleicht gut ist, vielleicht auch nicht, und der Eine fragt sich wieder, warum sie – verdammt nochmal! – kein Licht dabei haben. Rennt!, ruft er und stürmt voran, fliegt die Stufen beinahe hinunter, hört die Anderen hinter sich, und steht schon vor der Eingangstür. Nur geht die nicht mehr auf. Er rüttelt, sie rütteln alle, verzweifelte Flüche werden laut. Die polternden Schritte folgen ihnen über die Treppe hinunter, langsamer zwar aber unerbittlich. Kein Gerücht, denkt der Jüngste noch.
Dann denkt keiner mehr.

Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Die heutige Aufgabe lautete Schreibe eine Geschichte und lasse folgende Wörter mit einfliessen Spukhaus, Grauen, Freunde, Mutprobe, Seerose

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

Weitere Teilnehmer sind:

4 Comments on “[Writing Friday] Die alte Mühle

  1. Wow. Wirklich schön schauerhaft. Faszinierend, dass das bei dieser Form dir so gut gelungen ist. Ich meine, man kennt die Charaktere kaum, dh man baut keine direkte Beziehung auf, und trotzdem war ich voll drinnen und habe mirgefiebert. Echt gelungen!

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    • ♥ Dankeschöööön! Ich finds immer sehr spannend, ein bisschen mit den Erzählformen herumzuspielen, was einem vllt liegt und was nicht. Ich freu mich auf jeden Fall sehr, dass ich dich mitreißen konnte =)

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