[A Month With Neil Gaiman] Eine mythische Reise

Willkommen ihr Bücherwürmer,

zu einem weiteren Herzensbeitrag zum Lieblingsautor Neil Gaiman. Heute wollen wir eine mythische Reise antreten, eine Reise, die uns zu alten Göttern führen wird. Eine Reise, die von alten und neuen Geschichten erzählen wird.

Bereit? Los geht’s!

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Erster Halt

American Gods

Dass die amerikanische Mythologie eher spärlich bis nicht vorhanden daherkommt, weiß man. Was also verbirgt sich hinter dem groß klingenden Namen American Gods, einem Roman aus dem Jahr 2007, welcher mittlerweile als Amazon-Serie verfilmt wird?
Wer sind diese amerikanischen Götter, von denen der Titel kündet? Ist es sinnbildlich gemeint, thematisiert Gaiman hier vielleicht Shootingstars, Schauspieler, Influencer, quasi die personifizierten Götter für manche Menschen unserer Zeit?

Mitnichten! In American Gods geht es vielmehr um die alten Götter, jene, die aus Europa kamen, aus dem hohen Norden und aus Afrika. Asien. Jene, die mit ihren Gläubigen vor vielen Jahrhunderten über den großen Teich kamen. Und jene, die nun am Abgrund stehen, vergessen und ohne Glauben.

Shadow Moon, ein junger Mann und Protagonist der Geschichte, wird nach drei Jahren aus der Haft entlassen. Er ist kein brutaler Mensch, nur ein loyaler. Er liebt seine Frau, die draußen auf ihn wartet. Doch dann kommt sie zu Tode, ebenso sein bester Freund, der mit ihr in einem Auto saß. Zufall? Auf dem Weg zur Beerdigung triff Shadow auf Wednesday, einen etwas zwielichtigen Typen, geheimnisvoll. Er bietet ihm einen Job an.

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Sie arbeiten für mich. Sie beschützen mich. Sie helfen mir. Sie transportieren mich von einem Ort zum anderen. Von Zeit zu Zeit stellen Sie Ermittlungen an – Sie reisen herum und holen in meinem Auftrag Erkundigungen ein. Sie machen Besorgungen. Im Notfall, aber nur im Notfall, tun Sie Leuten weh, die das verdient haben.
In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich sterben sollte, werden Sie für mich eine Totenwache halten. Und im Gegenzug werde ich dafür Sorge tragen, dass Ihre Bedürfnisse angemessen befriedigt werden.

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Shadow willigt ein und somit beginnt der größte Trip seines Lebens. Denn ein Trip ist die gesamte Geschichte, einmal quer durch Amerika und hinter seine Kulissen. Shadow und Leser treffen gleichermaßen auf alte Gottheiten wie Anubis, Bilquis, Anansi. Der John Wayne neben ihm stellt sich als Mr. Wednesday vor. Die nähere Bedeutung wird erst klar, wenn man sich mit den Namen der Wochentagen auseinandersetzt. Denn der Tag des Wednes heißt im Niederländischen Woensdag, im Skandinavischen Onsdag. Er ist der Tag des Wotan, auch bekannt als Odin, der All-Vater.

Odin also will einen Krieg anzetteln zwischen den alten und den neuen Göttern, denen des Internets, der Autobahnen, des Konsums. Und Shadow begleitet ihn, hält für ihn seinen Kopf hin und gerät dank Träume und Magie immer tiefer in die Welt der Götter. Neil Gaiman spielt mit unglaublich vielen mythologischen Bildern, es gibt Querverweise rund um den gesamten Erdball. Es ist ein fantastisches Buch mit tiefen Einblicken und großen Aha-Effekten.

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Zweiter Halt

Anansi Boys

Hat man den Krieg der Götter heil überstanden, sollte man sich einmal mit der Geschichte des Anansi beschäftigen. Anansi, ein afrikanischer Spinnengott, ein Geschichtenerzähler und begnadeter Sänger. Bereits in American Gods war er ein interessanter Charakter, stand als Mr. Nancy in zitronengelben Handschuhen neben Shadow. Hier geht es nun um seinen Erben, Charles – Fat Charlie – Nancy. Ein Verlierertyp durch und durch. Nur mit seiner Verlobten hat er mächtig Glück gehabt. Doch als die beiden ihre Hochzeit planen, erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters. Und erst jetzt wird ihm eröffnet, dass sein Vater ein Gott war. Auch das Charles einen Bruder hat, der die göttlichen Eigenschaften geerbt hat, wusste er bis dato nicht. Im betrunkenen Zustand flüstert Charlie einer Spinne zu, er wolle seinen Bruder sehen und am nächsten Tag steht Spider bereits vor der Tür. Dass dieser nur Ungemach bringt, ist von vornherein klar. Wo Charlie schüchtern ist, sich klein macht, tollpatschig ist, da steht Spider aufrecht da, umgarnt mit Leichtigkeit Mann und Frau. Er ist all das, was Charlie nicht ist und noch mehr. Er ist vor allem lästig und spannt Charlie die Verlobte aus.

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Erwähnenswert ist vielleicht, dass Frauen in Fat Charlies Welt schlicht und einfach nicht vorkamen. Man musste ihnen vorgestellt werden; man musste den Mut aufbringen, mit ihnen zu sprechen; man musste ein Thema finden, über das man sprechen konnte, und dann, wenn man es tatsächlich so weit geschafft hatte, gab es weitere Gipfel zu erklimmen.

Man musste sich trauen, sie zu fragen, ob sie am Samstagabend schon etwas vorhätten, und dann, wenn das gelungen war, hatten sie meistens Haare, die an diesem Abend gewaschen werden mussten, oder Tagebücher, die auf den neuesten Stand zu bringen waren, oder Papageien, die der Pflege bedurften, oder sie mussten einfach neben dem Telefon sitzen und darauf warten, dass irgendein anderer Mann nicht anrief.

(S.97)
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War es bis dahin noch recht alltäglich, schlüpft Charlie nun in die Welt der Götter und erfährt, wie er seinen Bruder wieder loswerden kann. Er lernt Tiergottheiten kennen, die allesamt nicht gut auf die Sippe des Anansi zu sprechen sind. Denn Anansi hat sie alle gefoppt und wir hören im Verlauf der Geschichte die ein oder andere Anekdote, die dem Spinnengott zugeschrieben wird. Denn alle Geschichten gehören Anansi.

Anansi Boys wird als geheimer Nachfolger zu American Gods gehandelt, auch wenn das nur der halben Wahrheit entspricht. Denn die Geschichte ist eine ganz andere, hat ihren eigenen Rythmus und ihre eigene Magie. Auch der Erzählstil ist ein anderer, flotter, erzählender, wunderbar.

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Zielstation

Norse Mythology

Du hast noch immer nicht genug von den alten Göttern? Dann geht es dir wie mir. Das nordische Pantheon ist meine geheime Liebe. Odin und Loki, Thor und Balder, sie alle haben ihren Platz in meinem Herzen schon lang erkämpft. Fand man in American Gods und Anansi Boys die alten Götter in modernen Zeiten, widmet sich Neil Gaiman in Norse Mythology den alten Geschichten.

Er trug die Erzählungen aus der Lieder-Edda und der erzählenden Edda des Snorri zusammen und erzählt sie neu. Er schafft es, die alten Geschichten, die manchmal etwas unklar und verschwurbelt scheinen, aufzuklären, ihnen Leben einzuhauchen und auch dem Leser von heute verständlich zu machen. Gaiman schlägt einen Ton an, der sowohl frisch als auch passend althergebracht wirkt. In diesem Buch lesen wir von den Anfängen der Welt, von Niflheim und Muspell, wir erfahren wie Odin sein Auge gab um Weisheit zu erlangen. Uns eröffnet sich, woher der Met der Götter stammt, wir lernen Thor besser kennen und hören, wie er zu seinem Hammer Mjollnir kam. Wir erfahren von den Listen des Loki, des Lügenschmieds, Vater der Midgardschlange, des Fenris Wolf und der Hel, Hüterin der Toten. Und es endet, wie es enden wird, irgendwann, wenn Ragnarok über uns kommt, wenn die Zeit reif ist für die Götterdämmerung.

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That is why Odin is called the all-father. Because he was the father of the gods, and because he breathed the breath of life into our grandparents‘ grandparents‘ grandparents. Whether we are gods or mortals, Odin is the father of us all.

(S35)
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Ich hoffe, ich konnte euch ein Stück mitnehmen auf die mythische Reise, die Neil Gaiman in manchen Geschichten einschlägt. Seid neugierig, seid mutig und folgt den Spuren der alten Götter!

schnörkel


Weitere Beiträge zu [A Month With Neil Gaiman]:

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Kurz und bündig

Tribute to Neil Gaiman – My Valentine

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26 Comments on “[A Month With Neil Gaiman] Eine mythische Reise

  1. Ich weiß nicht, ob du das weißt – aber was sagen Leute, die sich mit Mythologie wirklich auskennen, zu Neil Gaiman? Mein Horror-Beispiel ist hier ein gewisser Herr Hohlbein, der sich aus irgendwelchen Mythen irgendwelche Themen herauspflückt, die ihm in die Story passen, und sie teilweise völlig zusammenhang- und sinnlos und fehlerhaft (im Sinne des ursprünglichen Mythos) in seine Geschichten verbaut …
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    • Huhu Christiane!
      Nun, das weiß ich in der Tat nicht – hab aber auch bisher nichts negatives finden können. American Gods und Anansi Boys sind ja weitergesponnene Geschichten, wie sich die alten Götter heute verhalten würden, gepaart mit deren Ursprungsgeschichten und ihren Charakterzügen. Aber für Norse Mythology kann ich zumindest sagen, dass er die Geschichten so erzählt, wie sie auch in der Edda zu finden sind. Nur eben verständlicher teilweise.
      Ich weiß aber genau was du meinst, mir is das auch in vielen anderen Büchern (grad die arg romantisierten) aufgefallen, dass den alten Gottheiten Wesenszüge und Geschichten angedichtet werden, die mit dem Ursprung nichts mehr gemein haben.

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

  2. Ich wusste gar nicht, dass „American Gods“ auf einem Buch beruht. Ich hatte die Serie mal im Blick, kenne sie aber nicht. Irgendwas kam dann damals dazwischen. Jetzt hab ich mich wieder dran erinnert. 😉

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  3. Jetzt dürfen sich drei weitere Bücher auf meine Wunschliste begeben! 😀
    Von Neil Gaimans mythologischen Büchern hatte ich vorher immer nur am Rande gehört, war aber nicht zu hundert Prozent überzeugt (warum auch immer) und habe mich noch nicht so wirklich an die Bücher herangetraut- danke dir für die Leseempfehlung! ❤

    Gefällt 1 Person

  4. Liebes das war gerade super interessant! Unglaublich wie viel Neil Gaiman über diese Götter zu schreiben wusste! Das macht auf jeden Fall neugierig und ich habe mächtig Lust mir das erste Buch zu schnappen und in die Welt der Götter einzutauchen! Vielen Dank für diesen super tollen Beitrag ❤

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  5. Hey Gabriela,
    American Gods wird immer einen speziellen Platz in meinem Herzen haben, weil es mein erstes Gaiman-Buch war. Anansi Boys mochte ich auch sehr gerne.
    North Mythology ist wieder ganz anders. Sein Schreibstil ist unverkennbar, aber man merkt schon, dass die Plots nicht aus seinem Kopf kommen. Ich bin aber erstaunt wie gut er die Edda eingefangen hat. Oftmals sogar besser als die kommentierte Version der Edda, die ich vor x Jahren Mal gelesen habe.
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Katha!
      Ich find es wirklich erstaunlich, wie er in den Erzähltönen variieren kann und man dennoch immer seine Stimme heraus hören kann. Das macht einen Schriftsteller auch aus find ich 🙂

      Liebe Grüße!
      Gabriela

      Gefällt 1 Person

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  12. Huhu (=

    Ich muss gestehen, von Gaiman habe ich bislang nichts gelesen, nur die Serie „American Gods“ gecshaut. Ich weiß nicht ob deine vorgestellten Bücher mich ebenso in den Bann ziehen würden, habe aber nun zwei andere auf meine Wunschliste gepackt: „Niemalsland“ und „Der Ozean am Ende der Straße“. kennst du eines davon?

    Mukkelige Grüße!

    Gefällt 1 Person

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      • Das ist nicht nur traurig, sondern auch ärgerlich..
        die Person gehört inzwischen genauso zu der Kategorie „Es war einmal“ in meinem Leben, wie auch so manche weitere verliehene und nicht mehr zurückbekommene Dinge von ihr…
        Bin inzwischen eine „Verleihnixmehr“… aber auch ich selber leihe mir ungern was aus…
        Hab vor etlichen Jahren mal ein Buch (weiß auch noch welches es war…) von einer mütterlichen Freundin geliehen… tja… und genau das Buch hat sich dann bei mir gefühlt aufgelöst und die Seiten lösten sich an der Klebebindung…
        ich fand das sooo schlimm und mich ärgerte das so unheimlich… hab dann die gleiche Ausgabe damals gesucht, gekauft und ihr die Gekaufte „Zurückgegeben“… die „Zerfledderte“ hab ich behalten…und weil es mich einfach so ärgerte, hab ich den Verlag damals angeschrieben deswegen… denn es kann ja nicht sein, daß ein Taschenbuch sich beim zweiten Mal lesen in einen zerlesenen Blätterhaufen verwandelt…
        Tja.. ich bekam dann die zerfledderte Ausgabe vom Verlag ersetzt…
        Warum ich das „geschundene“ ausgeliehene Buch ersetzt habe? .. nun, weil ich selber auch keine zerlesenen und zerknickten Bücher zurückerhalten möchte, wenn es vorher in sehrgutem bis gutem Zustand mein Regal verlassen hat (alles auch schon mitgemacht…auch das trug dazu bei, daß ich nun eine „Verleihnixmehr“ bin) .
        Hast Du sowas auch schon erleben müssen?

        Gefällt 1 Person

  14. Pingback: Rückblick auf den Februar – Buchperlenblog

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