[Frühjahrsputz] Kees van Beijnum – Die Zerbrechlichkeit der Welt

480 Seiten pure Melancholie, durchsetzt mit der Grausamkeit der Nachkriegszeit in Japan.

Werbung | Autor: Kees van Beijnum | Titel: Die Zerbrechlichkeit der Welt |
Übersetzerin:  Hannie Ehlers |
Erscheinungsdatum: 2014 | Verlag: C. Bertelsmann |
480 Seiten | Genre: historischer Roman |

Bewertung: 5 von 5.

Sie kommt ein paarmal im Monat nach Asakusa. Der Gang über diese staubige Straße voller Löcher und wucherndem Unkaut ist eine Reise in die Welt der Geister. Diese Straße, die keine Straße mehr ist, dort, wo die Menschen keine Menschen mehr sind, führt sie in ihre Jugend zurück, zu ihrer Familie, zu Gesichern von Nachbarn und zu kleinen Holzveranden mit Blumentöpfen, zu kleinen Läden und Werkstätten und Hühnerställen im Hinterhof.

(S.15)

Inhalt

Tokio, 1946. Der zweite Weltkrieg ist verloren, Japan steht vor den Trümmern der eigenen Existenz. Ein Tribunal aus elf internationalen Richtern soll nun über diejenigen urteilen, die maßgeblich für die Kriegsverbrechen des Landes verantwortlich sind. Einer von diesen Richtern ist der Niederländer Rem Brink. Auf der Suche nach Zerstreuung lernt er zufällig die Sängerin Michiko kennen, eine junge Frau, die den Sturmböen des Lebens trotzig entgegen blickt. Das Zusammentreffen mit Brink wird ihr Leben jedoch in einer Art verändern, wie sie es sich nie hätte vorstellen können.

Rezension

Im Würgegriff der Zeit

Wer sich die Beschreibung des Romans, sowohl Klappentext als auch meine eigenen Worte zunächst ansieht, dem schwant eine Liebesgeschichte, ergreifend vielleicht, vermutlicher aber voll unglaubwürdiger Wunder, die die junge Michiko schlussendlich einen Traum leben lassen, der ihr ohne den niederländischen Richter Brink wohl verschlossen geblieben wäre. Wenn dem so ist, dann liegt ihr völlig falsch.

Denn das Schicksal, das Michiko und Brink zusammenführt, meint es nicht unbedingt gut mit den beiden. Die zarte Liebe, die sich zwischen ihnen entspinnt, wird getrübt von den äußeren Umständen, die beide Menschen an diesen Punkt ihres Lebens brachten. Michiko verlor während des Krieges ihre Eltern. Mühsam baut sie sich ein neues Leben im Haus der Deutschen Frau Haffner auf, die ihr Gesangstalent erkennt und fördert. Doch das ist vorbei, als die junge Japanerin sich auf den verheirateten Niederländer Brink einlässt. Frau Haffner kündigt die Zusammenarbeit auf, und zu allem Überfluss bekommt Brink Besuch von seiner daheim zurückgelassenen Ehefrau.

Außerdem schleicht sich leise auf die Seiten des Buches das Leben von dem verwundeten und entstellten Soldaten Hideki, ein Mann ohne jegliche Hoffnung auf ein nützliches Leben nach dem Krieg. Auch er sucht seinen Platz im Leben, kehrt in sein Dorf in den Bergen zurück und muss erkennen, dass auch hier die Welt im Argen liegt. Auch nach dem Krieg bleiben Verbrechen aller Art nicht aus, und Hideki muss mehr oder minder hilflos dabei zuschauen.

So verknüpfen sich die drei so unterschiedlichen Schicksale miteinander, lassen uns teilhaben an der Schwere einzelner Entscheidungen, die ganze Leben für immer beeinflussen werden. Dabei beweist Kees van Beijnum ein unglaubliches Gespür für die aufkommende Melancholie des Ganzen und lässt sie nie ganz verschwinden. Das Buch ist durchsetzt mit Gewalttaten jeglichen Ausmaßes, doch hinterlassen diese eher Trauer denn Wut. Und so wandeln die drei Gestalten auf ihrem Lebensweg, machen Fehler, verhalten sich menschlich. Und ein klassisches Happy End sucht man vergebens.

Ganz nebenbei erfähr man allerhand Wissenswertes über die Prozesse in Japan, denn wir dürfen über Brinks Schultern EInblick nehmen in Akten, Gedankengänge der verantwortlichen Richter, lernen widersprüchliche Beschlüsse kennen, sind bei der abschließenden Urteilssprechung dabei.

Fazit

Dieses Buch ist keine Ode an die Liebe, kein Wunder der Historie, nein. Dieses Buch zeigt uns menschliche Schicksale im Würgegriff ihrer Zeit. Und das auf sehr gefühlvolle Art und Weise.

Bewertung im Detail

Idee ★★★★★ ( 5 / 5 )

Handlung ★★★★★ ( 5 / 5 )

Charaktere ★★★★★ ( 5 / 5 )

Sprache ★★★★★ ( 5 / 5 )

Emotionen ★★★★★ ( 5 / 5 )

= 5 ★★★★★


Hier geht’s zum Frühjahrsputz-Bingo!

4 Comments on “[Frühjahrsputz] Kees van Beijnum – Die Zerbrechlichkeit der Welt

    • Hallo 🙂
      Es hat sich auch ganz wunderbar gelesen, auch wenn die Seiten nur so vor Trauer und Melancholie strotzen. Vielleicht findet es ja den Weg in dein Regal, es lohnt sich auf alle Fälle!

      Alles Liebe!
      Gabriela

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