[Kurzgeschichte: Spiegelmagie] Alte Geschichten, neuer Mut

Liebe Bücherfreunde – werte Geschichtenliebhaber!

Nur noch wenige Stunden trennen uns vor dem Tag der Tage, an dem die Geister unsere Welt betreten können. In der Zwischenzeit hat Marie so einiges zu Tage gefördert über die Dinge, die sie gestern in der Gerüchteküche aufgeschnappt hat…

Noch nicht soweit? Hier geht es zu Kapitel 1 und hier zu Kapitel 2 der diesjährigen Halloweengeschichte.

uberschrift_spiegelmagie_kapitel3spiegelmagie_kapitel3_anfang.jpg

Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich natürlich nicht davon aus, aber man weiß ja schließlich nie, was passieren wird. Warum ich mich in diese Situation dann also überhaupt bringe, fragen Sie sich bestimmt. Neugier. Schlicht und ergreifend meine brennende Neugier. Schon mein Vater sagte immer, ich würde eines Tages das berüchtigte Kaninchenloch hinunterfallen, weil ich zu neugierig bin. Aber ich schweife ab.

In unserem kleinen Ort hat sich ein Glasbläser und Spiegelmacher aus Italien niedergelassen. Er wirbt mit extravaganten Figuren, Vasen, Spiegeln aller Art. Doch manche aus dem Dorf behaupten, einen Schatten in diesen Gläsern gesehen zu haben. Meine Freundin Michelle hat bei diesen Gerüchten direkt Reißaus genommen, aber ich bin am gestrigen Abend noch in die Bibliothek gelaufen. Und habe ungeheuerliches herausgefunden.

Die Familie Donati hatte ihre Wurzeln bereits im 17. Jahrhunderts in Italien weit ausgestreckt. Wahrscheinlich sind sie noch viel älter, doch die Register unserer Bibliothek reichen nicht weiter zurück. Sie nannten einst ein großes Schloss ihr Eigen, doch mit den Jahren verfielen sie immer mehr dem okkulten Glauben, ruinierten langsam Schritt für Schritt ihr eigenes Geschlecht und hätten sich bei einer Feierlichkeit zu Ehren Satans beinahe selbst ausgelöscht. Danach verliert sich ihre Spur für lange Zeit. Erst vor 30 Jahren trat mit Rusto Donati ein Nachfahre der berüchtigten Familie wieder in die Öffentlichkeit. Er eröffnete aus dem Nichts eine Glasbläserei, beschäftigte seine Frau und seinen Sohn in der Produktion und führt seitdem dieses Familienunternehmen mit Erfolg. Seine Figuren erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Arbeiten sind so filigran, dass sie beinahe überirdisch wirken. Eines Abends ereignete sich ein Großbrand in der Manufaktur, bei der seine Frau ums Leben kam. Seitdem ist er nicht mehr derselbe, reist ruhelos von Ort zu Ort, und scheint doch nirgends zufrieden zu sein. Mit der Zeit hat sich sein Sohn immer weiter von ihm abgewandt, er lebt nun in einem anderen Teil Italiens. Donati verkauft weiter erfolgreich seine Glasfiguren und Spiegel, doch auch schon früher wollen einige Besucher seiner wandernden Ausstellungen merkwürdige Schatten gesehen haben.

Nun, daraufhin habe ich mich ein wenig mit diesem Mythos beschäftigt. Es war nicht gerade einfach, denn unsere Bibliothek ist weniger gut ausgestattet, als ich mir erhofft hatte. Doch in einem der oberen Regale, vermutlich längst von den Mitarbeiterinnen vergessen, stieß ich auf ein altes Buch, dessen vergilbte Seiten sehr brüchig aussahen. Mit absoluter Vorsicht nahm ich es an mich und nun liegt es hier neben mir. ‚Spiegelmagie‘ lautet sein Titel. Es besteht aus einer Vielzahl an beschriebenen Ritualen, die scheinbar alle früher oder später im Bösen enden. Will der Anwender zum Beispiel, dass sein Glas die andere Welt anzeigt, so braucht er dafür einen Sud aus Spinneneiern, Sumpfmoos und dem Blut eines Jungtieres. Dann taucht man, laut der Beschreibung, das Glas hinein und erhält einen Blick in die Welt hinter dem Vorhang. Ich weiß nicht, inwiefern das funktionieren soll, aber mich interessierte auch vielmehr das Kapitel der Glasschatten.

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Was also, wenn Rusto Donati genau dieses Ritual vollzogen hat? Wenn es sich bei diesen angeblichen Schatten um seine tote Frau handelt, die als Geisterscheinung ruhelos in einem Spiegel gefangen ist? Was, wenn sie den Weg zurück ins Totenreich nicht mehr findet? Oder wenn er ihr auf ewig verwehrt wird durch das unselige Ritual der Spiegelmagie? Ich werde hingehen, noch heute Nacht. Wenn Donati schläft, muss ich den Schatten sehen, ich muss wissen, ob ich helfen kann. Ich muss einfach!

halloween_break_2018

To be continued.

10 Comments on “[Kurzgeschichte: Spiegelmagie] Alte Geschichten, neuer Mut

  1. Pingback: [Kurzgeschichte: Spiegelmagie] Gerüchteküche – Buchperlenblog

    • 😀 Aktuell verfolge ich genau dieses Ziel mit einer anderen Kurzgeschichte, glücklicherweise klopft der NaNo ja schon wieder an die Tür. ♥ Freut mich aber ungemein, dass dir diese Geschichte so gut gefällt! =)

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  2. Absolut. Eine wirklich geniale Grundidee. Und wunderbare Personen. Überleg doch noch einmal, ob du die Spiegelgeschichte nicht doch ausbauen willst! *bettel

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  3. Wird ja immer spannender. Ich finde Spiegel eh immer ein bisschen gruselig. Nachdem ich Mirrors gesehen hatte, habe ich eine Weile alle Spiegel verhangen. 😉
    Ich bin echt gespannt, wie es weiter geht.
    Grüße, Katharina

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  4. Huhu,
    ich bin total begeistert von deiner Kurzgeschichte. Das klingt alles so spannend und gruselig. Ich bin ja generell ein Fan davon wenn verschiedene Erzählweisen miteinander verwoben werden. Wie du es gemacht hast. Zuerst der Zeitungsartikel, dann die Gespräche und jetzt einen Brief. Ich bin auf weiteres gespannt. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

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    • Huhu Diana!
      Uiii vielen lieben Dank! Ich wollt das dieses Mal auch unbedingt ausprobieren mit diesen verschiedenen Stilmitteln, das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Ich hoffe auf jeden Fall, dass dir das Ende der Geschichte gefallen wird. 🙂

      Liebe Grüße!
      Gabriela

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  5. Pingback: [Kurzgeschichte: Spiegelmagie] Schatten in Glas – Buchperlenblog

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