[Writing Friday] Spuren im Schnee

Noch bevor sie gänzlich wach war, spürte sie es schon. Etwas lag in der Luft, etwas … fremdes und … kaltes. Ihre Nase zuckte zitternd, und sie sog den Duft des noch frühen Morgens erwartungsvoll ein.

Vorsichtig reckte das junge Tier sein dreieckiges Köpfchen aus dem Loch im Baumstamm. Die großen Pinselohren waren lauschend aufgestellt und die schwarzen Augen weiteten sich erstaunt. Denn die Welt, wie sie es kannte, war verschwunden. Stattdessen sah sie nur noch weiße Leere, soweit das Auge reichte. Nichts als pulveriges Weiß, hier und da mit einigen Fußspuren anderer Lebewesen verziert. Was sollte das sein?

Aufgeregt huschte sie in ihren Kobel zurück, was sollte sie nun tun? Sie spürte ein dumpfes Hungergefühl in sich und erinnerte sich vage der vielen Nüsse und Samen, die sie im Laufe der vergangenen Tage gesammelt und mühsam versteckt hatte. Dabei hatte sie nicht gewusst, warum sie es tat. Sie folgte lediglich ihrem Instinkt. Und dieser trieb sie nun auch unwiderruflich nach draußen in diese neue Welt.

„Schau nur, Klara, wie schön dieser Morgen ist!“ Glockenhell erklang ein Lachen nach den Worten der Mutter. Anstatt zu antworten, flitzte Klara mit wehenden Haaren an ihrer Mutter vorbei und sprang mit einem Satz in den nächsten herrlichen Berg aus frisch gefallenem, blendend hellem Schnee. Die Sonne ließ die Eiskristalle glitzern und Klara wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass dieser Tag niemals enden würde.

Das Wasser der Pfütze war kristallklar – und gefroren. Das junge Eichhörnchen kratzte und scharrte mit den Pfötchen dran herum, doch weder konnte sie die gefrorene Schicht knacken, noch fand sie anderweitig Wasser. Oder die so sorgfältig von ihr versteckten Vorräte. Mittlerweile stand die Sonne schon ziemlich tief und das unterschwellige Grummeln in ihrem Bauch war nun zu einem nagenden Hungergefühl geworden. Niemand hatte sie auf diese weiße Hölle vorbereitet, sie kannte sich nicht aus in dieser Welt aus immer gleich erscheinenden Silhouetten. Wo war der Baum mit den drei niedrigen Ästen, unter dem die feinen Haselnüsse lagen? Wo der Baum mit den leuchtend roten Blättern, unter dem sie die Fichtensamen vergraben hatte und dabei fast von einem Baummarder erwischt worden war? Sie flitzte weiter, hinterließ winzige Spuren im glänzenden Schnee.

„Hier irgendwo muss es doch gewesen sein, oder, Mama?“ Klaras Freude von vor wenigen Stunden war einer hoffnungslosen Ratlosigkeit gewichen. Erst spät nach dem morgendlichen Tanz im ersten Schnee des WInters war Mutter und Tochter aufgefallen, dass Klaras rote Wollmütze verschwunden war. Sie gingen all die Wege ab, die sie seit ihrem Spaziergang im Wald genommen hatten, doch keine Mütze weit und breit. Nun endlich waren sie wieder da, wo der Tag begonnen hatte. Klara konnte noch immer den Schneeengel erkennen, den sie auf der Wiese gleich mehrmals mit Armen und Beinen gebildet hatte. Zu ihren Fußabdrücken gesellten sich verschiedene Pfotenabdrücke. Vogelspuren konnte sie erkennen, wie sie sich emsig hüpfend vorwärts bewegten. Und da waren auch noch andere, kleine mit Krallen. Klaras Augen folgten den letzteren mit einer Mischung aus Faszination und Bestürzung. Das sah sehr hektisch aus, wie sie links und rechts um die Bäume herum verliefen, vor und zurück, und tief in Klaras Innerem regte sich sofort ihr Mitgefühl. Wer mochte hier wohl ebenfalls etwas verloren gegangenes gesucht haben?

Plötzlich hielten ihre Augen inne, und mit einem jauchzenden „Mama! Mama, schau nur!“, rannte Klara den Spuren im Schnee hinterher, denn … Ja, dort, unter einem Baum, lag ihre Mütze. Seltsamerweise endeten auch die Spuren im Schnee genau hier. Mutter und Tochter sahen sich lächelnd an. „Sei vorsichtig“, mahnte die Mutter leise, während sich Klara bereits in den Schnee fallen ließ und langsam ihre Hand nach der Mütze ausstreckte. Etwas regte sich darunter, das konnte sie eindeutig erkennen. SIe lupfte die verloren geglaubte Mütze ein Stückchen, stieß einen spitzen Schrei aus und ließ sie wieder fallen. Schwarze Knopfaugen hatten sie angeblinzelt!

Nun war es an der Mutter, sich die Sache einmal genauer anzuschauen. Auch sie hob vorsichtig – und nur mit zwei Fingerspitzen – die wollene Mütze ihrer Tochter an, und tatsächlich! Darunter hatte sich ein kleines Eichhörnchen verborgen. Das kleine pelzige Ding hatte sich eingeringelt und schien sich vor Schreck nicht rühren zu können. „Was machen wir mit ihm?“ Klara blickte ihre Mutter mit großen Augen an. „Wir können es doch nicht einfach hier liegen lassen!“
„Nein…?“ Die Mutter überlegte fieberhaft, aber auch ihr tat das verängstigte Tier leid.
„Können wir …?“
„Nein, Klara, wir können es nicht behalten, Wildtiere gehören in den Wald. Aber vielleicht …“ Der Rest ihrer Gedanken ging im erneuten Quietschen ihrer Tochter unter. Das Eichhörnchen war nun doch auf und davon gesprungen, flog in Windeseile über den verharrschten Schnee seinem Kobel entgegen. Klara blickte ihr nachdenklich hinterher. „Können wir morgen ein paar Haselnüsse mit in den Wald nehmen? Ich habe das Gefühl, als hätte dieses Eichhörnchen heute auch etwas gesucht.“

Ihr Hungergefühl war noch immer so beißend wie gestern, doch sie spürte, dass sie heute mehr Glück haben würde. Der erneute Anblick des Schnees machte ihr nun schon weniger Sorgen, und nachdem sie sich ein wenig orientiert hatte, fand sie auch endlich eines ihrer Verstecke wieder. Und mehr noch, denn irgendwer hatte einige Nüsse unter den Bäumen im Wald verteilt, so dass neue Verstecke angelegt werden konnten.


DerWriting Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Heute habe ich eine Geschichte geschrieben, bei der die Worte Schnee, herrlich, kristallklar, aufgeregt, Wollmütze vorkommen sollten. Na, habt ihr alle gefunden?

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

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