[Writing Friday] Die letzte Prüfung

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Da stand sie, die Villa der Audleys. Alt und verlassen, während sich gespenstische Mythen um sie rankten, wie Dornröschens Rosensträucher um das verwunschene Schloss. Anna trat von einem Bein auf das andere, nervös und kurz davor einfach umzukehren, umzudrehen und nie wieder zurückzuschauen. Doch eine innere Stimme rief sie zur Vernunft. Es ist nur eine Prüfung, ein albernes Spiel, sagte sie sich. Du bist kurz drin und dann bist du gleich wieder hier draußen, hier wo die Sonne …scheint. Die Sonne schien nicht mehr. Dicke Regenwolken drängten sich eng zusammen, verdunkelten den noch vor wenigen Minuten strahlend blauen Himmel. Als wüssten sie um ein Geheimnis, das gleich gelüftet werden würde.
Ach, Unfug. Anna wischte die Gedanken mit einer unwirschen Handbewegung weg. Jetzt sei kein Angsthase und mach. Die anderen Kinder schauten sie mit großen Augen an, manche hämisch grinsend, andere wiederum offensichtlich froh, nicht selbst die alte Villa am Ende der Lincoln Street betreten zu müssen.
„Los, jetzt geh endlich rein, Anna. Ich hab meiner Mutter gesagt, dass ich zuhause bin, bevor es regnet!“ Susan zog die Augenbrauen nach oben, ungeduldig und leicht überheblich. Natürlich durften ihre hübschen roten Locken nicht nass werden, dachte Anna verdrossen. Um ihre Haare war niemand besorgt, niemand aus dem Heim, in dem sie lebte. Oder sonst irgendwer. Aber Anna hatte ja auch keinen mehr.

Kurzentschlossen warf sie den wartenden Kindern einen erbosten Blick zu, hob das Kinn an und stapfte ohne ein weiteres Wort den gepflasterten Weg hinauf zu diesem alten Haus.
Die Fassade war früher einmal schön gewesen, sagten die Dorfbewohner. Früher war nicht nur die Fassade schön gewesen. Früher war die Villa erfüllt mit Leben. Sieben Kinder waren durch den Garten gesprungen, hatten die Bauern der umliegenden Höfe geneckt und ihnen die Äpfel stibitzt. Sieben Katzen lagen nächtelang auf den Mauern, die den Garten umgaben, sieben Hunde bellten den Mond an und jeden, der sich dem Grundstück unerlaubt näherte. Doch dann wurde die Frau des Hauses verrückt, verlor von einem Tag auf den anderen ihren Verstand und ihren sonst so wachen Geist. Sie brachte sie alle um. Die sieben Kinder mit den blonden Löckchen, die sieben Katzen und die sieben Hunde. Ihren Mann erstach sie im Schlaf, noch bevor er die Tragödie hätte verhindern können. Schließlich sprang sie selbst vom Dach und Stille senkte sich für Jahre über die Villa. Heute munkelten die Dorfbewohner, dass die Geister der Toten die Villa von Zeit zu Zeit heimsuchten.

Anna betrat die halbverfallene Villa. Die dunklen Wolken am Himmel verschärften das Gefühl der drohenden Gefahr noch, und Anna lief es eiskalt den Rücken hinab. Sie schluckte ihre Angst hinunter, hob die Hand und schob die Tür einen Spalt breit auf. Die Tür quietschte in ihren Angeln und ließ den Blick frei auf staubige Dielen, die von Mäusespuren übersäht zu sein schienen. „Los, Anna!“ riefen die Kinder im Chor, draußen, in Sicherheit. Anna drehte sich nicht um, trat festen Schrittes in die Dunkelheit des Hauses. Es erschreckte sie fast gar nicht, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Natürlich, das gehörte doch dazu, wer hätte denn sonst richtige Angst? Vermutlich war einer der Jungen hinter ihr hergelaufen und hatte sie von außen geschlossen. Langsam gewöhnten sich Annas Augen an die herrschende Dunkelheit. Der Staub, der in der Luft lag, kribbelte in ihrer Nase. Sie unterdrückte das Niesen, wollte keinen Laut von sich geben. Nun schnell hoch auf den Balkon im ersten Stock. Mehr musste sie nicht tun, nur rauf gehen und winken. Damit sie endlich dazugehörte.

Die Treppe bestand aus morschem Holz, die Stufen waren übersäht mit Wurmlöchern. Anna prüfte vor jedem Schritt, ob die Treppe sie auch hielt. Ein Knistern hinter ihr ließ sie herumfahren.
„Ha-Hallo?“
Die Dunkelheit schwieg, natürlich schwieg sie, wer sollte schon antworten. Anna zog einen Flunsch und machte sich weiter an den Aufstieg. Irgendwie war ihr die Treppe von unten gar nicht so hoch erschienen. Zehn, maximal zwölf Stufen, aber sie stieg immer höher und höher, und auch wenn sie langsam ging, so hätte sie schon längst ankommen müssen. Doch weit über ihr erblickte sie erst den rettenden Treppenabsatz. Ein Blick zurück löste ein unbestimmtes Unbehagen in ihr aus. Die Dunkelheit aus der Diele schien ihr gefolgt zu sein, das Mädchen konnte kaum die beiden letzten Stufen unter sich erkennen. Ein kalter Lufthauch streichelte über ihre Wange und ihr war, als hätte sie eine leichte Berührung am Handgelenk gespürt, ein sanftes Ziehen nach oben. Sie ließ alle Vorsicht fahren und rannte nun die Stufen hinauf. Viele Schritte später blieb sie keuchend stehen, auch hier oben gab es nichts als Finsternis. Das Ziehen wurde stärker, sie versuchte ihre Hand zu entwinden, doch die Kälte hielt sie mit eisernem Griff fest. „Was passiert hier? Hallo?“ Doch ihre Stimme verhallte ungehört.

Ungehört? Von wegen. Aus der Schwärze vor ihr schälten sich zwei blitzende Augen, gelblich und verkniffen. Ein bösartiges Lächeln ließ Zähne aufblitzen. „Hallo, Anna, willkommen in deinem neuen Zuhause. Meine Kinder haben schon lang auf dich gewartet.“ Aus dem Dunkeln erklang das Heulen eines Hundes.

Als man sie fand, waren ihre Glieder schwer und ihr junger Körper bereits eiskalt. Trotz aller Umsicht war Anna über die letzte Stufe der alten Treppe gestolpert, ein langer, rostiger Nagel hatte sich in ihre Stirn gebohrt. Pech gehabt, kleine Anna.

Die Leute im Dorf munkeln noch immer, dass es in der alten Villa spukt, dass die Geister der Toten umgehen. Nun, wir müssen nicht spekulieren, nicht wahr? Wir wissen, das es stimmt.

schnörkel


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Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Dieses Mal habe ich mich für eine Geschichte entschieden, die von Anna und ihrem letzten Gang in eine alte Villa handelt.  🙂

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

Weitere Teilnehmer sind:

10 Comments on “[Writing Friday] Die letzte Prüfung

  1. mwah, Gänsehaut! Ich find alte Häuser auch immer voll gruselig und trotzdem faszinierend. Eine Freundin von mir geht extrem viel urbexen und die Fotos, die sie dabei macht zeigen Gebäude (und das Innere), wo ich selbst wahrscheinlich NIE reingegangen wäre. Hach, jetzt hab ich auch ne Idee für ne Kurzgeschichte. Da hast Du mich grad inspiriert ❤

    ein schönes Wochenende wünsche ich Dir, liebe Gabriela.
    LG
    Grit

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    • Danke 😀
      Ach wie cool! Ich würde mich das vermutlich auch niemals trauen, bin aber immer wieder total begeistert von den Fotos, die andere so machen von solchen Plätzen.

      Jetzt bin ich natürlich sehr gespannt auf deine Kurzgeschichte =)
      Hab du auch ein schönes Wochende! ♥

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  2. Gruselig. So alte Häuser eignen sich einfach super für Horrorgeschichten, deswegen würde ich nur bei Tag und mit Begleitung so eines betreten. 😉
    Grüße, Katharina

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  3. Hallo Gabriela,
    ich habe eben schon die Thema in einer tollen Gruselgeschichte gelesen und jetzt bei dir ist es ganz anders ausgelegt, aber nicht minder gruselig. Toll wie man zu einem Thema so unterschiedliche tolle Geschichten schreiben kann. 😀
    Anna tut mir sehr leid und doch hätte ich gerne mehr gelesen über diese gruselige Villa.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

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  4. Hallo Gabriela,
    Was für eine coole Idee mit der Blog Aktion! 🙂 Und das Thema ist auch richtig spannend. Ich fand deine Geschichte gut geschrieben. 😀 Vielleicht mache ich auch irgendwann mal mit.
    Liebe Grüße, Aurora

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    • Hallo Aurora!
      Schön, dass dir meine Geschichte gefallen hat:)
      Ich mag den Writing Friday auch immer sehr gern, weil es viele Geschichten zu einem Thema gibt 😊

      Liebe Grüße!
      Gabriela

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  5. Liebste Gabriela, ich bin ja schon lange dafür, dass du Stephen King Konkurrenz machen solltest! Toll was du aus dieser Schreibaufgabe gemacht hast unglaublich gruselig deine Villa und die arme Anna! ❤ Ich wünsche dir noch ein schönes Rest Wochenende!

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    • Ach man, du machst mich ja ganz verlegen 😅 Danke danke danke, das macht mich sehr glücklich gerade – auch wenn es natürlich völlig ubertrieben is 😁❤️

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