Liebe Bücherfreunde – werte Geschichtenliebhaber!
Nachdem wir uns nun gestern in den kleinen französischen Ort Petite Rivée begeben und dort die Zeitung aufgeschlagen haben, sollten wir nun die Ohren spitzen, denn die Dorfbewohner haben einiges zu berichten …
Wer noch nicht soweit ist, der sollte vorher hier zu Kapitel 1 huschen.

„Hallo Michelle! Warst du schon bei diesem Glasbläser?“
„Du meinst den Donati? Ich wollte schon, aber ehrlich gesagt, ich trau mich nicht allein hin.“
„Da geht es mir genauso. Diese Italiener sollen ja ganz schön dreist sein, nach allem, was man so hört.“
„Hallo, worüber redet ihr denn da? Etwa über den Kunsthandwerker? Ich habe auch schon so einiges zu Ohren bekommen, das kann ich euch aber sagen!“
„So? Belästigt er etwa wirklich Frauen?“
„…“
„Nun sagen Sie schon, Madame. Ist er einer von denen?“
„Nein, es ist ganz anderer Art. Aber Ihr werdet mir vermutlich sowieso nicht glauben, wenn ich euch sage, dass…“
„Nun rücken Sie schon raus mit der Sprache!“
„Na gut, bien. Ich habe gehört, dass es bei ihm spukt!“
„Ach, seien Sie doch nicht albern. Es gibt doch keine Geister! Was sagt man dazu, Marie, spuken. Pah!“
„Sie wollen uns wohl auf den Arm nehmen, wie? Nur weil wir nicht so fein sind wie Sie …“
„Nein, nein! Wirklich nicht! Der Bäcker hat es mir heute morgen erzählt!
„Der Bäcker?“ „Der Bäcker?“
„Oui, oui! Er war mit seiner Frau gestern abend bei diesem Donati, sie brauchte unbedingt eine neue Vase, und ihr wisst ja beide auch, wie sie ist. Also waren sie gestern Abend in seinem Pavillon, und am Anfang war auch noch alles trés chic, aber dann …“
„Was ist dann passiert? Sagen Sie es uns, Madame!“
„Seine Frau, die Elise, meint, sie hätte einen Schatten in den Gläsern gesehen. Einen sich bewegenden, eingeschlossenen Schatten.“
„Einen Schatten, sagen Sie?“
„Das hat sie sich doch bestimmt nur eingebildet! Manchmal geht die Fantasie mit der Elise ganz schön durch, das kann ich Ihnen sagen.“
„Mag sein, aber sie ist felsenfest davon überzeugt. Sie sagt, der Schatten hätte pulsiert. Sie sagt, sie hatte das Gefühl, von ihm angestarrt zu werden.“
„Da läuft es mir ja eiskalt den Rücken hinunter, Madame. Und Sie glauben diese Geschichte?“
„Ich hätte sie nicht geglaubt, wenn nicht Madame Bodonné etwas ganz ähnliches beobachtet hätte. Die behauptet steif und fest, dass sie etwas in den gläsernen Figuren dieses Mannes gesehen hätte. Sie sagt, ihr hätten sich die Härchen auf den Armen aufgestellt, so ein Schauer überkam sie in diesem Moment. Sie wollte nur noch raus aus diesem Pavillon!“
„Madame, kann es denn wirklich sein? Ich gebe zu, meine Neugier ist geweckt! Zu gern würde ich selbst einmal die Werkstätte dieses Italieners betreten und mir die Gläser anschauen, die einen Geist beherbergen sollen.“
„Nein, Marie, ich rate dir dringend davon ab! Lass diese Gerüchte Gerüchte bleiben. In zwei Tagen wird er verschwunden sein, und unser Ort ist wieder so sicher wie eh und je.“
„Aber, Madame! Michelle, wollen wir nicht zusammen gehen, ja?“
„Sei mir nicht böse, Marie, aber ich bleib lieber doch daheim. Mir war von Anfang an nicht wohl bei dem Gedanken an diesen Fremden.“


![[Kurzgeschichte: Spiegelmagie] Gerüchteküche](https://buchperlenblog.com/wp-content/uploads/2019/10/uberschrift_spiegelmagie.jpg?w=500)





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