[Kurzgeschichte] Kapitel 3 – Die Uhr

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Nachdem Isobel vor einigen Tagen das zusammengerollte Pergament auf dem Dachboden gefunden hatte, befand sich ihr Inneres in Aufruhr. Ständig wiederholte sie im Geiste die vier Zeilen, die ihr dabei helfen sollten, die Anderswelt zu finden.

Der Brunnen ist dein Ziel,

die unsichtbare Treppe dein Versprechen.

Wenn die Zeiger sich rückwärts drehen,

wirst du fündig sein.

Die Anderswelt, so sagte man, ist das Reich der Elfen und Kobolde, der Geister und Fabelwesen. Es war gar nicht so schwierig hinzugelangen, wenn man wusste, wie. Ruhelos suchte sie jeden Winkel im Waisenhaus ab auf der Suche nach einer Uhr, deren Zeiger rückwärts liefen. Regungslos stand sie stundenlang vor der großen Uhr an der Treppe und beobachtete, wie die Zeiger Sekunde für Sekunde die Zeit abzählten. Selbst ihre Freunde begannen, Isobel merkwürdige Blicke zuzuwerfen.

Eines Morgens überwand sich das Mädchen schließlich und stellte ihrem Freund Pete die Frage, auf deren Antwort sie einfach nicht kam. „Was muss passieren, damit sich die Zeiger einer Uhr rückwärts drehen?“ Pete sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Warum sollten sie so was tun? Denkst du etwa, du kannst in der Zeit zurückreisen oder so?“ Isobel verzog den Mund. „Natürlich nicht. Ich wollte es einfach nur wissen.“ Doch Pete konnte ihr nicht helfen und zuckte nur mit den Schultern: „Frag doch Nanna. Wenn jemand so etwas weiß, dann sie.“ An Mrs. Robinson, die von den Kindern liebevoll Nanna genannt wurde, hatte Isobel auch schon gedacht. Aber was, wenn die alte Dame ahnte, weshalb Isobel fragte?

Der Zufall kam Isobel beim nachmittäglichen Tee zu Hilfe. Sie saß mit den anderen Kindern in der warmen Stube, als Mrs. Robinson mit einem leicht zerstreuten Blick zu ihnen kam. Sie ließ sich in ihren gemütlichen Sessel sinken und schlug eine Hand vor die Augen. „Kinder, es tut mir leid, dass ich so spät dran bin. Meine Uhr scheint mal wieder durchzudrehen. Jedes Jahr im Herbst zeigt sie die Zeit nicht richtig an. Manchmal glaube ich zu sehen, wie sie kurz innehält, aber dann tickt sie doch weiter. Und wenn ich dann blinzele, sind zwei Stunden vergangen, es ist wie verhext!“ Isobels Neugier war sofort geweckt. Eine verhexte Uhr? Konnte das die Uhr sein, die sie suchte? Sie rutschte näher an Mrs. Robinson heran und wartete auf den Moment, da diese erneut ihre Uhr aus der Rocktasche ziehen würde. Ihre Augen wurden bereits müde, die Wärme und der Tee umfingen sie weich und gemütlich. Als die Hand die Uhr an ihrer goldenen Kette herauszog, dämmerte Isobel bereits im Sitzen vor sich hin, leicht vor und zurück schwankend. „Schon wieder!“, entfuhr es Mrs. Robinson, die einen Blick auf die Zeit werfen wollte. Da schrak Isobel aus ihrem Halbschlaf auf und sah gerade noch, wie die Taschenuhr wieder verschwand. Doch es reichte aus, eindeutig hatte sie gesehen, wie sich die Zeiger rückwärts drehten.

An diesem Abend schlich sich Isobel wieder aus ihrem Zimmer. Auf die knarrenden Dielenbretter achtend, huschte sie von Zimmertür zu Zimmertür, bis sie schließlich vor dem Schlafgemach der alten Dame stand. Von drinnen hörte sie leise schnarchende Geräusche. Sie legte ihre kleine Hand auf die Klinke und drückte die Tür behutsam einen Spalt weit auf. Tatsächlich. Mrs. Robinson lag, fast gänzlich unter einer dicken Daunendecke verborgen, in ihrem Bett und schlief. Vorsichtig schob Isobel die Tür weiter auf. Sie gab ein leises Quietschen von sich, aber Mrs. Robinson schien es nicht zu hören. Isobel verharrte still im Türrahmen und wartete darauf, dass sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnten. Dann schlich sie sich in den dunklen Raum und begann, nach der Taschenuhr zu suchen. Doch das Licht reichte nicht aus, alles schien die gleichen Formen zu haben. Wenn ich doch nur mehr sehen könnte! dachte sie. Wenn ich eine Kerze hätte, dann würde ich die Uhr sicher sofort finden. Sie schloss die Augen und stellte sich ein kleines, warmes Licht vor. Hell genug, um etwas erkennen zu können, doch so dunkel, dass es Nanna nicht aufwecken würde. Ein goldener Schein ergoss sich hinter ihren geschlossenen Augenlidern, zuckte kurz strahlend hell auf und erlosch im nächsten Moment beinahe. Geblendet öffnete sie ihre Augen und sah erfreut, dass sich ein dünner goldener Faden vor ihren Augen zu entrollen begann. Er wirbelte einige Male im Kreis vor ihr her, dann schoss er pfeilgerade über den Boden und verschwand in einem ordentlich zusammengelegten Kleiderhaufen auf dem Stuhl neben der Kommode. Isobel sprang auf und folgte dem goldenen Faden, schob dabei die abgelegte Kleidung der Heimleiterin beiseite und zog schließlich die Taschenuhr aus der Falte des Rockes, den Mrs. Robinson am Tag getragen hatte. Der goldene Faden hatte sich um die Glieder der Uhrenkette geschlungen. Isobel warf einen schnellen Blick auf die schlafenden Umrisse der Frau im Bett. Sie wusste, dass sie nicht stehlen durfte. Aber sie wollte so sehr hinter das Geheimnis des Brunnens kommen, dass sie ihre Bedenken schließlich verwarf. Flink huschte sie zur Tür hinaus und zog diese leise hinter sich zu.

Zurück im Flur, wollte sie gerade den Weg zurück antreten, als eine Hand auf ihrem Arm landete. Sie erschrak fürchterlich. „Was machst du schon wieder mitten in der Nacht hier draußen, Isobel?“ Es war erneut das ältere Mädchen, Janice, wie Isobel herausgefunden hatte. „Ich … na ja, also…“ „Wolltest du dich etwa zu Nanna ins Bett kuscheln? Hast du Angst allein?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete Janice die weitaus kleinere Isobel. „Lass sie lieber schlafen. Wenn du dich einsam fühlst, dann komm mit zu mir. Mein Zimmer ist gleich da drüben.“ Isobel musste bei diesem netten Angebot schlucken. „D-d-danke. Aber ich glaube, es geht schon wieder. Aber vielleicht beim nächsten Mal!“ Damit ballte sie eine Faust um die erbeutete Uhr und stakste eilig zurück in ihr Zimmer. Das war knapp!

Endlich allein, hielt sie sich das Ziffernblatt vor die Augen. Die Zeiger bewegten sich leise tickend vorwärts. Tick. Tack. Tick. Tack. Doch dann sah sie es wieder, kurz bevor eine Minute voll war und die nächste anbrach, stoppten die Zeiger für wenige Sekunden. Und dann liefen sie rückwärts. Es handelte sich nur um wenige Augenblicke, doch die genügten Isobel, um zu wissen, dass sie die richtige Uhr gefunden hatte.

 

zwischenschnitt


Der Oktober steht im Zeichen der Geisterwesen. Halloween, welches am 31. Oktober jeden Jahres gefeiert wird, geht auf das alte keltisch-irische Fest Samhain zurück. Hier, so sagt man, konnten Menschen Kontakt zu Wesen jenseits unserer Welt aufnehmen.

Die Kurzgeschichte rund um Isobel gehört zu meinem Romanprojekt, an dem ich seit einiger Zeit schreibe. Begleitet Isobel auf ihrer Reise zur Anderswelt! Isobel hat nun alles, was sie braucht zusammen. Das nächste Kapitel erscheint bereits am kommenden Montag, das letzte am Tag der Geister.

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18 Comments on “[Kurzgeschichte] Kapitel 3 – Die Uhr

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  3. Guten Morgen!
    Endlich geht es weiter ❤
    Uiuiui, das ist ja richtig spannend. Bin gespannt, welche Rolle Janice noch spielt und ob Isobel es wirklich ins Andersland schafft. Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil 🙂

    Liebste Grüße,
    Smarty

    Gefällt 1 Person

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