[Märchen] Verzauberte Dornen

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Nur hinein in die gute Stube! Draußen ist’s doch garstig kalt, nicht wahr? Setz dich, mach es dir ruhig vor dem Kamin bequem. Ich freue mich sehr, dass du dich wieder zu meiner kleinen Märchenstunde eingefunden hast. Heute wird es etwas gefährlicher.

 Bist du bereit? Dann schließ die Augen und stell dir vor, du blickst aus einem hohen Turm hinab auf das Grün der Wälder, die dich umgeben, so weit du blicken kannst …

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Von ihrem Fenster aus, am höchsten Punkt des Turms, konnte sie den Garten vollständig überblicken. Tief unter ihr lag die einst grüne Wiese, auf der sie mit ihrer Mutter lachend herumgesprungen war, niedrige Büsche säumten ihre Ränder. Vereinzelt standen Apfelbäume im Hintergrund und wechselten sich mit dem satten Grün der Eichen ab, bis sie sich in der Vielzahl der Farben des umliegenden Waldes verloren. Früher, als ihre Mutter noch lebte, war der kleine Garten ein Paradies für Vögel und kleine Tiere gewesen. Doch nun war die Wiese braun und trocken, die Büsche und Bäume blattlose Gebilde. Sie wandte ihren Blick ihrem einstigen Lieblingsbaum zu. Die Schaukel hing noch an einem der kahlen Äste, doch Wind und Regen hatten ihr arg zugesetzt. Doch am schlimmsten traf sie jedes Mal der Anblick der dornenbesetzten Schlingen, die alles unter sich begruben und nun immer näher auf den Turm zu krochen. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Eine Bewegung in den Büschen ließ sie innehalten. Ein kleiner, blau und gelb getupfter Vogel mühte sich verzweifelt, seine Flügel aus dem dornigen Gebüsch zu befreien. Voller Mitleid betrachtete sie das kleine Geschöpf, denn sie wusste, wie es enden würde. Schon schnellte ein dürrer Zweig aus den Tiefen des Busches, traf den Vogel an der Brust, ließ ihn taumeln und abwärts trudeln. Doch der kleine Vogel stieß einen schrillen Schrei aus, schoss hinauf in den Himmel und wäre beinahe entkommen. Im letzten Moment wickelte sich eine dicke Schlinge aus Zweigen um seinen Körper, rollte ihn ein und zog ihn zurück ins Dunkle. Angewidert drehte das Mädchen den Kopf weg, doch dem Geräusch zermalmender Knochen konnte sie nicht entkommen.

Zur gleichen Zeit traf es sich, dass ein junger Mann in die Gegend kam. Des Wanderns müde und voller Durst, betrat er die Wirtsstube des nahen Dorfes, bestellte ein Bier und hörte den Geschichten der Dorfbewohner zu. Je später der Abend wurde, desto düsterer wurde, was sie erzählten. Der junge Mann lauschte mit großen Augen und voller Staunen. Sie sprachen von einem Turm, der tief im Walde verborgen sein sollte. Ein junges Mädchen hauste dort, hieß es. Wunderschön, doch sicher nicht ganz richtig im Kopf. Außerdem, so raunte ihm ein bärtiger Mann mit stinkendem Atem zu, verschwanden immer wieder Tiere dort draußen spurlos.

„Wie kann das sein?“, wollte der junge Mann wissen.

„Es liegt an diesem Mädchen. Sie ist eine Hexe! Vermutlich tötet sie die Tiere und braut aus ihnen allerlei fürchterliche Dinge. Ihre Mutter hat sie bestimmt auch umgebracht.“

So flossen die Geschichten in das Ohr des jungen Mannes und brachten ihn zum Nachdenken. Je mehr er hörte, desto neugieriger wurde er. Ein Mädchen, ganz allein im Wald? Eine Hexe? Solchen Unfug glaubte er nicht. Und doch … Er beschloss, sich am nächsten Tag selbst von der Wahrheit zu überzeugen.

Der Morgen dämmerte herauf, als das Mädchen bereits wieder an ihrem Turmfenster saß. Die Luft war merklich kühler geworden, so dass sie sich das alte, verschlissene Tuch ihrer Mutter um die Schultern legte. Von Geburt an lebte sie mit ihrer Mutter hier in diesem Wald, in diesem Garten, in diesem Turm. Nur selten hatte sie die Bewohner des Dorfes gesehen, noch viel seltener mit einem von ihnen ein Wort gewechselt. Ihre Mutter hielt sie versteckt. Oft hatte sie ihr erklärt, wie böse die Menschen wären und was sie einem so jungen Ding wie ihr antun könnten. Doch je älter das Mädchen wurde, desto mehr plagte sie die Neugier. Immer öfter stahl sie sich aus dem Garten hinaus, durchquerte den dunklen Wald und versteckte sich dann hinter Büschen und Steinen, um die fremden Menschen im Dorf zu beobachten.

Eines Abends, als sie sich in den Turm zurückschlich, wurde sie von ihrer Mutter überrascht. Mit grimmigem Blick sagte sie: „Du warst wieder bei den Dörflern, du dumme Gans, nicht wahr? Schau mich nicht so unschuldig an, ich weiß es genau. Ich rieche den Rauch aus ihren Schornsteinen an dir. Ich rieche ihren Gestank, mit dem sie die Luft verpesten, er klebt an dir wie Dreck!“

Alles Betteln und Flehen half nichts, das Mädchen wurde hinauf in das Turmzimmer geschickt und ihre Mutter verriegelte die Tür. Das Ohr an das Holz gepresst, hörte sie, wie die Mutter sagte: „Ich werde dafür sorgen, dass du nicht mehr hinaus gehst. Du weißt, ich meine es immer nur gut mit dir, Tochter.“ Als die Schritte der Mutter auf der Treppe verklungen waren, sprang das Mädchen zum Fenster und lehnte sich hinaus, um zu sehen, was die Mutter vorhatte. Da kam sie auch schon mit erhobenen Armen aus dem Tor. Die Worte, die sie sprach, hörte das Mädchen nicht, doch sie sah, wie ihre Mutter die Hände hin und her warf und dabei immer wieder auf den Boden und die umliegenden Bäume zeigte. Die Erde riss, wurde aufgeworfen und abertausende Schlingen gruben sich ihren Weg aus der Dunkelheit hinaus ans Tageslicht. Es dauerte nicht lange, da überwucherten sie weite Teile des schönen Gartens. Tränen traten dem Mädchen in die Augen und weinend warf sie sich auf ihr Bett. Später am Abend klopfte es an der Tür und die Mutter trat ein. Nun, da der Turm und das Mädchen mit spitzen Dornen beschützt waren, musste sie ihre Tochter nicht mehr einsperren. Ohne ein Wort verließ das Mädchen ihr Zimmer, ging erhobenen Hauptes hinunter und trat hinaus in den Garten. Der Mond schien hell auf das Gestrüpp, das ihre Mutter hatte wachsen lassen,   silbern glänzten die frischen Stacheln. Da hörte sie Schritte hinter sich und drehte sich rasch um.

„Warum hast du das getan, Mutter?“

„Um dich zu beschützen. Die Dorfbewohner jagten mich einst hinaus in den Wald, mit Messern und Fackeln bewaffnet. Hexe, nannten sie mich, und eine Hexe bin ich wohl. Hätte ich mich nicht in diesem Turm verschanzt, hätten sie mich wohl getötet. Ich will nicht, dass dir das gleiche geschieht, mein Kind.“

„Und deswegen sperrst du mich ein? Vielleicht sind die Menschen heute anders, vielleicht bin ich anders! Lass mich gehen, Mutter, ich bitte dich!“

Doch die Mutter zeigte kein Erbarmen und Wut kroch in dem Mädchen immer höher. Sie wollte nicht ihr Leben lang eingesperrt bleiben! Da warf sie sich gegen ihre Mutter, und drückte und schob die überraschte Frau in die Dornen. Schon stachen sie durch Stoff und Haut und die Mutter kreischte auf, wand sich und schrie erneut. Doch das Mädchen drückte sie unbarmherzig immer tiefer in die Ranken.

„Du darfst mich nicht einsperren!“, schrie sie immer wieder. „Das darfst du nicht!“

Als sie schließlich weinend und keuchend von ihr abließ, war die Mutter tot. Erst jetzt begriff das Mädchen, was sie getan hatte und rannte Hals über Kopf zurück in ihren Turm. Hier blieb sie drei Tage und drei Nächte, ängstlich und allein. Am vierten Tag zündete sie eine Fackel an und wollte die Dornen niederbrennen. Als sie hinaus in den Garten trat, bemerkte sie sofort, dass die Leiche ihrer Mutter nicht mehr da war. Nur das Tuch, dass sie zuletzt um die Schultern trug, hing noch im Geäst, Dornen hatten es an etlichen Stellen durchbohrt.

„Mutter?“

Es hätte der Wind sein können, als sich die Büsche um sie herum bewegten, doch das Mädchen wusste: Der Geist ihrer Mutter steckte in ihnen. Ein dürrer Ast brach aus dem Unterholz hervor, zerkratzte dem Mädchen den Arm und riss ihr die Fackel aus der Hand. Schon zog sich der Ast zurück, die Fackel fest umschlungen. Das Holz leuchtete kurz orange auf, doch dann erlosch die Flamme. So oft das Mädchen es auch versuchte, die verzauberten Dornen brannten nicht. Auch konnte sie sich nicht durch sie hindurch hacken. Die Ranken lebten. Sie schlugen zu, wenn sie sich mit einem Beil näherte, sie stießen sie zurück, wenn sie sich in sie hineinwerfen wollte. Mit der Zeit verlor sie allen Mut und blieb in ihrem Turmzimmer.

Doch heute war etwas anders: Von fern hörte sie Schritte durch den Wald, knackende Äste – Pfiff da jemand ein Lied? Da tauchte die Gestalt eines jungen Mannes am Rande des Dornenfeldes auf. Entsetzt und neugierig zugleich beobachtete sie ihn, halb verborgen in den Schatten des Turmes.

Der junge Mann überlegte. Wie soll ich durch die Dornen brechen, ohne dass ich verletzt und geblendet werde? Er trat noch einen Schritt näher heran. Waren das Kadaver inmitten der Büsche? Er rümpfte die Nase. Schon wollte er sein Messer zücken, als etwas pfeilschnell auf ihn zugeschossen kam. Er hatte keine Zeit mehr zum Überlegen. Er warf sich zur Seite, so dass ihn die Schlinge verfehlte. Dann nutzte er den entstandenen Raum und rannte blindlings hinein in die Dornen, schloss die Augen und verließ sich ganz auf sein Glück. Mit einem Rankenhieb wurde er tiefer in die Dornen gestoßen, etwas krallte sich um seine Knöchel und er fiel der Länge nach hin. Schon spürte er, wie spitze Stacheln seine Haut aufrissen und sich ein Geflecht aus Schlingen um seinen Brustkorb zusammen zog. Mit letzter Kraft riss er sich los. Ein unmenschlicher Schrei erklang aus dem Inneren der lebendigen Pflanzen. Er stürzte vorwärts, verhedderte sich erneut, und rannte weiter, bis er endlich die freie Wiese erreichte. Das Tor des Turms öffnete sich und ein junges Mädchen mit langen goldenen Haaren starrte ihn mit schreckgeweiteten Augen an. Doch sie sah nicht ihn an, sondern etwas hinter seinem Rücken. Er warf sich herum, um gerade noch rechtzeitig einem weiteren Rankenhieb auszuweichen.

„Schnell, du musst zu mir! Hier wird sie dir nichts tun!“

Mit einem Aufschrei schüttelte er die Zweige ab, die sich bereits wieder nach ihm ausstreckten, und stürzte in den dunklen Turm. Sofort verriegelte das Mädchen das Tor. Ein Kratzen und Scharren an den Außenwänden ließ die beiden zusammenfahren.

„Nach oben!“ Das Mädchen lief voran, der junge Mann hinkte hinter ihr her. Scheinbar hatten die Dornen ihn doch schwerer verletzt, als er zunächst angenommen hatte. Das Turmzimmer war völlig verdunkelt, als sie ankamen.

„Mutter, nicht!“

Das Mädchen rannte zum Fenster, doch kaum ein Lichtstrahl schaffte es mehr hinein.  Es wurde von zersplitterten Ranken völlig verdeckt. Das Mädchen schlug auf die Dornen ein, bis ihre Hände ganz blutig waren, dann hielt sie atemlos inne.

„Du hättest nicht herkommen sollen“, fuhr sie den jungen Mann böse an. Dieser starrte sie verblüfft an und antwortete: „Ich habe gehört, dass du eine Hexe sein sollst. Das wollte ich nicht glauben, und so kam ich her. Offensichtlich hatten sie Recht. Du bist eine.“

„Nein, aber meine Mutter war es. Wir werden hier nie wieder herauskommen.“

Benommen und verletzt ließ sich der junge Mann auf den Boden sinken. „Was macht dich so sicher?“

„Weil das ihre Rache ist. Ich habe ihr nicht gehorcht und dann habe ich sie getötet.“

Darauf schwieg er lange Zeit, und dachte über all das nach. Die Leute im Dorf hatten mit allem Recht gehabt. Er hätte seines Weges ziehen und diese Geschichte hinter sich lassen sollen. Nun war er mit einem fremden Mädchen in einem Turm eingeschlossen, aus dem es kein Entrinnen gab.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Rapunzel.“

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Das war meine Interpretation des bekannten Märchens von Rapunzel. Ich hoffe, du hattest Freude an der Geschichte. 🙂

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7 Comments on “[Märchen] Verzauberte Dornen

  1. Hallo,
    deine Interpretation gefällt mir sehr gut. Wobei ich auch mal kurz gedacht habe, das es mich an Dornröschen erinnert.
    Auf jeden Fall sehr gelungen. 😀
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Rückblick auf den Dezember – Buchperlenblog

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