Ein tiefer Einblick in unsere heutige Literaturwelt!

Werbung | Autor: Rebecca F. Kuang | Titel: Yellowface |
Übersetzung: Jasmin Humbug |
Erscheinungsdatum: Februar 2024 | Verlag: Eichborn |
383 Seiten | Genre: Roman |

In der Nacht, in der ich Athena Liu sterben sehe, feiern wir ihren Vertrag mit Netflix.
(S.11)


Inhalt
June Hayward muss dabei zusehen, wie ihre Freundin Athena Liu bei einem albernen Pancake-Wettessen jämmerlich erstickt. Doch so traumatisch dieses Eregnis auch ist, sie besitzt noch die Geistesgegenwart, das letzte Manuskript ihrer Freundin einzustecken. Nur, um es zu lesen, natürlich.
Und um es später dann als ihr eigenes zu veröffentlichen. Womit ein Spießrutenlauf für sie beginnt, den sie so sicherlich nicht hat kommen sehen.
Rezension
Darf man das?
Im letzten Jahr habe ich bereits Babel von Rebecca F. Kuang gelesen, welches in sich zwar sehr interessant, aber auch mit seinem vielen Input recht schwerfällig war. Gleich vorneweg: Yellowface ist da eindeutig eingängiger.
Als Ausgangspunkt haben wir June Hayward, eine weiße Autorin, deren Debütroman irgendwo in den Weiten der Literaturwelt unterging, und deren Freundin Athena Liu, asiastisch-amerikanisch und schwer erfolgreich, die gesamte Buchwelt auf den Kopf zu stellen scheint. Nun, da Athena tot ist, wird es Zeit für June, auch ein wenig an diesem überdimensionalen Kuchen knabbern zu dürfen. Sie nimmt ungefragt das letzte fertige Manuskript von Athena an sich. Ein Manuskript über ein Buch über chinesische Arbeiterkorps im ersten Weltkrieg. Sie erzählt uns, dass sie es ohne bösen Willen tat, nur mal schauen wollte. Und dann schreibt sie hier ein wenig um, streicht ein paar zu komplizierte chinesische Namen heraus, macht die Weißen etwas weniger rassistisch, schmuggelt sogar ein wenig Liebe hinein. Und veröffentlicht es dann bei einem namhaften Verlag – ohne Athenas Namen auch nur zu erwähnen.
Was zunächst als absoluter Selbstläufer erscheint, entpuppt sich jedoch dank der heute häufig gestellten Frage der kulturellen Aneignung zu einem Wespennest in den sozialen Medien. June Hayward, die ihren Namen auf dem Buch in Juniper Song ändert und somit auf den ersten Blick gar nicht mal mehr so weiß klingt, sieht sich plötzlich gefangen in einem Netz aus Twitter-Beschimpfungen, Plagiats- und Rassismusvorwürfen und sogar Morddrohungen. Kuang, die in diesem Buch selbst die Rolle der weißen Frau mimt, hat hier sehr geschickt eine Doppelmoral eingebaut. Ja, natürlich ist es falsch, was June getan hat. Aber tut sie einem nicht doch irgendwie leid, wie sie nicht mehr herauskommt aus diesem fatalen Strudel aus Selbstverleugnung, psychischem Terror und den Reißzähnen der Literaturbranche?
Wer darf was und wenn ja, warum? Das ist sicherlich auch immer eine Sache der Auslegung und der eigenen Denkprämisse. Nur eines ist sicher: Stehlen darf man definitiv nicht.
Fazit
Ein herrlich satirisches Buch auf die Literaturbranche mit einer Ich-Erzählerin, die sich selbst und alle anderen belügt und es uns damit sehr schwer macht, uns auf eine einzige Seite schlagen zu wollen.
Bewertung im Detail
Handlung ★★★★★ ( 5 / 5 )
Atmosphäre ★★★★★ ( 5 / 5 )
Charaktere ★★★★★ ( 5 / 5 )
Sprache ★★★★★ ( 5 / 5 )
Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )
= 5 ★★★★★

Herzlichen Dank an den Eichborn Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!






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