[Writing Friday] Manchmal bleibt einem nichts, als …

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… die eigenen Erinnerungen. Emil liegt auf seinem Bett, den Rücken gerade durchgestreckt, die Füße berühren das Ende der durchgelegenen Matratze. Vorsichtig betastet er mit dem Fußballen den abgerundeten Stoff, genießt das kitzelnde Gefühl des Lufthauchs unter seinen nackten Zehen. Die Sonne scheint noch immer durch die schmalen Streifen der Jalousie und wirft lange Schatten quer durch den kleinen Raum. Emil hatte sich hierhin zurückgezogen, um sich seinen Erinnerungen hinzugeben. Das Licht von draußen erinnert ihn an ferne Zeiten seiner Kindheit. Unbeschwert und frei verbrachten er und seine drei Brüder die meiste Zeit des Sommers im Freien, tollten durch die Wiesen und kamen abends erschöpft und mit grasgrünen Hosenböden zurück. Natürlich schalt sie die Mutter dafür immer ein wenig, doch lachte sie dabei und schien glücklich zu sein.

Er lauscht dem Rauschen des Windes, der durch das angekippte Fenster weht. Doch da ist mehr, fernes Donnern, das diesen herrlichen Sommertag bedrückt. Emil blickt an die hohen Decken über sich. Die Raufasertapete hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Ein grauer Schleier überzieht die Wände, wie Ascheregen, der auf ihn niederprasselt. Er schließt die Augen, hört das Gelächter seiner Brüder im Geiste, wie sie sich gegenseitig gejagt hatten, den Hügel hinauf und hinunter, immer unterwegs, immer übermütig. An einem Tag im Sommer, da war er vielleicht elf Jahre alt gewesen, erinnert er sich und lächelt,  fanden sie ein leeres Schneckenhaus. Es war ganz rosa von innen und von außen hellviolett gepunktet. Bewohnt war es nicht und seine Brüder verloren schnell das Interesse daran, aber Emil steckte es in die Hosentasche und nahm es mit nach Hause. Er öffnet die Augen wieder, seine Hand greift nach links und zieht die Schublade des Nachttisches auf. Blind tastet er eine Weile darin herum, bis er es findet: Das alte Schneckenhaus. Er weiß nicht, wieso er es aufgehoben hat, all die Jahre, doch es erinnert ihn. Erinnert ihn wie der Wind und die Sonne an frühere Sommer, als die Welt noch in Ordnung schien.

Der Riss über ihm ist Emil schon vor einiger Zeit aufgefallen. Auch an diesem Tag dröhnte der Himmel, und das Fundament seines Zuhauses wurde erschüttert. Seitdem beobachtet er ihn, wie er wächst und immer größer wird. Sich einmal quer über die gesamte Länge seines Schlafzimmers zieht. Er hält den Atem an, versucht seinen eigenen Herzschlag zu ignorieren. Es kann sein, dass er es sich nur einbildet, aber da ist eindeutig ein Kratzen und Knacken über ihm zu hören. Das Lauschen strengt ihn an, so vieles strengt ihn mittlerweile an. Er ist nicht alt, nicht einmal dreißig, doch er fühlt sich so. Seit die Nachricht vor zwei Wochen kam, dass sein Bruder Jonas als vermisst gemeldet wurde, fühlt er sich der Welt entrissen.

Jonas. Sein kleiner Bruder, der jüngste und stillste von ihnen. Jonas, der immer an einen Baum gelehnt im Gras saß, auf den Knien ein Buch, die Nase darin vergraben. Das sommersprossige Gesicht, dass ihm und seinen Brüdern gutmütig zulächelte, wenn sie um ihn herumsprangen und ihn aufzogen. Jonas, der mutiger war, als sie alle vermutet hatten. Der sich freiwillig meldete, als Sanitäter an der Front gebraucht wurden. Der nun verschollen ist, einer von vielen, die niemals wieder auftauchen werden.

Der Riss ist eindeutig größer geworden, Emil ist sich sicher. Es knackt wieder über ihm. Das Dröhnen am Himmel ist plötzlich gar nicht mehr so fern, doch Emil nimmt es nur am Rande wahr. Schon gehen die Sirenen los, Fliegeralarm. Als wüssten sie nicht alle schon längst Bescheid. Emil ist müde, so unendlich müde. Er weiß nicht, was aus seinen anderen beiden Brüdern wurde, niemand hat es ihm gesagt. Er ist an seine Wohnung gefesselt, ein alter Mann im Körper eines Jungen. Er müsste jetzt aufstehen, müsste zumindest in den Keller flüchten. Doch wieso sollte er? Emil bewegt sich nicht, hat die Augen nur starr auf die Decke gerichtet, hört das Dröhnen von draußen und das Knacken über ihm. Er atmet tief ein und wieder aus. Versucht, an den Duft des Waldes zu denken, den er als Kind so selbstverständlich hingenommen hat. Als Kind, er lacht leise. Diese Zeit ist noch keine zehn Jahre her. Doch manchmal sind Erinnerungen alles, was man braucht. Emil ist seltsamerweise zufrieden. Er schließt die Augen, das Rauschen des Windes erfüllt ihn, das Krachen der Äste im Wald seiner Kindheit, auch wenn es jetzt anders klingt. Das Geräusch des nahenden Bombers füllt nun die Welt aus, die Erde bebt. Aber als die Decke einstürzt und Emil unter sich begräbt, da ist er in Gedanken ganz weit fort. Er spürt keinen Schmerz, nur die Gewissheit bald wieder mit seiner Familie vereint zu sein.

schnörkel


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Der Writing Friday ist eine Aktion von readbooksandfallinlove! Jeden Monat gibt es neue Schreibaufgaben, denen man sich widmen kann.
Dieses Mal habe ich mich dafür entschieden, eine Geschichte zu schreiben und dabei die Worte Schneckenhaus, grasgrün, Baum, Gelächter und Buch einzubauen. Habt ihr sie alle gefunden?

Ihr wollt mehr schreiben und braucht einen Anreiz? Dann schaut vorbei!

Weitere Teilnehmer sind:

 

14 Comments on “[Writing Friday] Manchmal bleibt einem nichts, als …

  1. Wow, das ist ja mal wieder eine echt tolle Geschichte.
    Ich finde gar keine richtigen Worte dafür als einfach nur Wow!
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

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