Wenn die Adaption weiter geht als das Original.

Werbung | Autor: Sandra Newman | Titel: Julia |
Übersetzung: Karoline Hippe |
Erscheinungsdatum: Oktober 2023 | Verlag: Eichborn |
447 Seiten | Genre: Dystopie / Adaption |

Mit diesem Mann aus der Abteilung Archiv fing alles an, diesem knurrigen, grimmigen Typen, der immer so von oben herab wirkte mit seinem Altdenkgehabe und absolut keine Ahnung hatte, was auf ihn zukommen würde. Syme nannte ihn nur Old Misery.
(S.9)


Inhalt
„1984“ von George Orwell ist ein Klassiker in der Literatur. Ein totalitäter Überwachungsstaat, der nicht davor zurückschreckt, die Menschen hinzurichten, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Doch während das Original die Geschichte von Winston Smith erzählt, widmet sich diese Adaption der weiblichen Hauptfigur: Julia. Und geht weiter, als es das Original gewagt hat.
Rezension
Absolute Kontrolle
Es ist schon eine Weile her, als ich 1984 von George Orwell gelesen habe, doch die Geschichte bleibt mit ihren sehr real erscheinenden Erschrecken immer im Hinterkopf. Winston Smith, der sich entgegen der Regeln des Großen Bruders in Julia verliebt, die er heimlich trifft und schließlich dafür bestraft und gefoltert wird. Doch wie mag es wohl für Julia gewesen sein, die Maschinistin, die im Original doch immer irgendwie im Hintergrund verschwindet?
Sandra Newman nimmt sich nun ihrer an und gibt ihr eine Stimme. Julia ist anders als der grüblerische, eigenbrötlerische Winston. Sie ist gewitzt und lebt ihre Sehnsüchte im Verborgenen aus. Sie ist sexuell aktiv, auch wenn sie ganz genau weiß, dass Sexkrim hart bestraft wird, wenn man erwischt wird. Doch in Winston Smith sieht sie zunächst tatsächlich einen Mann, für den man mehr empfinden könnte. Die Adaption folgt dem Original auf neuen Wegen, die sich doch immer wieder gerade in Sprache und Geschehnissen wunderbar mit ihm deckt.
Während die Dialoge zwischen Winston und Julia 1:1 original übernommen wurden, ist Julias Denken sehr viel direkter, teilweise vulgär und derb. Das passt zur Geschichte, gefällt aber vermutlich nicht jedem. Mir persönlich wurde auch ein wenig zu viel Wert auf Julias sexuelles Leben gelegt. Was das Buch jedoch richtig gut macht, ist, dass es weiter geht als es George Orwell tat. Denn was passiert nach der Folter mit Julia und Winston? Müssen sie sterben, dürfen sie gehen, wie geht es mit dem totalitären Staat weiter – und gibt es eigentlich ernstzunehmende Rebellen, die sich gegen das System auflehnen?
Fazit
Julia lässt den Großen Bruder in all seiner Grausamkeit neu auferstehen, bringt neue Gedanken ein und entfernt sich doch nie zu sehr von seinem Original.
Bewertung im Detail
Handlung ★★★★☆ ( 4 / 5 )
Atmosphäre ★★★★☆ ( 4 / 5 )
Charaktere ★★★★☆ ( 4 / 5 )
Sprache ★★★★☆ ( 4 / 5 )
Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )
= 4.2 ★★★★

Herzlichen Dank an den Eichborn Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!






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