[The Story Behind] Von Mäusen und Detektiven

Liebste Bücherwürmer!

Ich bin ein Mensch, dessen Kindheit von Trickfilmen der besonderen Art geprägt war. Ich wuchs auf mit dem Wissen, an jedem Weihnachtsfest einen weiteren Film über kleine und große Helden, mit viel Gesang und einer guten Prise Herzschmerz dem stetig wachsenden Repertoire heimischer Videokassetten hinzufügen zu können. Die Rede ist – selbstverständlich – von Disney.

Auch heute schaue ich mir die liebgewonnenen Geschichten gerne immer und immer wieder an, singe aus vollem Hals mit und weine um die Verlorenen. Doch mich interessieren nun die Geschichten, die dahinterstecken. Welches Buch war ausschlaggebend für welchen Film? Und wie wurde die Geschichte umgesetzt? Dem möchte ich in dieser Beitragsreihe nachgehen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, suchen wir gemeinsam The Story Behind.

Basil, der große Mäusedetektiv

Klein, aber oho!

Im Jahr 1986 erblickte Basil, der große Mäusedetektiv als 26. abendfüllender Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney das Licht der Welt auf der großen Kinoleinwand. Ein erfrischender Film mit Witz und vielen Anspielungen auf die Welt von Sherlock Holmes.

Basil, der große Mäusedetektiv ©Disney

Basil ist – ganz wie sein großes Vorbild Sherlock Holmes – ein wahrer Detektiv. Er erkennt auf den ersten Blick Details, die anderen, weniger aufmerksamen Beobachtern, verborgen bleiben. Eines Abends suchen ihn ein gewisser Dr. Wasdenn sowie ein kleines Mäusemädchen namens Olivia Hampelmann auf. (Über die deutschen Übersetzungen der Namen könnte ich mich an dieser Stelle gehörig auslassen, ziehe aber nur eine äußerst sarkastische Augenbraue nach oben.) Der Vater des Kindes wurde entführt, und nachdem Sherlock, pardon, Basil seinen finsteren Widersacher Rattenzahn in dem ganzen Komplott wiedererkennt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Mit von der Partie sind nicht nur der etwas beleibte Arzt und Kriegsveteran Dr. Wasdenn, sondern neben Olivia auch Toby, der Spürhund Holmes, der auch auf den Mäusedetektiv hört.

Eine Hommage an Holmes

Dabei stellt sich heraus, dass Herr Hampelmann, seines Zeichens Spielzeugmacher, nur entführt wurde, um einen funktionstüchtigen Automaten in Form der Queen zu bauen, um damit Rattenzahns perfiden Plan der Allmacht über die Mäuse in Erfüllung gehen zu lassen.

„Guten Abend, Madame. Wohnt hier vielleicht der große Mäusedetektiv?“
„Bedauerlicherweise ja.“

(Basil der große Mäusedetektiv)

Geschickt eingebaut wurden so einige Anspielungen auf die Werke Sir Arthur Conan Doyles und seinen Meisterdetektiv. Wer sich im viktorianischen London Holmes‘ ein wenig auskennt, der wird hier und dort Details entdecken, die liebevoll eingeflochten wurden. So erspäht man zu Beginn des Films eine violinespielende Silhouette in einem Fenster, erkennt die schattenhaften Umrisse an den Wänden in der Baker Street, und entlarvt Basils fiesen Erzfeind Rattenzahn als niemand geringeren als den Moriarty unter den Mäusen.

Nun möchte man denken, dass Basil auf eben jenen Geschichten Doyles beruht, aber weit gefehlt! Denn diese Brücke hat bereits ein anderer geschlagen.

Basil of Baker Street

Eine Brücke zwischen Mensch und Maus

1958 schrieb Eve Titus den ersten von mittlerweile acht Bänden über den Mäusedetektiv Basil. Dabei widmete er sein Kinderbuch Doyle und äußerte die Hoffnung, mit dieser Adaption die Geschichten Holmes auch für Kinder zugänglich zu machen, und die Lust am detektivischen Spürsinn zu wecken. Dass er seiner Maus den Namen Basil gibt, ist dabei keine Zufälligkeit, denn auch Sherlock Holmes benutzt hin und wieder diesen Namen zur Tarnung.

It stated that only Basil and myself were allowed upstairs – no other mouse was even to venture near our passageway. It was therefore with great surprise that we saw someone hurrying to meet us. It was Mrs. Judson, our mousekeeper.

(Basil of Baker Street | S. 9)

Das Buch beginnt damit, dass uns Dr. Dawson in das Leben der Mäuse von London einführt. Er berichtet, wie er mit Basil zusammentraf und sie bereits so einige Fälle gemeinsam lösen konnten. In der berühmten Baker Street 221B wohnen nicht nur Holmes und Watson, sondern eben auch das mäuserische Pendant Basil und Dawson. Die beiden Mäuse lauschen den Ausführungen des großen Detektivs, und Basil ist allseits darauf bedacht, sich ebensolche Fähigkeiten wie sein Vorbild anzueignen. Doch auch andere Mäuse bevölkern die Baker Street, aber niemandem außer den beiden ist es erlaubt, ungesehen in den oberen Stockwerken herumzuhuschen.

Entführung und Verstrickung

Im ersten Fall, den wir gemeinsam mit den Mäusen lösen müssen, geht es um das Verschwinden von Zwillingskindern. Mutter Maus ist ganz aus dem Häuschen und weiß kaum noch ein noch aus. Doch Basil behält den Überblick und erwartet bereits einen Überbringer der notwendigen Forderungen. Eine Mäusebande, genannt The Terrible Three, steckt hinter der Entführung und sie wollen nichts geringeres, als das Quartier in der Baker Street zu übernehmen, um so zentral die Mäusewelt in London zu beherrschen. Der Fall führt die beiden Spürnasen Basil und Dawson schließlich ans Meer und hinein in eine zwielichtige Spelunke voll bärbeißiger Seebären. Hier treffen sich nun auch endlich Buch und Film wieder, denn auch bei Disney verkleiden sich die beiden Mäuse als Kapitän und Matrose (mit herrlich kurzem Oberteil), um an weitere Informationen zu gelangen.

Es stellt sich heraus, dass die Mäusebande nicht nur die beiden Mädchen in ihrer Hand hat, sondern auch eben jenen Überbringer der Nachricht zu Beginn. Denn dieser hat sich unwissentlich auf die Bande eingelassen und hängt nun unweigerlich in dem ganzen Fall mit drin. Doch Basil wäre nicht Basil, wenn er nicht einen gewitzten Ausweg finden würde, um alle Beteiligten mit heiler Haut davonkommen zu lassen.

So findet der Fall ein gutes Ende, die Mädchen kommen zu ihrer Familie zurück und das Hauptquartier der Mäuse bleibt fest in Basils kleinen Händen. Doch der nächste Klient klopft bereits an die Tür und hofft auf mäuserische Hilfe.

Eine Adaption der Adaption

Dass Buch und Film dieses Mal wieder fast getrennte Wege gehen, könnte man Disney natürlich zur Last legen. Allerdings bestechen beide Adaptionen mit liebevollen Hommages an das große Vorbild Sherlock Holmes. Während sich bei Eve Titus zwar auch hier und da Andeutungen an die bekannten Figuren Doyles finden lassen, seine Mäuse aber dennoch eigenständige Wege gehen, sind diese bei Disney viel ausgebauter. Denn neben Rattenzahn alias Moriarty sehen wir im großen Showdown eine nur allzu bekannte Szene zwischen den beiden. Denn wer kennt ihn nicht, den Augenblick, in dem sich Moriarty und Holmes im freien Fall den Wasserfall hinab wiederfinden? Ähnlich ergeht es Basil und Rattenzahn, als sie schlussendlich im Uhrwerk des Londoner Wahrzeichens, dem Big Ben, aufeinander treffen. Und so verbindet der Film beide Bücher miteinander, teilt Ideen und greift neue auf und lässt so das Mysterium um den größten Detektiv aller Zeiten aufs neue auferstehen.


Disneys abendfüllende Zeichentrickfilme im direkten Vergleich zu ihren literarischen Vorlagen:
The Story behind.

Mehr Beiträge zu dieser Reihe gibt es hier:
Cap & Capper: Fuchs und Hund – Freunde oder Feinde?
101 Dalmatiner: Wertvoll gepunktet
Dumbo: Ich hab viel gesehen auf dieser Welt, …!
Bambi: Von Reh zu Hirsch
Aladdin: Der ungeschliffene Diamant
Arielle: Unter dem Meer
Robin Hood: Im wilden Sherwood Forest
Das Dschungelbuch: Dschungelgeschichten
Bernhard und Bianca: R-E-T-T-U-N-G
Schneewittchen: Spieglein, Spieglein, an der Wand
Die Eiskönigin: Völlig unverfroren adaptiert
Mulan: Vom Kampf der Geschlechter
Peter Pan: Auf ins Nimmerland!
Pocahontas: Das Farbenspiel des Winds
Alice im Wunderland: Ab durch den Kaninchenbau
Der Glöckner von Notre Dames: Der Narrenpapst
Die Hexe und der Zauberer: Das Schwert im Stein
Oliver und Co: Eine Katze unter Hunden

9 Comments on “[The Story Behind] Von Mäusen und Detektiven

  1. Wieder ein Film den ich leider noch nicht gesehen habe, aber mit deinen Beiträgen machst du mir immer Lust das nachzuholen. 😀

    Gefällt 1 Person

    • So ging es mir tatsächlich aber auch, Basil ist mir vorher irgendwie durch die Lappen gegangen 😅 Aber schön, dass du dann eben auch Lust drauf kriegst, da freut sich der Krümel sicher auch 🤗

      Alles Liebe!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: [The Story Behind] Ein echter Junge? – Buchperlenblog

  3. Liebe Gabriela,

    da bekomme ich direkt wieder Lust auf den Film. Danke dir für den Beitrag.
    ich dachte ehrlich gesagt, dass sich Disney Sherlock Holmes genommen und es auf mäuserisch umgemogelt hat, aber nein, auch hier gab es Basil bereits in Buchform. Gut zu wissen.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Tina!
      Ich bin auch immer wieder ganz erstaunt, wie viele Disneyklassiker eigentlich auf Büchern beruhen, die man womöglich aber sonst auch gar nicht kennen würde. Basil war auf jeden Fall eine tolle Entdeckung für mich, die Bücher machen wirklich Spaß!

      Alles Liebe!
      Gabriela

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