[Im Rausch der Trilogien] Tom Rob Smith – Die Leo-Demidow-Trilogie

Liebste Büchermenschen!

Jeder von uns kennt dieses eine Zauberwort, das uns ein ums andere Mal in aufregende, neue Welten entführt, uns wieder und wieder Seite an Seite mit Helden und Bösewichten kämpfen lässt, mit Druckerschwärze gefesselt auf Papier. Ja, liebe Freunde, das magische Wort, von dem ich spreche, lautet Trilogie.

Über die Spanne von drei Bänden befindet man sich im Sog einer Geschichte, deren Protagonisten und Geschehnisse sich innerhalb der Trilogie immer weiterentwickeln, sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. Nach jedem Band kann man als Leser aufatmen und zugleich aufgeregt sein, denn die Geschichte geht weiter! Bis zum dritten und finalen Band, der den Ausgang der Geschichte endgültig entscheidet. Jedes Mal ist es ein Fest, ein Rausch, dem man sich nicht entziehen kann. Und weil wir uns immer wieder gern in diesen Rausch der Trilogien stürzen, haben Ida von Idasbookshelf und ich uns eine Beitragsreihe ausgedacht, in der wir euch jeweils eine Trilogie vorstellen werden.

Nachdem wir nun schon zwei Trilogien vom Phantastik-Meister Kai Meyer vorgestellt haben, und uns beim letzten Mal einer dystopischen Zukunft voller Vampire und lebendigen Maschinen gestellt haben, begeben wir uns nun ins kalte, kalte Russland. Bei Ida wurde es gestern schon märchenhaft-düster dank Katherine Ardens Winternacht-Trilogie rund um den Winterkönig! Bei mir jedoch zeigt sich die ehemalige Sowjetunion in ihrem vielleicht schäbigsten Licht, zur Zeit nach der russischem Revolution.

Tom Rob Smith

Die Leo-Demidow-Trilogie

Willkommen im eiskalten Russland! Und zwar wortwörtlich. Denn wir befinden uns in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, Stalin hat das Land unter seiner Knute fest im Griff.. Leo Demidow gehört der russischen Geheimpolizei an, dem sogenannten MGB. Unter dem Deckmantel der Revolution führt er zu Hauf Untersuchungen gegen seine Mitbürger durch, verhaftet sie und ist nicht selten dafür verantwortlich, dass diese exekutiert werden.

IMG_20191211_100955.jpg

Kind 44

Kind 44 ist der Auftakt der Trilogie und wurde bereits 2015 verfilmt. Wir lernen Leo als staatstreuen Kommunisten kennen, seinem Staat loyal unterstellt und ohne den Wunsch, dessen Machenschaften in Frage zu stellen. Der Sohn seines Kollegen und Freundes wurde tot aufgefunden, die Umstände sind schnell geklärt – aber nur für den Staat. Verbrechen gehören in einen kapitalistisch geprägten Staat, und nicht in die Sowjetunion. Leo fällt die Aufgabe zu, der Familie des toten Kindes klarzumachen, dass sie nicht nach einem mutmaßlichen Mörder suchen werden, den es einfach nicht geben kann.

anführung_unten

Da Maria beschlossen hatte zu sterben, würde ihre Katze sich allein durchschlagen müssen. Maria hatte sich schon viel länger um sie gekümmert, als vernünftig war.

(Kind 44 | S.7)anführung_oben

Doch auch in Leo keimen langsam Zweifel am System, in dem er selbst mitwirkt. Als er schließlich seine eigene Frau Raisa denunzieren und der Spionage bezichtigen soll, weigert er sich und verliert dadurch seinen Beruf, seine Zukunft – und beinahe auch seine Familie. Denn der Staat erlaubt keinen Widerspruch, wer nicht spurt, wird fortgeschafft.

So entwickelt sich dieser Thriller in eine politische Richtung, die den Mordfall an Kind 44 beinahe schon in den Hintergrund rücken lässt. Tom Rob Smith versteht es, ein graues Russland vor den inneren Augen auferstehen zu lassen. Die Tristesse ist greifbar, nicht selten konnte ich die Beschreibungen der Lebensumstände nur häppchenweise zu mir nehmen. Und immer wenn man meint, es könnte nicht mehr schlimmer werden, so setzt der Autor noch eins obenauf. Doch immer so, dass es glaubhaft bleibt, in all seiner Grausamkeit.

IMG_20191211_101045.jpg

Kolyma

Band 2 der Reihe setzt drei Jahre nach dem ersten Band 1 an. Der Fall ist hier politisch noch verstrickter, als es der erste war. Wir lernen die wory kennen, eine Organisation aus Verbrechern und solchen, die unschuldig in die Gulags der russischen Welt gesteckt wurden, und nun fernab jeglicher Staatsmacht agieren. Ein kurzer Rückblick auf Leos Anfänge zeigt, dass ihn ein Fall seiner ersten Tage beim MGB bis jetzt verfolgt hat. Seine Familie wird bedroht und ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich als verdeckter Ermittler nach Kolyma einschleusen zu lassen.

Kolyma. So lautet der Name eines 2129km langen Flusses, der durch Sibirien fließt. Kolyma steht aber auch für ein Gebiet, in dem es zu menschenunwürdigen Haftierungen politischer Gefangener sowie Schwerverbrecher kam. Hunderttausende saßen dort ihre Haftstrafen ab, wurden systematisch gebrochen und gefoltert, und schürften Tag für Tag für den Staat nach Gold.

anführung_unten

Wir überlegten uns eine Strafe für ihn. Wir machten eine Liste aller Foltermethoden, die wir alle zusammengenommen hatten erdulden müssen und für die es keines besonderen Aufwands bedurfte. Dabei kamen wir auf über hundert. Jede Nacht haben wir den Agenten einer dieser Methoden unterzogen, die ganze Liste durch, eine Folter nach der anderen.

(Kolyma | S.233)anführung_oben

Leo riskiert sein Leben, um ein Verbrechen wieder gutzumachen, dass er vor vielen Jahren an einem Priester begangen hat. Dabei wird er am eigenen Leib erfahren, was die Menschen, die das Pech hatten,  ihm und seiner Laufbahn zu begegnen, erdulden mussten. Foltermethoden, die Schmerzen vom reinen Lesen bereits hervorrufen, werden an ihm ausprobiert, Morde auch unter Gefangenen stehen an der Tagesordnung.

Dieser Teil gipfelt in der Umbruchstimmung der Ukraine und zeigt somit die gesamte Bandbreite, die der sowjetischen Überwachung untergeordnet war. Auch in diesem Band spielt der zentrale Fall des Agenten Leo weniger eine Rolle, als die begleitenden Umstände des Leben in der ehemaligen Sowjetunion. Schlussendlich muss sich Leo endgültig entscheiden, ob er weiterhin der nunmehr als KGB bezeichneten Organisation  angehören will, oder ob er ein Leben als Geächteter des Volkes leben will.

IMG_20191211_101116.jpg

Agent 6

Im dritten Band wird nun ein großer, 15 Jahre umfassender Bogen geschlagen. Wieder finden wir uns am Anfang von Leos Karriere beim MGB wider. An seiner Seite sein junger Protegé Grigori, den er zum Agenten ausbilden soll. Grigori ist schlau, aber weniger staatsloyal, als ihm gut täte. Als eine Künstlerin überwacht werden soll, in die der junge Mann vernarrt ist, läuft für ihn alles aus dem Ruder.

anführung_unten

Vernehmungsbeamter Borisow: Wie fühlen Sie sich im Moment?
Verdächtiger: Ich habe nichts Unrechtes gemacht.
Vernehmungsbeamter Borisow:  Das habe ich nicht gefragt, sondern: Wie fühlen Sie sich?
Verdächtiger: Ich bin beunruhigt.
Vernehmungsbeamter Borisow: Natürlich, das ist völlig normal. Aber sehen Sie, Sie haben nicht gesagt: „Ich fühle mich, wie sich jeder in meiner Lage fühlen würde, d.h. beunruhigt.“

(Agent 6 | S.9)anführung_oben

Auch ein bekannter amerikanischer Sänger findet seinen Weg in die Sowjetunion. Auf den Bühnen der Welt betreibt er Propaganda für die Idee des Kommunismus und schwärmt in höchsten Tönen von dessen Umsetzung in Russland. Doch als er einen Besuch ankündigt, bricht Panik hinter den verdeckten Vorhängen der Regierung aus. Sein Besuch wird minutiös geplant, Läden mit weiteren Lebensmitteln präpariert und Agenten als normale russische Bürger ausgegeben. All das, um das friedlich-erfolgreiche Bild des Kommunismus aufrechtzuerhalten, das der Sänger von ihnen freiwillig nach außen getragen hat bisher.

Dieser Band widmet sich vorrangig den außerpolitischen Beziehungen der UdSSr. Wir verlassen Russland, halten uns abwechselnd in Amerika und Afghanistan auf und überspringen dabei unglaublich viele Jahre in Leos Leben.

Schon in den Bänden davor blieben mit die Charaktere meistens fern, die Gräueltaten fesselten mich zwar, lösten aber keine tiefere Bestürzung oder gar Mitleid in mir aus. Gerade auch im letzten Band wird dieser Abstand zu Leo Demidow noch einmal deutlich sichtbar. Nach einem einschneidenden Erlebnis werden beinahe dreißig Jahre im Schnelldurchlauf erfasst, rückblickend und ohne Nähe zu Leo zuzulassen. Einerseits macht es das natürlich einfacher, über den grausamen Ereignissen zu stehen, auf der anderen Seite jedoch verspielt der Autor damit einige Chancen auf ein emotionalisiertes Leseerlebnis.

Bibliographisches

Autor: Tom Rob Smith
Übersetzer: Armin Gontermann (Kind 44 & Kolyma), Eva Kemper (Agent 6)
Band 1:
Kind 44
Band 2: Kolyma
Band 3: Agent 6
Erschienen: zwischen 2010 – 2013
Genre: (politischer) Thriller
Gesamtwertung: ★★★★☆

schnörkel


Im Rausch der Trilogien – Eiskaltes Russland

13.01.20    Ida: Katherine Arden – Die Winternacht-Trilogie
14.01.20    Gabriela: Tom Rob Smith – Die Leo-Demidow-Trilogie
15.01.20    Ida: Die uralte Magie der Chyerti
16.01.20    Gabriela: Im Würgegriff der Revolution
17.01.20    Ida:  Lasst uns ein Spiel spielen…
17.01.20    Gabriela: Russisch Roulette

15 Comments on “[Im Rausch der Trilogien] Tom Rob Smith – Die Leo-Demidow-Trilogie

  1. Pingback: Im Rausch der Trilogien | Katherine Arden – Die Winternacht-Trilogie – ida's bookshelf

  2. Der erste Teil war eines der atmosphärischsten und wohl auch bedrückendsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Der zweite Teil konnte da um Längen nicht mithalten. Der dritte Teil war dann wieder okay. In Summe bleibt eine trotz allem sehr lesenswerte Trilogie.

    Aber rückblickend hätte der erste Teil – den ich tatsächlich nahe an dem verorten würde, was man „Meisterwerk“ nennt – wohl keine Fortsetzung gebraucht.

    Gefällt 2 Personen

    • Moin! 🙂
      Japp, so ungefähr würde ich es am Ende auch zusammenfassen, nur dass für mich der dritte der schwächste Teil bleibt. Leo und die anderen handelnden Personen sind unglaublich unnahbar geworden und alles scheint auf einer Ebene zu passieren, bei der ich kaum mehr als stummer Beobachter war. Eigentlich schade, denn der erste Teil hat mich unglaublich mitgerissen.

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  3. Hallo Gabriela,

    ich hatte damals nach erscheinen Kind 44 und Kolyma gelesen. Ersteres war für mich ein richtig spannender Thriller, der zweite wirkte für mich bis auf die Gulagszenen zu aufgesetzt, zu erzwungen. Wie du es schon geschrieben hast, erfährt man irgendwie keine Nähe zu Leo (außer im ersten Buch). Daher reizte mich der zweite Band auch nicht mehr.

    Falls ihr für euren Rausch der Trilogie noch etwas vornehmen wollt, empfehle ich mich die Bücher „Tage der Nemesis“, „Rattenlinien“ und „Sojus“, alle im wunderbaren Ars Vivendi Verlag erschienen (gleich bei mir um die Ecke 😉). Dieser hat auch einen etwas ungewöhnlichen Ermittler im Mittelpunkt, mit dem man aber mehr mitleidet. Und der Autor Martin von Arndt beschreibt in allen drei Büchern historische Ereignisse, die man nicht so auf dem Schirm hat (zumindest in den ersten 2 Büchern – Vertreibung der Armenier durch die Türken vor 100 Jahren, Flucht der Nazis über die Alpen nach dem Zweiten Weltkrieg, Ungarnaufstand). Kann diese Reihe wirklich empfehlen und ist sehr gut zu lesen.

    Liebe Grüße
    Marc

    Gefällt 2 Personen

    • Huhu Marc!
      Kind 44 ist auf jeden Fall einer der spannendsten Thriller, die ich bisher gelesen habe – wobei das mehr auf den Schilderungen beruht, als auf dem eigentlichen Fall – daher fand ich es auch irgendwie schade, dass diese Spannung danach nie mehr so richtig erreicht wurde.
      Deinen Tipp schau ich mir sofort mal an, man kann schließlich nie genug Buchreihen haben 😀 Danke dir!

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  4. Liebste Gabriela! ❤
    Da hattest du dir für unseren Trilogienrausch aber ganz schön schwere Kost rausgesucht – vielleicht war es dann tatsächlich besser, dass eine gewisse Buch-Leser-Distanz vorhanden war! Sonst hättest du am Ende gar nicht mehr weiterlesen können :-O Und auch wenn der Autor nicht alle Chancen genutzt hat, die sich ihm bei dieser Reihe vielleicht geboten haben – es klingt trotzdem nach einer so spannenden und aufwühlenden Geschichte, die einem einen Blick in Russlands düstere Geschichtskapitel wagt. Jetzt freu' ich mich noch mehr auf deinen Beitrag am Donnerstag! ❤

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Im Rausch der Trilogien | Die uralte Magie der Chyerti – ida's bookshelf

  6. Pingback: [Im Rausch der Trilogien] Im Würgegriff der Revolution – Buchperlenblog

  7. Pingback: Im Rausch der Trilogien |Lasst uns ein Spiel spielen… – ida's bookshelf

  8. Pingback: [Im Rausch der Trilogien] Russisch Roulette – Buchperlenblog

  9. Hallöchen,

    Mal wieder ein interesanter Beitrag.
    Ich mag euren Rausch der Trilogien richtig gerne.
    Ich habe von der Reihe schon gehört.
    Ich fand immer, dass der erste Teil sehr interessant klingt, aber die Fortsetzungen klingen nicht so toll, deshalb habe ich die Reihe nie gelesen.

    LG
    Elisa

    Gefällt 1 Person

    • Huhu Elisa!
      Das hör ich gern! 🙂 Der erste Teil ist auch insgesamt einfach der Stärkste der Reihe – wenn du nur den lesen würdest, wäre es auch kein Problem für die Geschichte. 🙂

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Liken

  10. Pingback: Rückblick auf den Januar – Buchperlenblog

Schreibe eine Antwort zu Marc Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: